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Banken-Kommentar : Finanzaufsicht nach Lehman

Amerikas Finanzaufsicht reagierte in der Krise entschlossener: Der Hauptsitz der Bank of America in Charlotte (North Carolina). Bild: AP

Seit der Lehman-Brothers-Pleite vor zehn Jahren haben die Aufseher aus ihren Fehlern gelernt. Doch das Risiko einer neuen Krise ist trotzdem nicht gebannt.

          Staatshilfe ist für die Deutsche Bank kein Tabu mehr. Vor kurzem überraschte der frühere Ko-Vorstandsvorsitzende Jürgen Fitschen mit der Aussage, dass staatliche Unterstützung in der Finanzkrise besser gewesen wäre. Sein Vorgänger Josef Ackermann hätte sich damals geschämt, wäre sein Haus mit staatlichen Mitteln gerettet worden. Doch zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers steht fest: Amerikanische Banken sind ihren europäischen Wettbewerbern weit enteilt.

          Dafür hat die amerikanische Aufsicht gesorgt, weil sie in der Finanzkrise entschlossener reagierte. Die Banken wurden damals mit staatlichem Geld zwangskapitalisiert und mussten ihre Bilanzen rasch bereinigen. In Europa haben einige Banken die lange Leine der Aufseher missbraucht, um schmerzhafte Einschnitte hinauszuzögern. Die europäischen Institute haben mit den langwierigen Aufräumarbeiten nach der Finanzkrise wertvolle Zeit verloren. Die großen amerikanischen Banken verdienen dagegen in jedem Quartal wieder hohe Milliardengewinne und verfügen über eine üppige Eigenkapitalausstattung.

          Die Krise belastet heute nur noch Europa

          Die Finanzkrise nahm zwar am amerikanischen Immobilienmarkt ihren Anfang, belastet aber Europa noch immer. Die Euro-Staatsschuldenkrise als deren zweiter Akt schwelt weiter. Der Konfrontationskurs der populistischen Regierung in Italien kann jederzeit für ein Wiederaufflammen sorgen. Das würde die Banken in Südeuropa überfordern, weil sie vollgesogen sind mit Staatsanleihen und faulen Krediten. Es gibt keinen Grund zur Entwarnung: Die Ursache der Finanzkrise liegt in der zu hohen Schuldenlast der Weltwirtschaft. Sie wurde seit Lehman nicht abgebaut, sondern hat sich Ende 2017 auf ein Rekordniveau erhöht.

          Trotzdem haben Bundesbankpräsident Jens Weidmann und die Bank für internationalen Zahlungsausgleich („Bank der Zentralbanken“) recht, wenn sie das Finanzsystem heute als stabiler einschätzen. Die Banken sind gegenüber Krisen widerstandsfähiger, weil sie über mehr Eigenkapital verfügen. Die Aufseher haben auch den Risikoappetit in den Banken gezügelt: Die Erfolgsprämien werden zeitlich verzögert gezahlt, um zu verhindern, dass Geschäfte belohnt werden, die erst nach Jahren zu Verlusten führen. Das Risikobewusstsein in den Banken schärft der eingeschränkte Eigenhandel: Wetten der Wertpapierhändler sind nicht mehr in dem Ausmaß möglich wie vor der Finanzkrise.

          Weitere Krisen können folgen

          Die Aufseher haben mit strengeren Vorgaben für mehr Selbstdisziplin in den Banken gesorgt. Darauf achten auch die Investoren: Institute mit wenig Eigenkapital fallen an der Börse durch. Die Investoren verhalten sich deshalb risikobewusster, weil sie haften, wenn eine Bank abgewickelt wird. Anleihegläubiger können nicht mehr allein auf den Steuerzahler hoffen.

          Zwar haben die Bankenaufseher wichtige Weichen gestellt, dennoch können weiterhin Finanzkrisen auftreten. Denn das Grundübel der zu hohen Schulden besteht weiter. Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) haben die Preise für Risiken verzerrt. Das hat zu einer Überbewertung von Staatsanleihen und anderen Vermögenswerten geführt.

          Eine Kurskorrektur kann eine Abwärtsspirale auslösen. Diese würde gefährlich schnell ins Drehen kommen, sollten die Märkte der italienischen Regierung das Vertrauen entziehen. Sollte das internationale Finanzsystem abermals erschüttert werden, sind neue Staatshilfen noch immer wahrscheinlich. Entwarnung für den Steuerzahler gibt es hier leider nicht.

          Südeuropa hat seine Lektionen noch nicht gelernt

          Auch zehn Jahre nach dem Lehman-Kollaps belasten hohe Risiken aus Staatsanleihen und faulen Krediten die Bankbilanzen in Südeuropa. Hier prallt die Aufsicht am Widerstand der Politik ab. Noch immer dürfen Banken Staatsanleihen als risikolos einstufen, obwohl der griechische Schuldenschnitt gezeigt hat, wie gefährlich das ist. Aber so sichert sich die Politik die Banken als Finanzierungsquelle und schützt sie, wie in Italien, vor EZB-Vorgaben zum raschen Abbau fauler Kredite.

          Politisch gewollt ist dagegen ein ausufernder Verbraucherschutz. Die EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid 2 ist dafür ein Beispiel. Sie verstärkt den Trend, dass sich immer mehr Banken aus der Wertpapierberatung verabschieden. Üppige Dokumentations- und Meldepflichten – Beratungsgespräche müssen aufgezeichnet werden – zwingen vor allem kleine Banken dazu. Seit dem Lehman-Kollaps ist in Deutschland mehr als jedes fünfte Wertpapierdepot verschwunden.

          Der Übereifer der Aufseher zielt noch zu oft in die falsche Richtung und richtet damit großen Schaden an. Tonbandmitschnitte stärken nicht das Vertrauen in Banken, saubere Bilanzen dagegen schon. Weil die Banken in Südeuropa im Abbau der Bilanzrisiken nicht vorankommen, fordern EZB und EU-Kommission eine gemeinsame Einlagensicherung. Wenn deutsche Banken für italienische haften, leidet das Vertrauen der deutschen Sparer. Zehn Jahre nach Lehman muss es aber die vorrangige Aufgabe der Aufsicht sein, das Vertrauen in die Banken zu stärken. Hier liegen Europas Aufseher noch im Soll.

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