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Thyssen-Krupp in Not : Stahl und Staat

Unter den noch gut 100.000 Beschäftigten von Thyssen-Krupp geht die Angst um. Bild: dpa

Die Notlage von Thyssen-Krupp hat viel mit jahrelangem Managementversagen zu tun und nur zum Teil mit den Pandemie-Folgen. Die Politik steht angesichts Zehntausender Arbeitsplätze vor einer heiklen Entscheidung.

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          Es ist der nächste Schock für das Ruhrgebiet: Thyssen-Krupp will 11.000 Arbeitsplätze streichen, fast doppelt so viele wie erwartet. Nicht einmal das wird reichen, um das finanzielle Ausbluten des Essener Unternehmens schnell genug zu stoppen. Unter den noch gut 100.000 Beschäftigten geht die Angst um. Schon im Frühjahr will der Vorstand um Martina Merz seine Planung für den Konzernumbau nachschärfen.

          Es war ein rabenschwarzes Jahr und ein Tiefpunkt in der Geschichte der einstigen Industrieikone. Finanziell mit dem Rücken an der Wand, hat er im Frühjahr sein bestes Geschäft, die Aufzugssparte, verkaufen müssen. Aber die Milliardenerlöse zerrinnen. Dreh- und Angelpunkt für die Zukunft des Konzerns ist der Stahl mit seinen 27.000 Beschäftigten. Hochöfen und Hüttenwerke sind eine offene Wunde, durch die Monat für Monat Millionenbeträge versickern. Besserung ist nicht in Sicht. Überall in der Welt gibt es hohe Überkapazitäten, immer mehr Stahl drängt nach Europa. Mit Corona und der Absatzflaute in der Autoindustrie sind die Märkte vollends ins Rutschen geraten. Gleichzeitig stellt der Klimaschutz die Stahlkocher vor gewaltige Investitionen: Die Umstellung auf CO2-freien Stahl wird in den kommenden Jahren Milliarden verschlingen.

          Nach außen hält sich der Konzern die Option offen, sein Stahlgeschäft aus eigener Kraft wieder auf Vordermann zu bringen. Aber das dürfte eher strategische Gründe haben: Galt der Stahl nach dem Verkauf der Aufzugssparte noch als einer der Hoffnungsträger, wird nun auch über einen Komplettverkauf verhandelt. Der britische Konzern Liberty Steel hatte dafür kürzlich ein erstes Angebot vorgelegt. Auch deshalb werden die Rufe nach dem Staat nun lauter. Die IG Metall misstraut dem Investor aus Großbritannien, sie fordert eine Staatsbeteiligung.

          Dahinter steht auch der Gedanke, über diesen Weg den alten Plan einer innerdeutschen Lösung in Form der Deutschen Stahl AG neu zu beleben. Mit dem Land Nordrhein-Westfalen als Anteilseigner von Thyssen-Krupp könnten die Gespräche mit der Salzgitter AG und ihrem niedersächsischen Großaktionär, zusätzlich vielleicht auch mit der Saar-Industrie, auf eine politische Ebene gehoben werden. Auch Thyssen-Krupp hat die Hoffnung auf eine deutsche Allianz noch nicht aufgegeben.

          Die Furcht vor einem „Ausverkauf“ führt in die Irre

          Auf einem anderen Blatt steht die industrielle Logik. Es hat seinen Grund, dass alle Gespräche, die dazu zwischen den Unternehmen geführt worden sind, in der Sackgasse endeten. Offensichtlich fehlte es an überzeugenden Verbundvorteilen, die eine solche Allianz auch für die kleineren Partner interessant gemacht hätten.

          Richtig ist: Wenn die ökologische Transformation zum CO2-freien Stahl gelingen soll, wird der Staat finanziell zu Hilfe kommen müssen. Das beginnt schon bei der Versorgung mit grünem Wasserstoff, der mittelfristig Kohle und Koks ablösen soll. Ohne Anschubfinanzierung ist der Aufbau der Wasserstoffwirtschaft ebenso wenig denkbar wie die notwendige Umrüstung der Hochöfen. Dafür fehlt den Unternehmen schlicht die Finanzkraft. Diese Diskussion wird nun aber von den aktuellen Schwierigkeiten durch die Corona-Epidemie überlagert. Die Versuchung ist groß, dass dabei die notwendige Sorgfalt verlorengeht und notwendige Umstellungshilfen mit fragwürdigen Rettungssubventionen vermengt werden.

          Die Stahlindustrie am Standort Deutschland mag „systemrelevant“ sein, die Eigentümerschaft von Thyssen-Krupp ist es sicherlich nicht. Die auch von der SPD geschürte Furcht vor einem „Ausverkauf“ führt in die Irre. Es geht nicht darum, wem die Anteile gehören, sondern es geht um die beste Lösung für die Hochöfen, Stahlwerke und ihre Beschäftigten. Und angesichts des Missmanagements der vergangenen Jahre, während Thyssen-Krupp sein Stahlgeschäft aus Geldnot sträflich vernachlässigt hat, stellt sich im Rückblick die Frage, ob es im Verbund mit einem europäischen Stahlpartner nicht besser gelaufen wäre. Das Übernahmeangebot von Liberty Steel könnte nach dem gescheiterten Fusionsversuch mit Tata Steel eine neue Chance eröffnen.

          Die verheerenden Geschäftszahlen erhöhen den Druck auf die Politik. Zu viele Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Nach den bisher angelegten Maßstäben fällt es freilich schwer, direkte Staatshilfen oder gar eine Beteiligung zu rechtfertigen. Die Notlage hat viel mit jahrelangem Managementversagen zu tun und nur zum Teil mit den Pandemie-Folgen, die der Wirtschaftsstabilisierungsfonds des Bundes abfedern soll. Anders als Lufthansa und TUI, bei denen die Geschäfte bis zum Ausbruch der Pandemie glänzend liefen, steckte der Essener Industriekonzern jedenfalls schon vor Corona tief in der Krise. Die Politik steht vor einer heiklen Entscheidung. Ein Dammbruch könnte drohen.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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