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Kommentar zur Bahn : Schlichten statt kaputtstreiken!

Die Lokführergewerkschaft von Claus Weselsky will eine ganze Woche streiken Bild: dpa

Gewerkschaftschef Weselsky und Bahnvorstand Weber kommen nicht mehr zusammen. Es ist an der Zeit, Paartherapeuten zu holen. Weselsky sollte darin eine Chance sehen, seine Interessen durchzusetzen, ohne die Bahn kaputtzustreiken.

          Einen Streik in Rekordlänge hat Lokführergewerkschafts-Chef Claus Weselsky für die neue Woche angekündigt. Von Dienstag bis Sonntag wollen die GdL-Mitglieder die Arbeit niederlegen, im Güterverkehr sogar schon von diesem Montag an. Wieder müssen Millionen Fahrgäste umdisponieren, berufliche und private Termine geraten ins Rutschen. Gewerbliche Kunden müssen ihre Transporte wieder auf Lastwagen oder das Schiff umladen. Wieder geht ein Stückchen Vertrauen in die Bahn verloren – also in das Unternehmen, von dem auch die Lokführer leben, die es jetzt auf eine harte Probe stellen.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Von außen ist nur noch schwer zu begreifen, was sich da eigentlich seit zehn Monaten zwischen dem Bahnvorstand und der Lokführergewerkschaft abspielt. In 16 Verhandlungsrunden gab es immer wieder Momente, in denen sich die Tarif-Konfliktionäre anzunähern schienen. Es sah mehrfach so aus, als sei eine Lösung in greifbarer Nähe, nachdem die Bahn das Zugeständnis gemacht hatte, mit der GdL nicht nur über die Lokführer, sondern über das gesamte Zugpersonal zu verhandeln – also auch über Zugbegleiter, Bordkellner, Disponenten. Denn über genau diese Berufsgruppen verhandelt sie (ebenfalls seit vielen Monaten und ebenfalls unter Streikdrohungen) auch mit der Konkurrenzgewerkschaft EVG.

          An der kleinen Gruppe der Lokrangierführer scheiden sich nun exemplarisch die Geister. Die Bahn will divergierende Tarifverträge mit der GDL und der größeren EVG um jeden Preis vermeiden, weil sie ein Spaltung der Belegschaft fürchtet.

          Weselsky sieht nicht das große Ganze, er sieht seine Klientel. So spricht er davon, er wolle sich nicht  den Tarifregeln der EVG unterwerfen, er sieht die grundgesetzlich geschützten Rechte seiner Mitglieder „mit Füßen getreten“. Das Verfassungsargument zieht leicht, wenn es um das Streikrecht geht. In der Tat ist das ja auch der heikle Punkt, wenn es um das geplante Tarifeinheitsgesetz der Bundesregierung geht: Solange es nicht vom Bundesverfassungsgericht gekippt wird, soll es dafür sorgen, dass die größere Gewerkschaft in einem Betrieb in Tarifkonflikten die Oberhand behält.

          Jeder Streiktag kostet Millionen Euro

          Weselsky beklagt, die Bahn wolle den Tarifabschluss mit der GDL verschleppen, um eben in den Genuss dieses Gesetzes zu kommen. Doch was wäre für die Bahn gewonnen? Das Gesetz stellt auf den Begriff „Betrieb“ ab. Davon hat der Bahnkonzern mehr als 300 – bei vielen hat die EVG die Mehrheit der Arbeitnehmer hinter sich, bei anderen aber die GDL. Es begänne also das große Rechnen, und am Ende ständen wieder unterschiedliche Tarifverträge mit der jeweils größeren Gewerkschaft. Ein Hochschaukeln der Forderungen in künftigen Tarifkonflikten wäre nicht ausgeschlossen – und nach den aktuellen Erfahrungen sogar mehr als wahrscheinlich.

          Das Tarifeinheitsgesetz ist keine Lösung für diesen Tarifkonflikt. Ein Weiterstreiken bis zum Sankt Nimmerleinstag auch nicht, denn jeder Streiktag kostet die Bahn einige Millionen Euro. Das kann sich kein Betrieb über längere Zeit leisten, der seine Kunden nicht für immer verlieren will. Auch die GDL kann es darauf nicht ankommen lassen. Weselsky und Bahnvorstand Ulrich Weber kommen persönlich nicht mehr zusammen. Deshalb ist es an der Zeit, einen oder mehrere erfahrene Paartherapeuten und Tarifschlichter zu holen, die den Zug aus dem Sackbahnhof navigieren. Weselsky sollte darin eine Chance sehen, seine Interessen durchzusetzen, ohne die Bahn kaputtzustreiken.

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