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Kommentar : Die Trickser der Wirtschaft

Wird hier sauber gearbeitet? Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter und Kunden täuschen, geht Vertrauen verloren. Bild: Reuters

Nicht nur in der Politik wird gelogen, auch Unternehmen arbeiten oft unsauber: „Wirtschaftsverdrossenheit“ heißt das. Lohnt sich ehrliche Arbeit überhaupt noch?

          Warum viele Menschen politikverdrossen sind, ist oft erörtert worden. Wesentliche Gründe: Rechtsbruch, Täuschung, Lüge. Jean-Claude Juncker sagte in seiner Zeit als Chef der Eurogruppe: „Wenn es ernst wird, muss man lügen.“ Der frühere Finanzminister Theo Waigel holte sich nach eigenem Bekunden sogar die Legitimation von einem Bischof. Dem jetzigen Finanzminister Wolfgang Schäuble legte er den Tipp ans Herz: „Lügen hilft.“

          Darüber sind viele Bürger längst zynisch geworden – zu Lasten jener Politiker, die es ehrlich versuchen. Die Lügner berufen sich dann nachher gerne auf einen Notstand. Die Schwierigkeit ist nur: Jeder definiert das Kriterium dafür selbst, und jede einzelne Täuschung fördert die Verdrossenheit weiter.

          Unternehmen mischen kräftig mit

          Leider bleibt das nicht auf die Politik beschränkt. Unternehmen mischen kräftig mit, und sie vertiefen damit ein Gefühl, für das der Begriff noch nicht so verbreitet ist: „Wirtschaftsverdrossenheit“. In seltenen Fällen befasst sich ein Gericht mit einem Dementi – so wie von diesem Donnerstag an das Landgericht Stuttgart. Es geht um Porsches Übernahmeangriff auf Volkswagen vor zehn Jahren, insbesondere um die Frage, ob Wendelin Wiedeking als Porsche-Chef und Holger Härter als Finanzvorstand Anleger hinters Licht führten. Hatte Wiedeking entgegen den Verlautbarungen von Anfang an vor, 75 Prozent des VW-Konzerns zu kaufen? Die Staatsanwälte sprechen von „unrichtigen oder irreführenden Angaben“.

          Meistens aber bleiben die Gerichte außen vor, wenn Unternehmen dementieren. Eine Täuschung ist fast nie nachweisbar, auch wenn die Indizien himmelschreiend offenkundig sind. Bilfinger Berger tat Gerüchte, der Politiker Roland Koch sei als Konzernchef vorgesehen, als frei erfunden ab. Zwei Monate später wurde Koch ernannt. Im vergangenen Monat Volkswagen: Porsche-Vorstandsvorsitzender Matthias Müller solle VW-Chef Martin Winterkorn ablösen, wurde kolportiert. „Schwachsinn“, reagierte Volkswagen. Drei Tage später wurde Müller Winterkorns Nachfolger. Meist reden sich die Unternehmen mit Formalien heraus: Es sei ja noch nichts unterschrieben gewesen, heißt es dann, was aber auch niemand behauptet hatte. Durchsickernde Gerüchte beschreiben immer den Stand von Planungen, auch wenn die häufig noch formalisiert werden müssen.

          Im Juni berichtete die FAZ, der Geldautomatenhersteller Wincor Nixdorf habe erste Gespräche mit dem Konkurrenten Diebold über eine Fusion geführt. Das Unternehmen erklärte, man befinde sich in keinen Übernahmeverhandlungen. Am Wochenende gab Wincor Übernahmeverhandlungen mit Diebold bekannt; das Dementi vom Juni ist von der Internetseite des Unternehmens entfernt.

          Lohnt sich ehrliche Arbeit noch?

          Serienweise gibt es solche Vorfälle. Natürlich ist es für jede Organisation unangenehm, wenn etwas unerwünscht vorab durchsickert. Aber es gibt einen klaren Ausweg: schlicht nichts sagen. Manche machen geltend, der Kommentar „Kein Kommentar“ werde doch als halbe Bestätigung aufgefasst. Aber ist daraus ein Recht zur Täuschung abzuleiten? Es geht auch anders: Ob Lanxess oder Merck, BASF oder K+S, sie alle mussten schon unangenehme Lecks ertragen. Sie schwiegen einfach – und waren damit Vorbild.

          Ein falsches Dementi ist keine Privatfehde zwischen Unternehmen und einem Medium. Es hat Folgen, und zwar dreifach: Erstens für die Kommunikationsbranche und jene Mitarbeiter, die dort ehrliche Arbeit machen. Der Kommunikationschef eines börsennotierten Großkonzerns, der seit vielen Jahren sauber arbeitet, berichtete kürzlich im Vertrauen: Sein Chef habe schon gefragt, ob das wirklich der rechte Weg sei, wenn er all das Lügen um sich herum sehe. Warum hat kürzlich die renommierte, auf Fusionen spezialisierte Kommunikationsagentur Hering Schuppener ein Mandat von Wincor Nixdorf angenommen – wo sie doch beobachten konnte, wie das Unternehmen mit der Öffentlichkeit umgeht?

          Vertrauen geht verloren

          Zweitens schadet eine Täuschung dem Medium, jedenfalls solange sie noch nicht enttarnt ist. Hängen bleibt: Das Unternehmen hat dementiert, das Medium sich vergaloppiert. Als – wahrheitsgemäß – durchsickerte, die Deutsche Bank denke über den Verkauf der Postbank nach, konterte diese: Es sei „unverantwortlich“, über die Veräußerung von Geschäftsfeldern zu „spekulieren“. So etwas wertet das berichtende Medium ab, fatal in Zeiten des „Lügenpresse“-Vorwurfs. „Unverantwortlich“ war hier die Deutsche Bank.

          Unerreicht die Chuzpe des vielgelobten Wolfgang Reitzle, als er noch den Mischkonzern Linde leitete. Er leugnete einen anlaufenden Spartenverkauf und beschimpfte auf einer Pressekonferenz öffentlich die Zeitung, die darüber berichtet hatte. Unternehmensschädigend sei das. Aber ob die Mitarbeiter es witziger fanden, dass ihre Sparte kurz darauf verkauft wurde – und sie sich dazu noch vom Chef getäuscht fühlen mussten?

          Denn das ist der dritte große Schaden, den falsche Dementis anrichten: Jene Bürger, die an die Wirtschaft und an den ehrbaren Kaufmann glauben, verlieren Vertrauen. Sie sind irgendwann nicht nur politik-, sondern auch wirtschaftsverdrossen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

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