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Klavierhersteller Blüthner : „70 Prozent der Deutschen würden gerne Klavier spielen“

Das mittlere Preissegment firmiert unter der Marke Haessler. "Das ist so etwas wie der VW Golf", sagt Blüthner-Haessler. Diese rund 250 Flügel und 600 Klaviere im Jahr werden auf dem Gelände in Großpösna gebaut, die Preise beginnen bei 7500 Euro.

Und dann ist da noch jene Marke, auf die das Unternehmen so stolz ist: Blüthner, die Sonderanfertigungen, 450 Stück im Jahr, die meisten davon Flügel. Kosten: bis zu 100.000 Euro.

In den Fertigungshallen hinter dem Showroom herrscht Betriebsamkeit. Es sind vor allem Tischler und Klavierbauer, die hier arbeiten. Überall stehen Klavier-Rohbauten, mit Filzmatten gegen Beschädigungen und den allgegenwärtigen Polierstaub geschützt. In das Kreischen der Sägen mischen sich erste Stimmübungen fast fertiger Instrumente. In der Luft liegt der Geruch von Holz und Leim. Blüthner-Haessler greift aus einem der Hochregale ein Furnier, wischt mit einem feuchten Schwamm darüber, um die Maserung besser zu sehen. "Nussbaum, das ist in Europa gerade der Renner."

„Wir stellen ein Kulturgut her“

Die Sprünge in der Produktentwicklung bei Blüthner sind überschaubar, es geht um Details, ob in der Technik oder im Design. "Wir erfinden nichts Neues", sagt der Unternehmenschef. Es scheint ihm nichts auszumachen. "Ein Klavier hat einfach einen enormen Sexappeal." In Amerika seien gerade selbst spielende Klaviere gefragt, mehr als die Hälfte würden dort schon mit dieser Technik ausgeliefert. Auch Blüthner-Haessler hat so ein Exemplar zu Hause stehen, zum Testen, "aber ich spiele lieber selbst". Er macht keinen Hehl daraus, das ihm ein klavierspielender Käufer lieber ist als einer, der sich allein aus Prestigegründen das Instrument in die Wohnung stellt. "Wir stellen schließlich ein Kulturgut her."

Im Moment bereitet Blüthner-Haessler vor allem der Vertrieb Sorgen. "Der Handel geht überhaupt kein Dispositionsrisiko mehr ein", klagt Blüthner-Haessler. "Aber wie soll man einen Kunden davon überzeugen, ein Klavier zu kaufen, wenn er es nicht vor sich sieht, nicht darauf spielen kann?" Das Unternehmen gewährt dem Fachhandel deshalb Kredite, damit dieser auch ohne Kundenbestellung Instrumente ordert. Und Blüthner setzt auf seine eigenen Flagshipstores, die es in zahlreichen Großstädten auf der Welt gibt. Das Internet sei keine Alternative, sagt er. "Zu Informationszwecken: ja, zum Kaufen: nein."

Um die Nachfrage anzukurbeln, baut Blüthner nicht nur Instrumente, sondern bietet auch Klavierunterricht an. In Leipzig, München, Wien, London und Den Haag gibt es schon Blüthner-Klavierschulen, die sich mit flexiblen Kursmodellen vor allem an Erwachsene richten. "Das werden wir ausbauen", sagt BlüthnerHaessler; als Nächstes in Düsseldorf, wo das Unternehmen gerade nach geeigneten Räumen sucht. "Umfragen haben gezeigt, dass 70 Prozent der Deutschen gerne Klavier spielen würden", sagt Blüthner-Haessler. Er glaubt an die Zukunft seines Unternehmens, an die Zukunft des deutschen Klavierbaus.

Er selbst hat das Klavierspielen schon im Alter von sieben Jahren gelernt, das sei in der Familie so üblich. Allerdings nicht ganz freiwillig, wie er einräumt, sondern durchaus auf Druck seiner Mutter. "Ich war eher ein Tom Sawyer, habe lieber Fußball gespielt." In was für einer Familie er aufwuchs, warum in seinem Elternhaus Pianisten ein- und ausgingen, sei ihm als Kind nicht bewusst gewesen. "Ich dachte, es ist normal, wenn der eigene Name auf dem Klavier steht", erzählt Blüthner-Haessler. Die nächste Blüthner- Generation wächst schon heran. Christian Blüthner-Haessler hat eine zweijährige Tochter, sein Bruder Knut hat drei Kinder zwischen sieben und elf Jahren. "Sie sind alle musikalisch", sagt BlüthnerHaessler. "Und es hat sie niemand dazu gezwungen." Julia Löhr

Das Unternehmen

Die Julius Blüthner Pianofortefabrik wurde 1853 in Leipzig gegründet. 1972 erfolgte die Verstaatlichung, seit 1990 ist das Unternehmen wieder im Familienbesitz. In diesem Frühjahr hat sich Seniorchef Ingbert Blüthner-Haessler zurückgezogen, die nächste Generation - die Brüder Christian und Knut Blüthner-Haessler - führt das Unternehmen nun alleine. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr 22 Millionen Euro, der Überschuss knapp 1 Million Euro. Am Firmensitz in Leipzig arbeiten 85 Mitarbeiter. Seit seiner Gründung hat Blüthner mehr als 150 000 Instrumente gefertigt.

Der Unternehmer

Der 42 Jahre alte Christian Blüthner-Haessler kümmert sich in der Geschäftsführung um alle kaufmännischen Fragen, sein jüngerer - im Gegensatz zu ihm eher introvertierter - Bruder Knut betreut die Produktion. Christian Blüthner-Haessler kam erst über einen Umweg in das Unternehmen: Er studierte zunächst Medizin und arbeitete im Ausland als Urologe, bis er auf Wunsch der Familie vor inzwischen mehr als zehn Jahren in den Familienbetrieb wechselte. Für Schlagzeilen sorgte er vor einigen Jahren wegen einer Reihe von Verkehrsdelikten.

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