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Nach der Finanzierungsrunde : Uber und Überschwang

Demonstrierende Taxifahrer in Philadelphia: Ubers rasante Expansion ruft weltweit Protest hervor. Bild: AP

Der Börsenwert des Senkrechtstarters übersteigt mittlerweile den der Deutschen Bank. Das weckt Erinnerungen an die Technologieblase der späten neunziger Jahre. Doch Uber hat das Zeug, zur nächsten gelungenen großen Wette zu werden.

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          Es ist eine atemberaubende Zahl: Mit 40 Milliarden Dollar wird der amerikanische Fahrdienst Uber in seiner jüngsten Finanzierungsrunde bewertet. Das übersteigt den Börsenwert von Unternehmen wie Deutsche Bank oder Deutsche Post. Auch der Kurznachrichtendienst Twitter oder der Elektroautohersteller Tesla halten da nicht mit. Die beiden deutschen Börsenneulinge Zalando und Rocket Internet reichen selbst kombiniert nicht in die Nähe davon. Vor sechs Monaten taxierten Investoren Uber bei einer Finanzierungsrunde nicht mal mit der Hälfte des heutigen Betrags, im Sommer vergangenen Jahres war es weniger als ein Zehntel. Was für ein Aufstieg für das 2009 gegründete Unternehmen. Uber hat sich damit nach Facebook und Twitter als der nächste Mega-Börsengang positioniert, auf den die ganze amerikanische Technologiebranche wartet.

          Uber zeigt, wie locker das Wagniskapital in diesen Tagen in den Vereinigten Staaten sitzt. Investoren agieren, als ob sie Angst haben, das nächste große Ding zu verpassen. Uber hat nun eine Ausnahmestellung, ist aber keineswegs das einzige Beispiel für eine exorbitant hohe Bewertung. Der Fotodienst Snapchat etwa, der bisher keine nennenswerten Umsätze erzielt, wurde zuletzt mit 10 Milliarden Dollar bewertet. Dabei sind es nicht nur die Wagniskapitalgesellschaften, die Bewertungen in die Höhe treiben. Internetkonzerne wie Google und Facebook nehmen viel Geld in die Hand, um junge, aufstrebende Unternehmen zu kaufen. Oft werden Wettbewerber übernommen, die dem eigenen Geschäft gefährlich werden könnten, so wie im Fall des Kurzmitteilungsdienstes Whatsapp, für das Facebook 19 Milliarden Dollar hinlegte.

          Nutzerwachstum ist wichtiger als der Umsatz

          Die überschießenden Bewertungen wecken Erinnerungen an die Technologieblase der späten neunziger Jahre. Zwar wurde in jüngster Zeit oft beteuert, im Silicon Valley herrsche eine neue Nüchternheit, und es würde nicht mehr jeder Idee Geld hinterhergeworfen, wenn sie nicht auf absehbare Zeit nennenswerte Umsätze und auch Gewinne verspricht. Aber mit solchen Preisen senden die investitionsfreudigen Akteure im Silicon Valley eine andere Botschaft aus und ermutigen damit junge Startup-Unternehmen, selbstbewusst aufzutreten und hohe Bewertungen einzufordern.

          Facebook-Vorstandsvorsitzender Mark Zuckerberg etwa sagt regelmäßig, er lege keinen großen Wert darauf, dass Neuzugänge wie Whatsapp bald zu bedeutenden Einnahmequellen werden. Wichtiger sei das Nutzerwachstum. So ähnlich wurde auch in den neunziger Jahren oft argumentiert. Facebook ist freilich ein Beispiel dafür, dass dieser Ansatz, der damals viele Unternehmen scheitern ließ, tatsächlich funktionieren kann. Auch Facebook hat sich lange Zeit genommen, aus seiner Nutzergemeinde Kapital zu schlagen, erfreut sich heute aber eines wachstumsstarken und profitablen Werbegeschäfts. Es wird indessen nur eine begrenzte Zahl von Unternehmen geben können, die eine ähnliche Erfolgsgeschichte hinlegen können wie Facebook. Viele der teuren Wetten, die Investoren im Silicon Valley derzeit eingehen, werden daher nicht aufgehen.

          Niedrige Markteintrittsbarrieren für Wettbewerber

          Der neue Senkrechtstarter Uber hat ohne Zweifel das Zeug dazu, zu einer gelungenen Wette zu werden. Jenseits all der Negativschlagzeilen, die es in den vergangenen Wochen um Datenschutz und Schmutzkampagnen gegen Journalisten gegeben hat, bleibt die Erkenntnis, dass es dem Unternehmen gelungen ist, Mobilität neu zu definieren und zu einer Bedrohung für die verkrustete Taxibranche zu werden. Und Uber will nicht nur Taxifahrern das Leben schwerer zu machen. Das Unternehmen hat Ambitionen, Autos einmal ganz zu ersetzen und nebenbei auch zu einer Konkurrenz für Kurierdienste wie UPS zu werden. Uber ist auch mehr als ein reines Zukunftsversprechen. Das Unternehmen veröffentlicht zwar keine Geschäftszahlen, dürfte aber schon heute stattliche Umsätze erzielen.

          Und doch gibt es Gründe, den derzeitigen Überschwang der Uber-Investoren mit Sorge zu sehen, und die haben nicht nur mit dem Widerstand von Politikern und Regulierern zu tun, dem sich das Unternehmen regelmäßig gegenübersieht. Dass Uber innerhalb kurzer Zeit zwei milliardenschwere Finanzierungsrunden absolviert, ist beeindruckend, aber auch alarmierend. Uber verkauft die neue Finanzspritze als einen offensiven Schritt, um weiter schnell expandieren zu können. Es ist aber auch ein Defensivmanöver, das dazu dient, das eigene Revier zu verteidigen. Schon in den vergangenen Monaten hat Uber viel Geld in Preiskämpfe gesteckt, um sich Wettbewerber wie Lyft vom Leibe zu halten. Uber kann zwar wegen seiner heute schon sehr hohen Zahl von Kunden und Fahrern von einem gewissen Netzwerkeffekt profitieren. Aber das Geschäftsmodell ist angreifbar. Uber ist ein reiner Vermittlungsdienst, und entsprechend niedrig sind die Markteintrittsbarrieren für Wettbewerber, die dem Platzhirschen sein Revier streitig machen können. Ein böses Erwachen für die Investoren im Silicon Valley ist nicht ausgeschlossen – weder bei Uber noch bei all den anderen Unternehmen, in die sie im Moment so bereitwillig Geld pumpen.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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