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Skandal um Bluttest : Heidelberger Uniklinik-Vorstände fühlen sich hinters Licht geführt

  • Aktualisiert am

Luftaufnahme des Universitätsgeländes von Heidelberg Bild: Picture-Alliance

Die Direktorin des Universitätsklinikums Heidelberg meldet sich in der Bluttest-Affäre zu Wort und übt scharfe Kritik an der beteiligten Vermarktungs-Firma: „Wir fühlen uns getäuscht und benutzt.“

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          Nach der umstrittenen PR-Kampagne zu einem Bluttest auf Brustkrebs hat der Vorstand des Universitätsklinikums Heidelberg schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen erhoben, das den Bluttest vermarkten sollte. „Wir fühlen uns hinters Licht geführt“, sagte die Vorstandsvorsitzende Annette Grüters-Kieslich der „Rhein-Neckar-Zeitung“. „Dem Vorstand des Klinikums konnte aufgrund dieser und anderer Vernebelungsmanöver noch nicht einmal ansatzweise klar sein, dass es um ein breites Kampagnenkonzept gegangen ist.“ Die Kaufmännische Direktorin des Uniklinikums und stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Irmtraud Gürkan, erklärte dem Blatt: „Wir fühlen uns getäuscht und benutzt.“

          Die Firma Heiscreen sollte den Bluttest vermarkten und ließ sich das 80.000 Euro kosten. Das Unternehmen, eine Ausgründung des Universitätsklinikums Heidelberg, und die Uni-Klinik selbst hatten am 21. Februar den neuen Test vorgestellt. In einer Pressemitteilung war von „einem Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“ die Rede, eine Markteinführung sei „noch in diesem Jahr geplant“. Weil wissenschaftliche Nachweise, eine abschließende Studie und eine Veröffentlichung in einer medizinischen Fachzeitschrift fehlten, musste die Universität sich Ende März für diese voreilige Ankündigung entschuldigen. Bis der Test funktioniert, dürfte es mindestens noch sieben Jahre dauern.

          Teil der Kampagne war ein Interview in der „Bild“. Gürkan sagte, sie habe den Text nur wenige Stunden beziehungsweise Tage vor der Pressekonferenz erhalten und große Bedenken über dessen Inhalt gehabt. „Hätten meine Vorstandskollegen und ich geahnt, dass es aber noch um viel mehr ging – nämlich um eine breite, systematisch angelegte PR-Aktion –, dann hätten wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Pressekonferenz und Pressemitteilung  zu stoppen, auch wenn nicht wir, sondern die Beteiligungsgesellschaft HeiScreen, also die Ausgründung der Ausgründung des Klinikums, Auftraggeber war“, sagte sie jetzt der „Rhein-Neckar-Zeitung“

          Die Heidelberger Klinik-Direktorin Irmtraud Gürkan im Jahr 2006

          An der Universität Heidelberg gibt es mittlerweile Befürchtungen, dass der Skandal die Bewerbung der Hochschule im Exzellenzwettbewerb beeinträchtigen könnte. Gürkan räumte in dem Interview zwar Fehler ein. Das solle aber kein Anlass sein, an der Qualität und der Exzellenz dieses Standorts zu zweifeln, sagte die Direktorin. Über die Verleihung des Exzellenztitels soll Mitte Juli entschieden werden. Die Leitung des Universitätsklinikums hat auf Vorschlag des Aufsichtsrats eine Kommission zur Aufklärung des Skandals eingesetzt. Ob die Kommission noch vor der Entscheidung über die Exzellenz-Auszeichnung ein Ergebnis vorlegen kann, ist derzeit unklar. 

          Die Klinik hat wegen des Verdachts des Insiderhandels Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft gestellt. Denn nach der spektakulären Publikation der Krebstest-Meldung hatte sich der Aktienkurs der chinesischen Pharmafirma „NKY Medical“, die Anteile an der chinesischen Firma Heiscreen besitzt, Ende März positiv entwickelt. Inzwischen ermittelt die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim. Recherchen der F.A.Z. haben zudem ergeben, dass an der Vorbereitung der Markteinführung des Tests auch der frühere österreichische Finanzminister Karl-Heinz Grasser beteiligt war.

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