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Kommentar : Zieht die Banker zur Verantwortung

Dem selbsternannten „Fabelhafte Fab“, Fabrice Tourre, droht nun Berufsverbot Bild: dpa

Der Goldman-Sachs-Banker Fabrice Tourre alias „Fabulous Fab“ wird verurteilt. Das macht Hoffnung für die Aufarbeitung der Finanzkrise.

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          Es ist merkwürdig. Auf der einen Seite kommen ständig neue Meldungen über Prozesse und Verurteilungen aus der Finanzkrise. Es sind so viele, dass die Verurteilung des Goldman-Sachs-Bankers „Fabulous Fab“ vom Donnerstagabend gar nicht weiter auffällt. Auf der anderen Seite aber haben viele Leute das Gefühl, die Finanzkrise sei noch nicht richtig aufgearbeitet, die Schuldigen immer noch nicht zur Verantwortung gezogen.

          Für dieses Gefühl gibt es einen guten Grund. Bisher haben sich die meisten Prozesse gegen die Banken gerichtet. Es ist die Deutsche Bank, die drei Milliarden Euro für Strafen und Prozesskosten zurückgelegt hat. Die Rechnung zahlen die Aktionäre von heute. Die Manager aber, die tatsächlich gegen die Gesetze verstoßen haben, mögen heute schon wieder woanders sein, so wie auch „Fabulous Fab“ nicht mehr für Goldman Sachs arbeitet. Die Aktionäre, die damals den Gewinn eingefahren haben, mögen ihre Aktien schon wieder verkauft haben.

          Natürlich: An der Finanzkrise sind nicht nur die Banken Schuld. Auch Politiker, Notenbanker, Immobilienkäufer und viele andere haben Fehler gemacht. Doch wenn es um die Verantwortung der Banken geht, hat die Aufarbeitung bisher nicht immer die richtigen getroffen.

          Eines der wesentlichen Probleme an der Finanzkrise war nämlich, dass zu viele Bankmanager an ihren eigenen Vorteil gedacht haben und nicht an den der Bank. Bisher mussten viele Banken die Verantwortung dafür tragen, aber nur einzelne Banker wie IKB-Chef Stefan Ortseifen oder Société-Générale-Spekulant Jérôme Kerviel. Kein Wunder, dass wenige Leute an die Aufklärung der Finanzkrise glauben.

          Doch mit dem Urteil gegen „Fabulous Fab“ kann sich das ändern. Noch nie wurde ein individueller Banker verurteilt, der mit seinen Taten so nah am Zentrum der Finanzkrise war.

          Das Urteil markiert eine Wende in der Aufarbeitung der Finanzkrise

          Was hat er gemacht, Fabrice Tourre, der nach einer eigenen E-Mail der „Fabelhafte Fab“ genannt wird? Er hat ein Team geleitet, in dem hypothekenbesicherte Wertpapiere konstruiert wurden: die Wertpapiere im Kern der Krise. Für den Hedge-Fonds von John Paulson hat Tourres Team das Produkt „Abacus“ konstruiert. Und zwar so, dass Paulson auf den Wertverfall dieses Produkts wetten konnte - darum wurden einzelne Bestandteile von „Abacus“ möglichst verlustträchtig ausgesucht. Irgendjemand musste aber die Gegenseite der Wette eingehen. Darum wurde Abacus an Investoren verkauft - die allerdings wussten nicht, wie das Konstrukt entstanden war. Ist das an sich schon verboten oder nicht? Das müssen wir dem Gericht überlassen.

          Unabhängig davon markiert das Urteil gegen Fabrice Tourre eine Wende in der Aufarbeitung der Finanzkrise. Endlich geraten die Individuen in den Fokus. Auch in Hamburg wird seit vergangener Woche geklärt, wie viel Schuld der ehemalige HSH-Nordbank-Chef Dirk Nonnenmacher hat.

          Leicht ist das nicht immer. Viele Fragen sind schwer zu klären: Welche Wertpapiere darf ein Banker konstruieren, welche sind verwerflich? Welches Risiko darf ein Bankmanager eingehen, ab wann wird es fahrlässig? Ist ein Angeklagter selbst schuld, oder ist nicht eher sein Chef verantwortlich? Oder die Mitarbeiter? Wie verantwortlich ist ein Vorstandschef, wenn er eine Steuererklärung unterschreibt, die Mitarbeiter vorbereitet haben?

          Die Schuld von Individuen festzustellen dauert viel länger als einfach eine Bank zu einem Bußgeld zu verurteilen. Aber wer die Verantwortlichen der Finanzkrise finden will, muss diesen Weg gehen. Fabrice Tourre sollte nicht alleine bleiben.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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