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Kommentar : Gefährdete Bankmitarbeiter

Im Kerngeschäft deutscher Banken gibt es zahlreiche Probleme. Weitere Kapazitätsreduzierungen sind unumgänglich.

          Im Sommer 1990 hielt Ulrich Cartellieri, damals Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, einen Vortrag an der Ruhr-Universität in Bochum. Cartellieri sprach von einem Ausleseprozess unter den internationalen Banken, da sich das Geldverdienen in der Branche als immer schwieriger erweise. Die Zahl der Banken werde ebenso wie die Zahl der Arbeitsplätze zurückgehen. Cartellieri gelangte zu einem später vielzitierten Schluss: „Die Banken sind die Stahlindustrie der neunziger Jahre.“

          Cartellieris Beschreibung der Bankenbranche ließe sich leicht auf die heutige Zeit übertragen. Viele Banken sehen sich veranlasst, Überkapazitäten abzubauen, manche müssen gar nach einem nachhaltigen Geschäftsmodell Ausschau halten, und der Druck auf viele Preise lässt im Verein mit eher bescheidenen Geschäftserwartungen einen Personalabbau in der Branche erwarten. Die Deutsche Bank hat schon die Reduzierung von Stellen angekündigt, zu der ein weiterer Abbau in den kommenden Jahren führen dürfte. Die Commerzbank will sich Anfang November zu ihrer Strategie äußern. Niemand wird erstaunt sein, wenn die Commerzbank auch Stellenstreichungen in Aussicht stellen würde. Kleinere Banken in Deutschland bauen ebenso Personal ab wie Häuser im Ausland. Gerade hat die Bank of America den Wegfall von 16.000 Stellen bis zum Jahresende annonciert.

          Exzesse im Umgang mit Geld und Gehalt

          In der Zeit der Hochblüte haben Kostenrechner in Unternehmen nach aller Erfahrung keine Konjunktur. Daher produzieren Banken seit Jahren viel zu teuer. Zu diesen aus einem ineffizienten Geschäftsbetrieb stammenden Kosten treten nunmehr weitere Kosten aus neuen Regulierungen hinzu. Das teure Angebot der Banken trifft auf eine Nachfrage von Kunden, die im Kauf von Produkten vorsichtiger und zudem preisbewusster geworden sind. Dieses Preisbewusstsein zeigt sich in einer zunehmenden Nachfrage nach einfach herzustellenden Standardprodukten. Der aus dieser schwierigen Marktlage entstehende Kostendruck in den Banken verstärkt sich durch Entwicklungen in der Informationstechnologie. Von diesen Trends sind in Deutschland Großbanken ebenso betroffen wie Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Es gilt für Universalbanken wie für Trennbanken - die Vorschläge Peer Steinbrücks für eine neue Bankenwelt ändern nichts an der Notwendigkeit, Kosten und Erträge in ein gesünderes Verhältnis zu bekommen.

          Wenn in Deutschland von Fehlentwicklungen im Bankgeschäft gesprochen wird, ist meistens vom Investmentbanking die Rede. Natürlich kam es dort in den Jahren, in denen Milch und Honig flossen, zu Exzessen im Umgang mit Geld, Gehalt und mit Moral. Aber das volumenstarke Investmentbanking ist weit weg - in London, in New York und zunehmend in Asien. Nach Schätzungen des Beratungsunternehmens Roland Berger könnten in den kommenden Jahren 75.000 der 500.000 Arbeitsplätze im globalen Investmentbanking wegfallen.

          Probleme im Kerngeschäft

          Vor der eigenen Haustür gibt es genügend Probleme im Kerngeschäft deutscher Banken. Wie ist es zu erklären, dass die Commerzbank im Filialgeschäft mit Privatkunden offenbar kein Geld verdient, wohl aber mit der Comdirect, ihrer Tochtergesellschaft im Online-Banking? Warum bauen Banken Kapazitäten in ihrem Wertpapier-Research ab? In Frankfurt gibt es höchstens eine Handvoll Banken, die noch einen Aktienhandel betreiben, der diesen Namen verdient. In anderen Häusern sitzen eher unterbeschäftigte Kleingruppen von Händlern.

          Viele Banken halten teures Personal mit Tätigkeiten vor, für die es keine ausreichende Nachfrage mehr gibt. Wenn die Nachfrage deutscher Anleger nach Aktien rückläufig ist, hat es wenig Sinn, eine größere Zahl sehr gut bezahlter Analysten und Händler zu beschäftigen. Wenn die Nachfrage der Kunden nach billigen Indexfonds zunimmt, nach teuren aktiv gemanagten Fonds aber abnimmt, wird dies Konsequenzen für das Personal in den Fondsgesellschaften haben müssen. Andere Tätigkeiten in Filialen werden durch das Online-Banking obsolet. Generell sind die Kunden genügsamer und kritischer geworden.

          Kapazitätsabbau ist kein Fremdwort

          Entzaubert steht auch die Vermögensverwaltung da. Es ist nicht erstaunlich, dass sich in diesem Geschäft viele Teilnehmer wenig glücklich fühlen. Die Krisenjahre haben gelehrt, wie unbeholfen viele Verwalter agieren können. Die Kunden sind nicht mehr bereit, solchen Verwaltern hohe Honorare zu gewähren.

          Cartellieris Prognose war zu pessimistisch, da den deutschen Banken ein dramatischer Schrumpfungsprozess wie seinerzeit der Stahlindustrie erspart geblieben ist. Kapazitätsabbau ist im deutschen Kreditgewerbe dennoch kein Fremdwort. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Banken und Sparkassen sowie der von ihnen betriebenen Filialen deutlich reduziert. Im Jahre 2001 beschäftigten die deutschen Banken und Sparkassen nahezu 770.000 Mitarbeiter; im vergangenen Jahr waren es rund 650.000. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, unterstützt vom Eintritt geburtenstarker Jahrgänge in den Ruhestand. Die kommenden Jahre werden schwierig, aber weitere Kapazitätsreduzierungen sind unumgänglich.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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