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KKR bietet für Accell : Milliarden-Angebot in der Fahrradbranche

Räder von Koga - eine der Marken, die zum niederländischen Accell-Konzern gehören. Bild: Henner Rosenkranz

Der Finanzinvestor KKR bietet für einen der größten Rad-Hersteller der Welt. Die niederländische Accell steht für bekannte Marken, und Geldgeber lieben die Branche derzeit.

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          Paukenschlag in der Fahrradbranche: Ein Konsortium unter Führung des Finanzinvestors KKR will für 1,56 Milliarden Euro einen der Marktführer kaufen: den niederländischen Anbieter Accell mit Marken wie Batavus, Winora und Koga, wie die Beteiligten am Montag ankündigten. Die Erfolgschance ist hoch: Der Vorstand und die Großaktionäre Teslin and Hoogh Blarick befürworten die Übernahme. Die Accell-Aktien schossen an der Börse in Amsterdam um 24 Prozent in die Höhe.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Fahrradbranche erlebt damit ein weiteres Kapitel in der Serie von Übernahmen der vergangenen Jahre – diesmal ein besonders aufsehenerregendes. So wie die Autobranche neuerdings das Konglomerat mit dem Kunstnamen Stellantis aufweist – mit Opel, Alfa Romeo, Peugeot und anderen Marken –, kennt die Fahrradbranche solche Markenkonglomerate schon lange: Accell führt neben den genannten Marken auch Hercules, Sparta, Raleigh, Haibike, Ghost, Lapierre und die sich zusehends verbreitenden Lastenräder von Babboe. Das Unternehmen sieht sich als europäischer Marktführer für E-Fahrräder und als zweitgrößten Anbieter von Zubehör.

          Zwei Konglomerate in den Niederlanden

          Daneben steht als zweiter Marken-Pool in den Niederlanden der Familienkonzern Pon Holdings , der den Grundstein für sein Imperium vor gut zehn Jahren legte: beginnend 2011 mit dem Erwerb von Gazelle und als entscheidender Schritt anschließend mit dem Kauf des damals größten deutschen Fahrradanbieters Derby Cycle mit Marken wie Kalkhoff und Focus.

          Accell berichtete im Dezember über den Verlauf der ersten elf Monate des Jahres: Demnach stieg der Vorsteuergewinn (Ebit) um ein Drittel auf 107 Millionen Euro und der Umsatz um 4 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro – wobei das Unternehmen darauf hinwies, dass schon der Vergleichszeitraum des Vorjahres stark gewesen sei und man sich immerhin mit einem globalen Engpass an Fahrradteilen konfrontiert sehe.

          Ein Fest für Fusionsspezialisten

          Die Branche ist seit gut einem Jahrzehnt ein Fest für Übernahme- und Börsenspezialisten. Größtes Ausrufezeichen war 2011 der Börsengang von Derby Cycle, das anschließend schnell in den Kleinwerte-Index S-Dax aufstieg, bevor es weniger als ein Jahr später durch Pon übernommen wurde und vom Kurszettel verschwand. Auch in den Jahren danach gab es einige Bewegung. Zuletzt profitierte die Radbranche davon, dass viele Bürger während der Corona-Krise das Radfahren als unverändert ausübbare Freizeitaktivität während des Lockdowns entdeckten – und als Art, ohne Infektionsgefahr zur Arbeit zu gelangen.

          Auch Private Equity ist kein Unbekannter in der Szene: Die amerikanische TSG stieg aus dem Koblenzer Sportrad-Hersteller Canyon aus, der an eine Investorengruppe unter Führung der belgischen Finanzholding Groupe Bruxelles Lambert (GBL) ging. Die Gesamtbewertung wurde in Finanzkreisen mit einer Größenordnung von 800 Millionen Euro beziffert. Der Finanzinvestor Finatem mischte zweimal die Branche auf: Er hielt Derby Cycle jahrelang im Portfolio und führte das Unternehmen an die Börse. Im vergangenen Jahr brachte er den Getriebeteilehersteller H-Gears aufs Parkett, der knapp ein Drittel seines Umsatzes im Geschäft mit der Fahrradbranche erwirtschaftet.

          Private Equity stürzt sich auf Hersteller 

          Auch Gazelle hatte – vor der Übernahme durch Pon – bei einem Finanzinvestor gelegen, nämlich Gilde. Pon wiederum erwarb kürzlich für 700 Millionen Euro die Fahrrad-Tochtergesellschaft des kanadischen Mischkonzerns Dorel Industries – und holte sich damit weitere globale Marken ins Haus, etwa Cannondale und GT. Das Unternehmen bezeichnet sich nun als einen der größten fünf unter den Fahrradherstellern der Welt. Hinter Pon steht eine der reichsten Familien der Niederlande; zum Kerngeschäft gehört der Autohandel, einschließlich Import von Volkswagen. Zusammen mit VW und dem Vermögensverwalter Attestor übernimmt die Gesellschaft für 2,5 Milliarden Euro den Autovermieter Europcar.

          Accell und Pon haben auch miteinander gerungen: Accell war wie Pon einst an Derby Cycle interessiert gewesen, kaufte nach dessen Börsengang schnell ein größeres Aktienpaket auf. Aber am Ende gab man sich geschlagen, verkaufte das eigene Derby-Anteilspaket an Pon und überließ somit den Landsleuten den deutschen Konkurrenten. Im Jahr 2017 bot Pon wiederum für Accell. Der Rivale ging auf Verhandlungen ein, brach sie aber ab. Ende 2018 kaufte sich Pon ein 20-Prozent-Paket an Accell zusammen – ohne genau zu sagen, was man damit vorhabe. Das ist inzwischen abgebaut.

          Zusagen an Accell 

          In der neuesten Offerte tut sich nun KKR mit dem Fonds Teslin zusammen, der knapp 11 Prozent an Accell hält. Das Konsortium bietet den Aktionären je Aktie 58 Euro in bar, gut ein Viertel mehr als den Schlusskurs am Freitag. Die mit etwa 7,5 Prozent beteiligte Hoogh Blarick unterstützt den Übernahmeplan. Er soll Ende des zweiten oder in der frühen Phase des dritten Quartals verwirklicht sein. KKR lässt sich bei der Transaktion von Goldman Sachs beraten, Accell von Axeco Corporate Finance.

          Vorstandsvorsitzender Ton Anbeek und Finanzchef Ruben Baldew sollen das Unternehmen den Angaben zufolge weiter führen – wobei die KKR-Historie beweist, dass solche Ankündigungen kurzlebig sein können, je nachdem auch, wie viel Veränderungsbedarf der Investor im jeweils übernommenen Unternehmen sieht. Beide Seiten waren am Montag bemüht, Kontinuität zu signalisieren: Das Konsortium unterstütze Accells Strategie. Die Zentrale bleibe in Heerenveen. Mitarbeiter behielten alle erworbenen Rechte, „und es ist kein Abbau der Belegschaft der Gruppe als direkte Konsequenz der Transaktion angepeilt“. Hier lässt die sprachliche Hintertür „direkt“ aufmerken. Abseits der Börse könne das Unternehmen besser seine langfristigen Pläne wahr machen, argumentierten die Beteiligten in ihrer Mitteilung – ein in den vergangenen Jahren öfters zu hörendes Argument für eine Übernahme. KKR ist selbst börsennotiert. Die Aktie gab am Montag deutlich nach.

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