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Rohstoffe : Kobalt aus Afrika für deutsche Elektroautos

  • -Aktualisiert am

Unter zum Teil prekären Bedingungen graben Minenarbeiter im Kongo nach Kupfer und Kobalt. Bild: Archivbild 2006 / David Lewis

Mit Strom angetriebene Autos sind groß im Kommen. Sie sollen die Abhängigkeit vom Öl verringern. Für die Batterien der Fahrzeuge sind jedoch seltene Rohstoffe nötig, die es in Deutschland nicht gibt. Die Industrie fürchtet, ins Hintertreffen zu geraten.

          Elektroautos sollen Deutschland unabhängiger vom Öl aus dem Nahen Osten machen. Doch für die Batterien der neuen Vehikel brauchen die Hersteller auch Rohstoffe aus dem Ausland. Viele davon sind fast nur in Kongo, in China und in Bolivien zu finden. Kein Wunder, dass der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) befürchtet, dass Deutschland ins Hintertreffen geraten könnte.

          In Elektroautos kommen vor allem Lithium-Ionen-Akkumulatoren zum Einsatz, die auch Laptops und Mobiltelefone antreiben. Als Anodenmaterial enthalten sie unter anderem Kobalt. Deshalb ist mit einem starken Anstieg der Nachfrage nach diesem Metall zu rechnen: "Der globale Rohstoffbedarf an Kobalt könnte allein durch die steigende Nachfrage nach Lithium-Ionen-Akkumulatoren bis zum Jahr 2030 gegenüber 2006 um das 3,4-Fache steigen", heißt es in einem Positionspapier des BDI zu innovativen Antriebstechniken. Daraus resultierende Engpässe bei der Verfügbarkeit von Kobalt seien nur zu vermeiden, indem die weltweiten Förderkapazitäten rechtzeitig und in ausreichendem Umfang erweitert werden.

          Vorkommen in Kongo und Sambia

          Das Problem: Es gibt kein Kobalt in Deutschland. Der Rohstoff muss importiert oder durch Recycling aus Schrott gewonnen werden. Ein Teil der Bestände liegt in Australien, Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika, das meiste jedoch in Afrika. Deshalb stehen Alternativen hoch im Kurs: "Aufgrund der hohen Konzentration der Kobaltvorkommen auf die politisch instabileren Staaten Kongo und Sambia wird eine verstärkte Forschung in Mangan- und Eisenphosphat-Elektroden und auch in Nickel-Elektroden, die keine beziehungsweise nur geringe Mengen Kobalt enthalten, grundsätzlich empfohlen", heißt es in dem BDI-Papier.

          Etwas besser als die Verfügbarkeit von Kobalt ist die von Lithium. Doch auch hier braucht Deutschland Importe, vor allem aus Südamerika. Lieferungen kommen vor allem aus Argentinien, Bolivien und Chile. Gegen die marktbeherrschende Stellung der wenigen Unternehmen, die das Leichtmetall fördern und verkaufen, hilft wiederum nur die verstärkte Wiederverwendung der Metalle. Mehr als 80 Prozent der Lithiumreserven finden sich in Südamerika. Dort wiederum ist Bolivien mit Vorkommen von 40 Prozent der gesamten Weltreserven Spitzenreiter. Sie lagern in einem Salzsee namens Salar de Uyuni - und die heißbegehrten Abbaurechte werden von der Regierung zumindest teilweise in staatlicher Hand belassen.

          Wegen der wachsenden Produktion von Motoren für Elektroautos ist auch mit einem wachsenden Bedarf an Aluminium, Kupfer und dem Seltenerdmetall Neodym zu rechnen. Fachleute gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Neodym um das Dreifache zulegen wird. Dieses Seltenerdmetall kommt jedoch fast ausschließlich aus China, und das Land hat ein Interesse daran, diesen Rohstoff zu behalten und selbst zu verarbeiten, anstatt ihn zu exportieren.

          Toyota sucht nach seltenen Metallen in Argentinien

          Viele Autohersteller sind inzwischen bemüht, direkte Beteiligungen mit Minenbetreibern einzugehen. So wollen sie sich langfristig den Zugang zu den Rohstoffen sichern, die sie zum Bau von Elektroautos brauchen. Besonders Toyota, der auf der Welt größte Autohersteller, ist aktiv geworden. Zumal das Unternehmen mit seinem Modell Prius im Segment der Hybridfahrzeuge, die Elektro- und Verbrennungsmotoren kombinieren, führend ist. So kündigte Toyota im Herbst 2009 an, in Kanada gemeinsam mit dem Minenbetreiber Great Western Minerals mit der Suche nach seltenen Metallen zu beginnen. Zudem soll auch eine Lithium-Mine in Argentinien eröffnet werden. Und der kanadisch-österreichische Autokonzern Magna beteiligte sich kürzlich an dem Lithium-Produzenten Lithium Americas, heißt es in Finanzkreisen. Das Unternehmen will dies jedoch nicht bestätigen.

          Der Essener Chemiekonzern Evonik, der gemeinsam mit dem Stuttgarter Autohersteller Daimler Batterien produziert, sichert seine Rohstoffversorgung in der Lithium-Ionen-Technik mit mehreren Ansätzen: "Wir sprechen mit den Herstellern der Rohstoffe, machen uns ein Bild über unabhängige Studien, sind an zwei Forschungsprojekten des Umweltministeriums beteiligt, setzen auf das Recycling der Batterierohstoffe und arbeiten an alternativen Rohstoffzusammensetzungen", sagte eine Sprecherin des Konzerns. Der Lithium-Anteil in den Lithium-Ionen-Batteriezellen von Evonik entspreche auf Zelllevel etwa 2 Prozent.

          Nach Einschätzung des Rohstoffexperten Robert Baylis vom Researchunternehmen Roskill Information Services in London ist zwar auf der Welt nicht so schnell mit einem Versorgungsengpass für Lithium zu rechnen: "Es gibt genügend Vorkommen." Allerdings dürfte die Nachfrage steigen, wenn in den kommenden Jahren immer mehr batteriebetriebene Fahrzeuge produziert werden. Und Rohstoffexperten argumentieren, dass manche Länder, wie China in der Vergangenheit bereits bewiesen hat, nicht immer ein Interesse daran haben, ihre Rohstoffe mit anderen Ländern zu teilen. Auch nach einer Studie des Fraunhofer Instituts ist selbst unter extremen Annahmen in den nächsten vier Jahrzehnten nicht mit einer Knappheit der Lithium-Reserven zu rechnen. "Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Lithium-Reserven sich auf wenige Länder fokussieren und einige wichtige davon derzeit nicht zu den geopolitisch stabilen Regionen zu zählen sind - zum Beispiel Bolivien."

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