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Kommentar : Die ideologischen Bürden der IG Metall

Die IG Metall lebt noch immer in dem Selbstverständnis, sie habe einst mit ihrem Kampf für die Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden je Woche eine historische Heldentat vollbracht. Bild: dpa

Das Festklammern der IG Metall an der 35-Stunden-Woche hat einen hohen Preis. Vor allem für mittelständische Unternehmen birgt der Kompromiss Gefahren.

          Warum soll es Arbeitnehmern eigentlich nicht freistehen, ob sie mit ihrem Arbeitgeber je nach Wunsch und Lebenslage eine 35- oder 40-Stunden-Woche vereinbaren? Wozu bedarf es tarifvertraglicher Schranken und Verbote, mit denen die Gewerkschaft ein „Ausufern“ der Arbeitnehmerwünsche hin zu längeren Arbeitszeiten verhindert? Und wieso soll es mit demselben Tarifvertrag Rechtsansprüche und arbeitgeberfinanzierte Freizeitprämien geben, wenn sich jemand stattdessen eine 28-Stunden-Woche wünscht?

          Schlüssig wäre ein Regelwerk, das in beiden Fällen gleichviel Entscheidungsfreiheit lässt und Wünsche nach kürzeren Arbeitszeiten nicht einseitig unterstützt. Nach den Maßstäben der Tarifpolitik in der Metall- und Elektroindustrie allerdings ist so eine Sichtweise zu schlicht.

          Deshalb gibt es nach der Einigung von diesem Dienstag leider kein einfaches flexibles Regelwerk, sondern einen komplizierten Kriterienkatalog dazu, unter welchen Umständen Arbeitnehmer und Arbeitgeber welche Arbeitszeit vereinbaren dürfen. Dies ist der Kern des ungewöhnlich hart erstrittenen Tarifabschlusses 2018 für Deutschlands größten Industriezweig.

          Kein beherzter Aufbruch

          Die IG Metall lebt noch immer in dem zweifelhaften Selbstverständnis, sie habe einst mit ihrem Kampf für die Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden je Woche eine historische Heldentat vollbracht. Entsprechend schwer tut sie sich nun mit der Erkenntnis, dass manche Metaller genauso gerne für zusätzliches Geld länger arbeiten wie andere wiederum ihr Pensum gerne verkürzen würden.

          Genau das ist die ideologische Bürde, die sinnvolle Lösungen so schwer macht hat – und die den Metall-Flächentarif auch in den kommenden Jahren belasten wird. Ein beherzter Aufbruch hin zu einer modernen zukunftsoffenen Arbeitszeitpolitik ist nicht gelungen.

          Mehr Tarifbürokratie

          Nimmt man jene Bürde der Metall-Tarifpolitik indes als gegebenes Datum hin, so wie Unternehmen etwa den Ölpreis hinnehmen müssen, dann ist den Tarifunterhändlern ein in Teilen durchaus interessantes Kompromisspaket gelungen.

          Es deutet an, dass beide Seiten durchaus in die Zukunft gedacht und einige gemeinsame Einschätzungen gewonnen haben. Trotzdem hat es nur für leicht verschämt daherkommende Antworten gereicht.

          IG-Metall-Vertreter während der Pressekonferenz zum Abschluss der Tarifverhandlungen

          So hat die IG Metall im Streit über neue Spielräume für befristete Teilzeitarbeit in der Tat einige Lockerungen zugestanden, die künftig auch längeres Arbeiten erleichtern dürften. Doch ist der Preis mehr Tarifbürokratie: Eine Ausweitung des Anteils an Beschäftigten mit 40-Stunden-Verträgen soll den Betrieben jeweils in dem Maß erlaubt werden, wie ihnen mit dem neuen Teilzeitmodell Arbeitsvolumen abhanden kommt. Ob man darin eine Aufweichung der 35-Stunden-Ideologie sehen mag, liegt im Auge des Betrachters.

          Kompromisslogik zu kompliziert?

          Ähnliches gilt für eine neue Differenzierungsklausel, die ertragsschwachen Betrieben helfen soll, die Kosten des Tarifabschlusses abzufedern – sie dürfen einen Teil der Lohnerhöhung verschieben oder gar streichen. Besonders bemerkenswert: Die Klausel ist so angelegt, dass der neue „Tarifpuffer“ nicht nur für den aktuellen Abschluss zur Verfügung steht, sondern auch für künftige.

          Der Preis ist jedoch, dass nun neben dem normalen Lohn eine neue jährlich wiederkehrende Einmalzahlung von 12,3 Prozent eines Monatslohns eingeführt wird; sie kann künftig gekürzt oder gestrichen werden.

          Die große Frage wird sein, wie die Betriebe derlei aufnehmen. Vielleicht erkennen sie ja die zukunftsweisenden Elemente so klar, dass ihnen der Tarifabschluss gefällt. Ebenso leicht kann es aber passieren, dass diese Kompromisslogik vielen mittelständischen Unternehmern zu kompliziert wird – und sie am Ende vor so einem Tarifvertrag einfach davonlaufen.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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