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Machtkampf bei VW : Piëchs rüder Paukenschlag

Ferdinand Piëch (vorne) und Martin Winterkorn Bild: AP

Ferdinand Piëchs Angriff auf VW-Chef Martin Winterkorn lähmt den Betrieb bei Europas größtem Autokonzern. All die vermeintlichen Kronprinzen versetzt er in Aufruhr. Andere Unternehmen der Branche regeln ihre Führungsfragen stilvoller. Ein Kommentar.

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          Audi muss sich bewegen – und zwar heftig. Zurzeit hat er noch meine Unterstützung – streichen Sie das noch.“ Es sind Sätze wie diese, die im VW-Konzern Karrieren beenden. Mal spricht sie Ferdinand Piëch gegenüber einem Redakteur dieser Zeitung, oft zu seinem Vertrauten beim Spiegel. Stets ist er sich kühl kalkulierend ihrer Wirkung bewusst. Destabilisieren, aus dem Amt drängen, neuen Mann installieren, lautet der Plan, der auch deshalb in schöner Regelmäßigkeit funktioniert, weil Piëch seine Truppen längst versammelt hat, wenn er an die Öffentlichkeit geht.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Jetzt hat er mit dem Satz „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ ein Erdbeben bislang unvorstellbaren Ausmaßes ausgelöst. Ausgerechnet den gleichsam jedes Spaltmaß persönlich nachmessenden Konzernchef sucht er vom Thron zu stoßen. Jenen Martin Winterkorn, bei dessen Team die Fäden aus mehr als 100 Fabriken zusammenlaufen, das über jährlich 10 Millionen Neuwagen wacht und Milliarden an Gewinn abliefert. Piëch aber scheint Dankbarkeit fremd. Ihn interessiert der weite Blick voraus – und er denkt in Autos. Technische Führerschaft, das ist seine Formel.

          Wer will, mag Defizite erkennen: Audi hat schwach wirkende Q7 und A4 im Köcher, Skoda wird mit einem superben Superb dem meistverkauften Konzernmodell, dem VW Passat, einheizen. Ein neuer VW Phaeton ist aus Sicht vieler überflüssig, aus Piëchs überfällig. Eher machen Mercedes-Benz oder Toyota von sich reden denn seine Lieblingshausmarke Audi, im Billigsegment findet der Konzern trotz einer schon Ewigkeiten brütenden Geheimtruppe keine Antwort auf Dacia, in Amerika hakt es seit Jahren.

          Man kann die Lage auch anders sehen: Winterkorn erfüllt seine Aufgabe bestens angesichts der von Piëch mit angezettelten Komplexität dieses kaum mehr überschaubaren Konzerns, in dem sich der Betriebsrat als Parallelkonzernführung versteht. Womöglich hat Winterkorn, der privat eine schwere Zeit durchmacht, zu forsch auf die Nachfolge als Aufsichtsratsvorsitzender gedrängt.

          Und welche Rolle ist Piëchs beständig gut gelaunter, aber in Fragen der Unternehmensstrategie nur an der Seite ihres Mannes ausgebildeten Frau Ursula zugedacht? Es gibt Konzerne, die regeln Spitzenpersonalien stilvoll, BMW hat das gerade gezeigt. In Wolfsburg ist das nun nicht mehr möglich. Piëchs rüder Paukenschlag lähmt den Betrieb und versetzt all die vermeintlichen Kronprinzen in Aufruhr. Die Klärung wird kommen, und zwar, ganz gleich welche Parolen in Politik und Gewerkschaft ausgegeben werden, als Satz aus Salzburg.

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