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Kohlemine in Australien : Kaesers Klimafalle

Aktivisten von Fridays for Future demonstrieren vor dem Siemens-Standort in Laatzen gegen die umstrittene Lieferung von Siemens-Technik für ein Kohlebergwerk in Australien. Bild: dpa

Der Siemens-Chef befindet sich in einer kniffligen Lage. Gibt er dem Druck der Klimaaktivisten nach, würde dies einen unkalkulierbaren Vertrauensverlust für das Unternehmen nach sich ziehen.

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          Einen Mann wie Joe Kaeser locken 20 Millionen Euro normalerweise nicht aus der Reserve. Aufträge in dieser Größenordnung segeln im Alltag zu recht unter dem Radar des Vorstandsvorsitzenden von Siemens hindurch. Für die Lieferung einer Signalanlage in ebendieser Höhe im Rahmen eines gewaltigen Kohleprojektes in Australien muss sich Kaeser nun aber öffentlich rechtfertigen.

          Denn der Druck ist enorm: Demonstranten der Fridays-for-Future-Bewegung machten am Freitag ihrer Wut Luft vor diversen Siemens-Standorten in Deutschland und forderten den Ausstieg aus dem Projekt. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter stimmte erwartungsgemäß prompt in das Klagelied ein. In den Händen hielten einige Teilnehmer Bilder von Tieren, die durch die verheerenden Brände auf dem fünften Kontinent bedroht sind. Kaeser selbst sah sich in Berlin zu einem Treffen mit einer führenden Umweltaktivistin veranlasst.

          Wohlgemerkt: Die riesige Kohlegrube baut nicht Siemens, sondern der indische Adani-Konzern. Die Münchner liefern lediglich die Technik für die Eisenbahnstrecke – ohne die jedoch der Abtransport der geförderten Kohle unmöglich wäre. Das sagt zweierlei aus: Zum einen, dass die Umweltaktivisten sehr gezielt Siemens als vermeintliche Schwachstelle des Kohleprojekts identifiziert haben, durch dessen Attacke es zu Fall gebracht werden könnte.

          Kaeser muss nun Führungsstärke beweisen

          Denn in Deutschland ist das moralische Erregungspotential erheblich höher als in Indien. Zum anderen wird deutlich, wie selektiv die Umweltaktivisten vorgehen. Denn wirklich effizient in Sachen Klimaschutz wäre es gewesen, mit Siemens über deren direkte Förderung fossiler Brennstoffe zu sprechen. Doch dazu kam es nicht.

          Siemens will nun bis zum Montag eine Entscheidung fällen über das umstrittene Engagement. Joe Kaeser, der sonst so gerne den Moralapostel der deutschen Wirtschaft gibt, steht damit vor einer kniffligen Entscheidung: Wagt er den offenen Vertragsbruch, würde er seinem Unternehmen einen Bärendienst erweisen.

          Wie viel Vertragstreue könnten die Kunden dann noch von Siemens erwarten? Nachahmern wäre Tür und Tor geöffnet. Morgen könnte es ein anderes Engagement sein in einem anderen Land, gegen das Menschen auf die Straße gehen. Und dann?

          Von Kaeser ist deshalb echte Führungsstärke gefordert. Er muss den Kritikern erklären, warum Siemens die zugesagten Leistungen erbringen wird. Dieser Dialog wird schwierig, denn die täglichen Bilder von brennenden Landschaften erzeugen enormen Druck. Er kann auch sagen, ob sich Siemens künftig noch um solche Aufträge bewerben wird, von denen die Konkurrenz in weiser Voraussicht die Finger gelassen hat. Aber einknicken darf Kaeser nicht.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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