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Carsten Knop

Kommentar : Nachahmermedikamente für die Welt

  • -Aktualisiert am

Nicht jeder muß selbst forschen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Generika-Hersteller verdienen Geld mit fremden Ideen. Der Schlüssel zum Erfolg ist möglichst weltweite Präsenz. Auch die deutsche Stada kauft kleinere Hersteller - und rückt ins Visier der Großen.

          3 Min.

          Da gibt Glaxo Smith Kline, der zweitgrößte Pharmakonzern der Welt, 4 Milliarden Euro im Jahr für seine Forschung und Entwicklung aus und glaubt, das sei noch immer nicht genug. Hersteller von Nachahmermedikamenten, den sogenannten Generika, sitzen dem britischen Unternehmen und seinen 15.000 Forschern im Nacken. Sie warten nur darauf, daß die Patente auf seine innovativen, für viel Geld entwickelten Arzneimittel ablaufen, um dann mit Nachahmermedikamenten ihr Geschäft machen zu können.

          Anderen Herstellern wie dem Weltmarktführer Pfizer, Sanofi-Aventis, Schering oder Boehringer-Ingelheim geht es ähnlich. Alle zehn Jahre muß ein Pharmakonzern, der seinen Umsatz auf innovative Arzneimittel stützt, mit einer runderneuerten Produktpalette auf den Markt kommen. Und jedes neue Produkt kostet in der Entwicklung im Durchschnitt rund 800 Millionen Dollar. Da scheint die Produktion und der Vertrieb von Generika das risikolosere Geschäft zu sein. Denn den Herstellern wie Teva, Novartis/Sandoz, Ratiopharm oder Stada fallen die Früchte der teuren Arbeit der anderen ja mehr oder weniger automatisch in den Schoß. Und ihr gegenüber den innovativen Herstellern deutlich verringertes Risiko führt - zumindest bisher - nicht zu einem renditeschwachen Geschäft.

          Ringen um die Weltspitze

          Tatsächlich ist der Markt für Generika angesichts der in den kommenden Jahren zu erwartenden Patentabläufe wichtiger Medikamente, des zunehmenden Bedarfs wegen der Alterung der Bevölkerung und des finanziellen Drucks, der deshalb auf den Gesundheitssystemen der Industrieländer lastet, so attraktiv, daß die marktführenden Unternehmen Teva und Novartis/Sandoz in diesem Jahr durch Zukäufe schon zweimal die Plätze an der Spitze der Weltrangliste getauscht haben. Zunächst hat Novartis die deutsche Hexal und die amerikanischen Eon Labs für 8,3 Milliarden Dollar übernommen. Vor wenigen Wochen hat die israelische Teva mit dem Kauf der amerikanischen Ivax für 7,4 Milliarden Dollar nachgezogen.

          Dabei geht es den Käufern aber nicht nur um die bessere Präsenz auf dem Heimatmarkt von Ivax und Hexal. Vielmehr liegt die Zukunft des Generikageschäfts darin, in möglichst vielen Ländern der Erde stark vertreten zu sein. Denn - und das ist das Überraschende - nicht nur der Druck auf die innovativen Pharmahersteller nimmt zu. Auch die Produzenten von Nachahmermedikamenten arbeiten, trotz des gegenteiligen Eindrucks, den die Milliardenübernahmen vermitteln, nicht in einer sorgenfreien Welt.

          Neue Anbieter drängen auf den Markt

          So verschärft sich der Preiswettbewerb auf dem amerikanischen Markt seit einiger Zeit deutlich. Die ersten Hersteller aus Niedriglohnländern wie Indien, China und der Türkei klopfen an die Tür. Noch läßt sich nicht exakt absehen, wie schnell und wie stark diese neuen Anbieter den Generikamarkt durcheinanderbringen werden. Doch kommen die etablierten Hersteller schon sehr bald nicht mehr an eigenen Fertigungsstätten in Ländern vorbei, die bisher nicht auf der Pharma-Landkarte der Welt aufgetaucht sind.

          Vor diesem Hintergrund ist auch die Strategie des börsennotierten deutschen Generikaherstellers Stada aus Bad Vilbel bei Frankfurt zu sehen, der seinerseits in diesem Jahr Ziel von Übernahmespekulationen geworden ist. Stada hat unter anderem schon einen russischen Generikahersteller gekauft, weitere Zukäufe in Ländern wie Polen, Bulgarien oder Rumänien werden zur Zeit geprüft. Für Zukäufe stehen zwar nicht die von Novartis und Teva gewohnten Milliardensummen zur Verfügung. Aber selbst die im Weltmaßstab recht kleine Stada konnte ohne Probleme 400 Millionen Euro ausgeben, mit einem kleinen Kraftakt sogar mehr. Schon heute trägt das Ausland mehr als die Hälfte zum Umsatz von Stada bei. Und auch beim Gewinn sähe es ohne das Auslandsgeschäft sehr viel schlechter aus. Das ist besonders interessant, weil Stada auf dem größten und auch lukrativsten Generikamarkt der Welt, den Vereinigten Staaten, sogar noch mit erheblichen Schwierigkeiten kämpft und manche Chance ungenutzt läßt.

          Weitere Übernahmen werden folgen

          Bemerkenswert ist die grundsätzliche Entwicklung des Generikamarktes, die sich in der Strategie der kleinen Stada widerspiegelt. Wenn ein Produkt erst in die Hände von Generikaherstellern gelangt, gilt es für diese Anbieter, den Lebenszyklus des Medikaments so zu managen, daß auch der letzte Euro Umsatz aus dem Präparat herausgequetscht wird. Das funktioniert aber nur, wenn man die Medikamente in vielen Ländern der Welt anbieten kann. Denn ein Präparat, das in San Francisco, New York, Paris und Berlin nicht mehr gekauft wird, weil es durch die moderneren Angebote der innovativen Hersteller in seiner Wirkung übertrumpft wird, läßt sich gewiß noch eine ganze Weile in Santiago, Sao Paulo oder Warschau in großer Menge verkaufen.

          Gar nicht so sehr wegen der bevorstehenden, für die Generikahersteller lukrativen Patentabläufe, sondern wegen dieser langfristigen Entwicklung sind auch nach den großen Paukenschlägen dieses Jahres weitere Übernahmen in der Branche zu erwarten. Dabei muß man nicht nur an die verbliebenen amerikanischen Hersteller wie Barr, Mylan oder Watson denken, sondern eben auch an die Hersteller im Osten, die die deutsche Stada im Visier hat. Dabei handelt es sich meist um Generikaanbieter im Privatbesitz, von denen vorher noch niemand außerhalb der Branche etwas gehört hat. Daß Stada mit jedem erfolgreich integrierten Zukauf in einem Schwellenland seinerseits ein attraktiverer Übernahmekandidat für die ganz Großen der Branche wird, steht auf einem anderen Blatt.

          Carsten Knop
          Herausgeber.

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