https://www.faz.net/-gqe-9ur3h

Chef Muilenburg muss gehen : Boeings Neuanfang kommt sehr spät

Dutzende Flugzeuge vom Typ 737 Max stehen auf einem Flugfeld des Konzerns in Seattle. Bild: Reuters

Zum Abgang stellt Boeing seinem bisherigen Chef ein vernichtendes Urteil aus. Trotzdem hat der Flugzeugbauer viel zu lange zugesehen, wie Dennis Muilenburg die Glaubwürdigkeit des Konzerns beschädigte.

          1 Min.

          Endlich hat Boeing selbst gemerkt, dass Dennis Muilenburg angesichts der Krise um die 737 Max nicht mehr als Vorstandschef zu halten ist. Und in seiner Mitteilung wurde der amerikanische Flugzeugbauer sehr deutlich. Es gab kein Wort des Dankes an Muilenburg wie sonst oft in solchen Fällen. Stattdessen ging Boeing klar auf Distanz zu ihm und sagte, es sei notwendig, Vertrauen in das Unternehmen wiederherzustellen sowie die Beziehungen zu Kunden und Regulierern zu reparieren. Das ist ein vernichtendes Urteil. Es ist umso bemerkenswerter, da David Calhoun, der bislang den Verwaltungsrat geführt hat und neuer Vorstandschef werden soll, Muilenburg noch bis vor kurzem demonstrativ das Vertrauen ausgesprochen hat.

          Boeing hat viel zu lange zugesehen, wie Muilenburg die Krise kleinredete und damit die Glaubwürdigkeit des Konzerns beschädigte. Der Manager sträubte sich, Verantwortung zu übernehmen und wurde nicht müde, die beiden Abstürze, die zum Flugverbot für die 737 Max geführt haben, als „Kette von Ereignissen“ zu beschreiben, auch als sich schon längst abzeichnete, dass eine Software von Boeing eine zentrale Rolle gespielt hat.

          Am Ende brachte er alle gegen sich auf

          Muilenburg gab wiederholt übermäßig optimistische Prognosen für die Rückkehr der Maschine in den Flugbetrieb. Und es fiel ihm schwer, Einfühlungsvermögen zu zeigen und angemessene Worte für die menschliche Dimension der Flugzeugtragödien zu finden. So brachte er am Ende alle gegen sich auf, ob Regulierungsbehörden, Kunden oder Angehörige von Opfern.

          Gerade weil Boeing erst so spät Konsequenzen gezogen hat, ist es mit Vorsicht zu genießen, wenn nun der Eindruck vermittelt wird, es gehe ein Ruck durch das Unternehmen. Das lange Zaudern ist auch eine Hypothek für Calhoun in seinem neuen Amt, denn er saß schließlich auch in seiner bisherigen Funktion schon an verantwortlicher Stelle. Für Boeing ist ein Neuanfang notwendig, und es muss sich noch zeigen, ob der Konzern dafür tatsächlich die notwendige Entschlossenheit hat. Es ist bitter, dass der Konzern erst jetzt, wo sein mit Abstand wichtigstes Produkt fast ein Jahr lang nicht mehr verkauft werden kann, zu dieser Erkenntnis gekommen ist.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Weitere Themen

          Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk Video-Seite öffnen

          Zwentendorf : Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk

          In Betrieb gegangen ist das einzige Atomkraftwerk Österreichs nie, da sich die Menschen in einer Volksabstimmung in den siebziger Jahren gegen die Kernkraft entschieden. Aus Wien kommt nun heftiger Widerstand gegen die Brüsseler Taxonomie-Verordnung.

          Topmeldungen

          Microsoft hat gerade die größte Übernahme in seiner bisherigen Geschichte eingeleitet.

          Activision-Zukauf : Microsofts neue Gigantomanie

          Der Softwarekonzern wagt seinen mit Abstand größten Zukauf. Das dürfte ihm erschweren, in der Debatte um die Macht von „Big Tech“ unter dem Radar zu bleiben – und hat mit dem Metaversum zu tun.
          Mietshaus in Berlin: Nicht nur in der Hauptstadt erwarten Fachleute steigende Immobilienpreise.

          Immobilienpreise : „Die Party geht weiter“

          Die Immobilienpreise steigen und steigen. In den großen Städten raten die Gutachter mitunter sogar vom Kauf ab. Dafür ziehen mehr Menschen ins Umland und treiben dort die Preise.