https://www.faz.net/-gqe-12x22

Klavierhersteller Blüthner : „70 Prozent der Deutschen würden gerne Klavier spielen“

Im Jahr 2008 verkaufte Blüthner 450 Flügel und 300 Klaviere Bild: dpa

Klavierbauer hatten schon bessere Zeiten: Auf sinkende Verkaufszahlen in Deutschland hat sich der traditionsreiche Klavierbauer Blüthner daher schon lange eingestellt. 90 Prozent des Umsatzes werden im Ausland erwirtschaftet. Das Unternehmen hat schon die DDR überlebt.

          4 Min.

          Wer den Klavierhersteller Blüthner in Großpösna nahe Leipzig ansteuert, dem kann schnell der Verdacht kommen, sich in der Adresse geirrt zu haben. Ein nüchterner Zweckbau in einem ebenso nüchternen Gewerbegebiet - nur der strahlende Sonnenschein verleiht dem Anblick etwas Glanz. Es ist kein Ort, an dem man ein altes deutsches Traditionsunternehmen erwartet, die Szenerie passt eher zu einem Reifengroßhandel. Lediglich der gläserne Pavillon, in dem ein Dutzend Flügel ausgestellt sind, deutet darauf hin, dass hier ein namhaftes Unternehmen seinen Sitz hat: die Julius Blüthner Pianofortefabrik.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Seit 1853 gibt es den Betrieb, gegründet vom Tischlermeister Julius Blüthner, gegründet in der Musikstadt Leipzig. Heute führt Ururenkel Christian Blüthner-Haessler die Geschäfte, gemeinsam mit seinem Bruder Knut. Christian Blüthner-Haessler ist das, was man gemeinhin eloquent nennt. Große Statur, dunkler Anzug, die blonden gewellten Haare nach hinten gekämmt, redegewandt. Stolz zeigt er im Eingangsbereich der Ausstellungshalle die Ahnengalerie bekennender Blüthner-Spieler, von Wilhelm Kempff über Franz Liszt bis Arthur Rubinstein. Doch die Bilder täuschen nicht darüber hinweg, dass die ruhmreichen Zeiten des deutschen Klavierbaus vorbei sind. "Wir sind ein überschaubarer Mittelständler in einem überschaubaren Markt", sagt Blüthner-Haessler, und er sagt auch: "Der Markt ist insgesamt sicherlich rückläufig."

          Es ist ein Markt, in dem viele Zahlen kursieren, die meisten jedoch nur hinter vorgehaltener Hand. 13.500 ist so eine Zahl, 13.500 Klaviere wurden angeblich im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft - vor zehn Jahren seien es noch 21.000 Stück gewesen. Auf sinkende Verkaufszahlen in Deutschland hat sich Blüthner längst eingestellt, rund 90 Prozent des Umsatzes wurden zuletzt im Ausland erwirtschaftet. Doch was, wenn nahezu gleichzeitig alle wichtigen Volkswirtschaften der Erde in den Krisenstrudel geraten? Blüthner-Haessler gibt sich gelassen. "In Amerika sehen wir erste Anzeichen für eine Besserung." In China und Russland wachse die Nachfrage ohnehin noch immer. "Nur in Japan und Australien geht gerade wenig." Blüthner-Haessler mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Als einzigen ernstzunehmenden Konkurrenten bezeichnet der Unternehmer den amerikanischen Marktführer Steinway.

          Christian Blüthner-Haessler im Werk Großpösna südlich von  Leipzig
          Christian Blüthner-Haessler im Werk Großpösna südlich von Leipzig : Bild: Christoph Busse

          „Nussbaum ist in Europa gerade der Renner“

          Die Luft in der gläsernen Ausstellungshalle ist stickig. Eine Klimaanlage gibt es nicht, zum einen, weil die Baufirma die Sonneneinstrahlung unterschätzte, zum anderen, weil kein Geräusch den Klang der Instrumente verfälschen soll. "Der klassische Blüthner-Kunde ist kein Aktienzocker", macht sich Blüthner-Haessler Mut. "Unsere Kunden sind sehr konservativ, und meistens haben sie auch ein ganz gut gefülltes Bankkonto." Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers habe ihm zwar schlaflose Nächte bereitet. "Aber der 11. September 2001 war schlimmer. Da hatte ich innerhalb von wenigen Stunden Stornierungen in Millionenhöhe auf dem Tisch." Kurzarbeit gibt es bislang noch nicht, aber Blüthner-Haessler will nicht ausschließen, dass sich das im Sommer ändern könnte.

          Die Familie bedient den Markt mit drei verschiedenen Marken, an dieser Strategie soll sich auch jetzt nichts ändern. Da ist zunächst einmal das Billigsegment unter der Marke Irmler, wobei der Begriff billig nicht so recht ins Klaviergeschäft passen will. 3000 Euro kostet ein Irmler-Klavier, ein Instrument gedacht für Einsteiger. 6000 Klaviere fertigt das Unternehmen jedes Jahr unter dieser Marke, zum Großteil in China und Polen.

          Das mittlere Preissegment firmiert unter der Marke Haessler. "Das ist so etwas wie der VW Golf", sagt Blüthner-Haessler. Diese rund 250 Flügel und 600 Klaviere im Jahr werden auf dem Gelände in Großpösna gebaut, die Preise beginnen bei 7500 Euro.

          Und dann ist da noch jene Marke, auf die das Unternehmen so stolz ist: Blüthner, die Sonderanfertigungen, 450 Stück im Jahr, die meisten davon Flügel. Kosten: bis zu 100.000 Euro.

          In den Fertigungshallen hinter dem Showroom herrscht Betriebsamkeit. Es sind vor allem Tischler und Klavierbauer, die hier arbeiten. Überall stehen Klavier-Rohbauten, mit Filzmatten gegen Beschädigungen und den allgegenwärtigen Polierstaub geschützt. In das Kreischen der Sägen mischen sich erste Stimmübungen fast fertiger Instrumente. In der Luft liegt der Geruch von Holz und Leim. Blüthner-Haessler greift aus einem der Hochregale ein Furnier, wischt mit einem feuchten Schwamm darüber, um die Maserung besser zu sehen. "Nussbaum, das ist in Europa gerade der Renner."

          „Wir stellen ein Kulturgut her“

          Die Sprünge in der Produktentwicklung bei Blüthner sind überschaubar, es geht um Details, ob in der Technik oder im Design. "Wir erfinden nichts Neues", sagt der Unternehmenschef. Es scheint ihm nichts auszumachen. "Ein Klavier hat einfach einen enormen Sexappeal." In Amerika seien gerade selbst spielende Klaviere gefragt, mehr als die Hälfte würden dort schon mit dieser Technik ausgeliefert. Auch Blüthner-Haessler hat so ein Exemplar zu Hause stehen, zum Testen, "aber ich spiele lieber selbst". Er macht keinen Hehl daraus, das ihm ein klavierspielender Käufer lieber ist als einer, der sich allein aus Prestigegründen das Instrument in die Wohnung stellt. "Wir stellen schließlich ein Kulturgut her."

          Im Moment bereitet Blüthner-Haessler vor allem der Vertrieb Sorgen. "Der Handel geht überhaupt kein Dispositionsrisiko mehr ein", klagt Blüthner-Haessler. "Aber wie soll man einen Kunden davon überzeugen, ein Klavier zu kaufen, wenn er es nicht vor sich sieht, nicht darauf spielen kann?" Das Unternehmen gewährt dem Fachhandel deshalb Kredite, damit dieser auch ohne Kundenbestellung Instrumente ordert. Und Blüthner setzt auf seine eigenen Flagshipstores, die es in zahlreichen Großstädten auf der Welt gibt. Das Internet sei keine Alternative, sagt er. "Zu Informationszwecken: ja, zum Kaufen: nein."

          Um die Nachfrage anzukurbeln, baut Blüthner nicht nur Instrumente, sondern bietet auch Klavierunterricht an. In Leipzig, München, Wien, London und Den Haag gibt es schon Blüthner-Klavierschulen, die sich mit flexiblen Kursmodellen vor allem an Erwachsene richten. "Das werden wir ausbauen", sagt BlüthnerHaessler; als Nächstes in Düsseldorf, wo das Unternehmen gerade nach geeigneten Räumen sucht. "Umfragen haben gezeigt, dass 70 Prozent der Deutschen gerne Klavier spielen würden", sagt Blüthner-Haessler. Er glaubt an die Zukunft seines Unternehmens, an die Zukunft des deutschen Klavierbaus.

          Er selbst hat das Klavierspielen schon im Alter von sieben Jahren gelernt, das sei in der Familie so üblich. Allerdings nicht ganz freiwillig, wie er einräumt, sondern durchaus auf Druck seiner Mutter. "Ich war eher ein Tom Sawyer, habe lieber Fußball gespielt." In was für einer Familie er aufwuchs, warum in seinem Elternhaus Pianisten ein- und ausgingen, sei ihm als Kind nicht bewusst gewesen. "Ich dachte, es ist normal, wenn der eigene Name auf dem Klavier steht", erzählt Blüthner-Haessler. Die nächste Blüthner- Generation wächst schon heran. Christian Blüthner-Haessler hat eine zweijährige Tochter, sein Bruder Knut hat drei Kinder zwischen sieben und elf Jahren. "Sie sind alle musikalisch", sagt BlüthnerHaessler. "Und es hat sie niemand dazu gezwungen." Julia Löhr

          Das Unternehmen

          Die Julius Blüthner Pianofortefabrik wurde 1853 in Leipzig gegründet. 1972 erfolgte die Verstaatlichung, seit 1990 ist das Unternehmen wieder im Familienbesitz. In diesem Frühjahr hat sich Seniorchef Ingbert Blüthner-Haessler zurückgezogen, die nächste Generation - die Brüder Christian und Knut Blüthner-Haessler - führt das Unternehmen nun alleine. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr 22 Millionen Euro, der Überschuss knapp 1 Million Euro. Am Firmensitz in Leipzig arbeiten 85 Mitarbeiter. Seit seiner Gründung hat Blüthner mehr als 150 000 Instrumente gefertigt.

          Der Unternehmer

          Der 42 Jahre alte Christian Blüthner-Haessler kümmert sich in der Geschäftsführung um alle kaufmännischen Fragen, sein jüngerer - im Gegensatz zu ihm eher introvertierter - Bruder Knut betreut die Produktion. Christian Blüthner-Haessler kam erst über einen Umweg in das Unternehmen: Er studierte zunächst Medizin und arbeitete im Ausland als Urologe, bis er auf Wunsch der Familie vor inzwischen mehr als zehn Jahren in den Familienbetrieb wechselte. Für Schlagzeilen sorgte er vor einigen Jahren wegen einer Reihe von Verkehrsdelikten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimaaktivisten von Fridays for Future auf einer Demonstration im September in Frankfurt

          Hanks Welt : Mehr Diktatur wagen?

          Sollen wir unsere ordnungspolitischen Prinzipien über Bord werfen und den Klimawandel so autoritär bekämpfen wie die Pandemie?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.