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Klimaziele 2030 : Klimapolitik nervt Europas Stahlkocher

  • -Aktualisiert am

Heiß und brandgefährlich: Stahlerzeugung ist sehr energieintensiv Bild: Reuters

Europas Regierungschefs sollen in dieser Woche in Brüssel die Klimaziele der EU bis 2030 festlegen. Bei vielen Stahlvorständen liegen die Nerven blank. Sie befürchten eine existenzbedrohende Kostenlawine.

          Die krisengeschüttelte europäische Stahlindustrie kommt nicht zur Ruhe. Gerade wurden auf der Weltstahlkonferenz in Moskau die Prognosen für das mittelfristige Wachstum des globalen Stahlverbrauchs um ein Drittel nach unten korrigiert. Für die gut 300 Stahlwerke in der Europäischen Union ist es allerdings nur ein schwacher Trost, dass die Nachfrage hier erstmals seit langem wieder etwas zunehmen dürfte. Der Bedarf liegt noch immer um ein Viertel unter dem Niveau des Vorkrisenjahres 2007. Außerdem führt ein höherer Verbrauch nicht automatisch dazu, dass Europas Stahlwerke mehr produzieren müssen. Vor allem chinesische Hersteller haben ihre Ausfuhren in den ersten neun Monaten dieses Jahres um mehr als ein Drittel auf 65 Millionen Tonnen ausgeweitet. Der Stahl aus der Volksrepublik geht vor allem in die Vereinigten Staaten, aber auch in die EU. So wollen die Chinesen abfedern, dass der Abschwung auf dem Immobilienmarkt in diesem Jahr die früher dynamisch anschwellende Stahlnachfrage abgewürgt hat.

          Doch das sind bloß die Widrigkeiten des Tagesgeschäfts. Viel stärker strapazieren die klimapolitischen Pläne der EU die Nerven der Stahlmanager. Die Staats- und Regierungschefs wollen am 23. und 24. Oktober in Brüssel die Eckpunkte und Ziele für die Energie- und Klimapolitik der Gemeinschaft im nächsten Jahrzehnt festlegen. Dabei soll auch eine Verringerung der Kohlendioxidemissionen bis zum Jahr 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 beschlossen werden. Im Vorfeld dieses Gipfels wurde klar, dass sich die 28 Mitgliedstaaten mit der Einigung auf ein Minderungsziel schwertun. So hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nun in Frage gestellt, ob konkrete Verabredungen schon in dieser Woche erfolgen. Sie aber gleichzeitig eine rasche Reform des Europäischen Emissionshandelssystems (ETS) an.

          Grundstoffindustrie bildet Fundament der Wirtschaft

          Genau das ist der gewichtigste Punkt, der die Nerven der Stahlkocher blank liegen lässt. Denn ihre Hochöfen fallen nahezu naturgemäß durch einen hohen Kohlendioxidanfall auf. Die Eisenerzeugung mit Koks gehört zu den größten Treibhausgas-Emittenten im Lande. Außerdem wird für hochwertige neue Werkstoffe mehr Energie benötigt als für einfachen Stahl – das gilt zum Beispiel für die Produktion von besonders leichten, energieverbrauchsmindernden Teile für Autos oder extrem leistungsfähige Materialien für Kraftwerksturbinen. Die politisch gewollte starke Erhöhung der Preise für Emissionsrechte schlägt sich indirekt in der Kostenrechnung nieder. Mithin ist die Branche von den Kosten der Energiewende doppelt betroffen.

          „Die künftige EU-Klimapolitik und Ausgestaltung des Emissionsrechtehandels sind entscheidend für den Industrie- und Stahlstandort Europa“, sagt Hans Jürgen Kerkhoff, der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, dieser Zeitung. Und im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung warnt Jürgen Großmann vor einem übertriebenen Klimaschutz. „Der Weltkrieg um die Erderwärmung entscheidet sich nicht in der deutschen Industrie“, sagte der frühere Chef von RWE und Eigentümer der mittelständischen Stahlgruppe Georgsmarienhütte. Grundsätzlich wird die Bedeutung der Industrie für den Wohlstand der Gesellschaft und die besondere Rolle der Grundstoffindustrien wie Stahl in Brüssel anerkannt. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat gerade nach Fachgesprächen mit Vertretern der Branchen Stahl, Nichteisen-Metall, Papier, Glas, Baustoffe und Zement versichert: „Die Grundstoffindustrien stehen am Anfang der Wertschöpfungskette und bilden damit das Fundament unserer Wirtschaft.“ Dabei hat der Wirtschaftsminister versprochen, Anregungen aus den Unternehmen zum Emissionshandel, der Umlage für erneuerbare Energie, Energieeffizienz und Eigenstromverbrauch aufzugreifen.

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