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Überkapazitäten am Finanzmarkt : Deutschland braucht starke Banken

Die Idee eines Zusammenschlusses von Deutscher Bank und Commerzbank kann nur Zeitgenossen schockieren, die der Ära der alten deutschen Bankenherrlichkeit nachtrauern. Bild: Reuters

Deutschland braucht nicht möglichst viele Banken. Deutschland braucht starke Banken.

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          In einer Marktwirtschaft sind unter Überkapazitäten leidende Branchen zum Schrumpfen verurteilt. Kein Experte wird die Existenz von Überkapazitäten im deutschen Kreditgewerbe bestreiten, die nicht nur an einer im internationalen Vergleich schwachen Rentabilität ablesbar sind. Michael Kemmer, der ehemalige Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, hat in einem Gastbeitrag für die F.A.Z. nachdrücklich auf weitere Belege für erhebliche Überkapazitäten hingewiesen. So entfallen in Deutschland auf einen Bankmitarbeiter rechnerisch 120 Einwohner, in Frankreich aber 160 Einwohner und in Spanien 250 Einwohner.

          Die Finanzkrise hat vor zehn Jahren auf eine erschreckende Weise daran erinnert, dass die Gesundheit der Finanzbranche nicht nur aus einer betriebswirtschaftlichen Sicht Bedeutung verdient. Eine schwere Krise der Kreditwirtschaft kann dem Gemeinwesen erhebliche Kosten aufbürden. Das gesamtwirtschaftliche Gefahrenpotential schwacher Banken ist angesichts einer jahrelangen Hochkonjunktur derzeit nicht sichtbar, aber in der nächsten Rezession würde es höchstwahrscheinlich an den Tag treten. Deutschland braucht nicht möglichst viele Banken. Deutschland braucht starke Banken.

          Eine Möglichkeit des Abbaus von Überkapazitäten besteht im freiwilligen Marktaustritt von Unternehmen, die nicht mehr erfolgreich arbeiten. Im Kreditgewerbe lässt sich ein freiwilliger Marktaustritt aber nur selten beobachten; in der Regel schließen sich wenig rentable Banken und Sparkassen untereinander zusammen. Dieser auch durch technischen Fortschritt beförderte Prozess ist keine Neuigkeit, sondern er lässt sich seit Jahrzehnten auch in Deutschland beobachten. So gab es im Jahre 1970 sage und schreibe 7096 Volks- und Raiffeisenbanken im Lande. Ende vergangenen Jahres waren es noch 915, und ihre Zahl nimmt weiter ab. Der genossenschaftlichen Finanzgruppe tut diese Bündelung der Kräfte gut.

          Grenzüberschreitende Zusammenschlüsse sich keine Lösung

          Viele Zusammenschlüsse von Unternehmen sind defensiver Natur und dienen der Effizienzsteigerung durch den Abbau von Kosten. Auf diese Weise können zwei wenig rentable Kreditinstitute durch einen Zusammenschluss rentabler werden. Sicherlich sind Zusammenschlüsse kein Allheilmittel. Und es stimmt: Bei weitem nicht alle Zusammenschlüsse von Banken haben die erhofften Ergebnisse erbracht. Aber ist dies ein Argument gegen eine Konsolidierung durch Fusionen und Übernahmen? Auch ein Weiterwursteln schwacher Banken bliebe mit Risiken behaftet.

          Ein zweiter Einwand gegen Zusammenschlüsse großer deutscher Banken nennt die Gefahren für den Steuerzahler, die aus der Schaffung großer nationaler Banken im Krisenfall entstehen könnten. Stattdessen werden grenzüberschreitende Zusammenschlüsse empfohlen. Als allgemeine Aussage ist dieses Argument nicht haltbar. Der größte einzelne Schadensfall für den deutschen Steuerzahler in der Finanzkrise, die Hypo Real Estate, war nach der Übernahme einer irischen Bank in die Bredouille geraten.

          Eine „Super-Landesbank“ wird kaum auf einen Schlag entstehen

          Die genossenschaftliche Finanzgruppe hat in einem Jahrzehnte währenden Prozess die über den an der Basis arbeitenden Volks- und Raiffeisenbanken thronende Hierarchie von regionalen und nationalen Spitzeninstituten überwunden und die zersplitterten Kräfte in der DZ Bank gebündelt. Nicht zufällig werden auch im privaten sowie im öffentlichen Bankgewerbe ähnliche Projekte diskutiert.

          Die Idee eines Zusammenschlusses von Deutscher Bank und Commerzbank kann nur Zeitgenossen schockieren, die der Ära der alten deutschen Bankenherrlichkeit nachtrauern und denken, eine solche Fusion erzeuge einen Bankriesen. Im internationalen Vergleich spielte ein aus Deutscher Bank und Commerzbank gebildetes Haus in der zweiten Liga. Natürlich ginge die Deutsche Bank lieber mit einem deutlichen höheren Börsenwert in eine Fusion; deshalb spielt ihr Vorstandsvorsitzender Christian Sewing auf Zeit. Aber spätestens, wenn beide Banken die unabdingbaren Investitionen in die IT aus ihren Gewinnen nicht mehr einzeln finanzieren können und eine gemeinsame IT-Plattform als notwendige Alternative aufleuchtet, sitzen die Vorstände aus beiden Banken an einem Tisch.

          In diesem Lichte sind auch die offensichtlich von Sparkassenpräsident Helmut Schleweis angestoßenen Debatten über Zusammenschlüsse mehrerer Landesbanken unter Einschluss des Wertpapierhauses Deka und des Immobilienfinanzierers Berlin Hyp zu beurteilen. Auch in der öffentlichen Finanzgruppe ließen sich durch die Bündelung von Einheiten Effizienzreserven heben. Weil dieses Projekt der Zustimmung von Landesregierungen bedarf und die Bundesländer die Landesbanken gerne als Pfründe betrachten, in deren Gremien sich altgediente Landespolitiker zu attraktiven Bezügen parken lassen, wird Schleweis auf erhebliche Widerstände stoßen. Die von ihm vorgedachte „Super-Landesbank“ wird kaum auf einen Schlag entstehen. Aber auch in der öffentlichen Finanzgruppe muss das für die Banken schwierige Umfeld zu einer Konsolidierung führen. Denn es wird auf die Dauer nicht anders gehen.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

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