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Kommentar : Neue alte Deutsche Bank

  • -Aktualisiert am

Jürgen Fitschen (l) und Anshu Jain Bild: dpa

Die Deutsche Bank wollte immer zu den besten Banken der Welt gehören. Der Börsenkurs spricht eine andere Sprache. Was nun als Ergebnis strategischer Überlegungen verkauft werden soll, ist teils ein Gebot der Not.

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          Seit knapp drei Jahren erhebt die Führung von Deutschlands größter Bank folgenden Anspruch: „Die Deutsche Bank soll führende globale Universalbank sein.“ Der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner und die beiden Vorstandsvorsitzenden Anshu Jain und Jürgen Fitschen gaben das Ziel aus, zu den drei größten und besten Banken der Welt gehören zu wollen. In ihrem ersten Interview, das sie mit der F.A.Z. geführt hatten, relativierte der Vorstand diesen Anspruch: Es reiche, wenn die Deutsche Bank unter den ersten fünf liege. Sie haben ihr Ziel nicht erreicht. Sie haben aber auch nicht komplett versagt, denn in manchen Bereichen des Investmentbankings wie etwa dem Handel mit Anleihen, Währungen und Derivaten gehört die Deutsche Bank global zu den drei führenden Instituten.

          In einer zentralen Hinsicht jedoch ist die Führung krachend gescheitert. In der Rangliste der wertvollsten Banken der Welt spielt die Deutsche Bank keine Rolle. Gemessen am Börsenwert, können die Aktionäre froh sein, wenn ihre Bank unter den fünfzig wertvollsten Banken überhaupt auftaucht. Entsprechend unzufrieden sind die Eigentümer. Zweimal pumpten Jain und Fitschen den Kapitalmarkt an, um höhere Eigenkapitalanforderungen der Aufsicht zu erfüllen und um zu investieren, wie sie sagten. In Tat und Wahrheit verbrannten sie jedoch in kurzer Zeit sogar mehr als die fast 12 Milliarden Euro, die sie in zwei Kapitalerhöhungen aufnahmen - für Rechtsstreitigkeiten, Verluste aus toxischen Wertpapieren und Strafen für Betrug oder Manipulation in so ziemlich allen Märkten und Ländern.

          Manager auf der Anklagebank

          Als vorläufiger Höhepunkt in der Aufarbeitung der unzähligen Skandale müssen von Dienstag an der aktuelle Vorstandschef Fitschen zusammen mit seinem Vorgänger, Vorvorgänger und ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank wegen versuchten Prozessbetrugs auf der Anklagebank eines Gerichts in München Platz nehmen. Auch jenseits der Gerichte ist es teuer und ungemütlich. Gerade erst musste die Deutsche Bank wegen Zinsmanipulation die Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar zahlen. Die britischen und die amerikanischen Aufsichtsbehörden werfen der Bank vor, die Aufklärung verzögert, falsch informiert und sogar Telefonmitschnitte vernichtet zu haben. Sieht so der Kulturwandel aus, den Jain und Fitschen der Deutschen Bank verordnet haben?

          Der ehemalige Deutschland-Chef von Goldman Sachs und heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank, Achleitner, hat sein Schicksal an das von Jain gebunden. Achleitners Begründung, Jain könne als vorher verantwortlicher Führer seiner Investmentbanker den „Saustall“ besser als andere ausmisten, trägt nur, solange ihm keine Kenntnis der Skandale nachgewiesen werden kann. Das muss sich im Fall des Umsatzsteuerbetrugs im Handel mit Emissionszertifikaten erst noch zeigen.

          Nach einer in aller Öffentlichkeit geführten Strategiedebatte haben Aufsichtsrat und Vorstand jetzt beschlossen, die Postbank wieder zu verkaufen und auch das Investmentbanking ein wenig zurückzuschneiden. Die Deutsche Bank hat zu wenig Kapital, die Börse gibt ihr kein Geld mehr. Folglich muss die Bilanzsumme schrumpfen, also Risiko rausgenommen werden. Die Trennung von der Postbank ist nur ein kleiner Strategieschwenk. Mit Kleinkunden kann die Deutsche Bank seit jeher nichts anfangen, die Postbank-Filialen gehörten nie richtig zur Deutschen Bank. Außerdem bedrohen die Digitalisierung und der politisch gewollte Niedrigzins das klassische Einlagengeschäft, weshalb zahlreiche Filialen schließen werden. Das gilt für eine Postbank an der Börse ebenso wie für die Filialen der Deutschen Bank.

          Die neue Strategie der Deutschen Bank ist also die alte, nur in strafferer Form. Welche strategischen Probleme sollen damit gelöst werden? Dafür hätten Aufsichtsrat und Vorstand die Bank nicht monatelang lahmlegen müssen. Einen Zweck hat das Strategietheater immerhin erfüllt. Weil schon zu Jahresbeginn die Trennung von der Postbank durchgestochen wurde, kam der Aktienkurs auf Trab. Dieses Spiel über Bande von den Investmentbankern sorgte für Rückenwind an der Börse und entschied über den Ausgang der Debatte. Der Nachteil liegt auf der Hand. Großartige Kurssprünge wird es nun wohl kaum mehr geben.

          Der alte Anspruch der Deutschen Bank gilt weiter, und er lässt sich sogar auf Europa übertragen. Die deutschen Unternehmen, die in der Welt eine führende Rolle spielen, brauchen aus strategischen und politischen Gründen eine Partnerbank, die sie überall begleiten kann. Deshalb sollte man das Geschäft an den Kapitalmärkten nicht allein den amerikanischen Banken überlassen. Richtig ist aber auch, dass ein Großteil des Investmentbankings der Deutschen Bank den Unternehmen nur wenig dient, etwa der exzessive Handel mit Derivaten. Davon profitierten nur die Boni-Banker, nicht die Aktionäre oder Kunden. Hier müssen Jain und Fitschen für die richtige Balance sorgen. Diese Anpassung der neuen alten Strategie ist die letzte Chance - für die Führung und die Deutsche Bank.

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