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Kirchenmusik : Warum eine digitale Orgel?

  • -Aktualisiert am

Digitale Orgeln kosten im Durchschnitt ein Zehntel bis ein Zwanzigstel einer normalen Pfeifenorgel. Bild: Kisselbach

Der europäischer Marktführer für digitale Orgeln Kisselbach preist die Vorteile der elektronischen Alternative: Diese überzeugten auch immer mehr Kirchenkunden.

          „Wir verstehen uns als erste Adresse für die digitale Kirchenorgel in Deutschland“, sagt der Geschäftsführer Gerd-Günter Kisselbach selbstbewusst. Doch warum braucht man eigentlich eine digitale Orgel? Eine normale Pfeifenorgel gilt als das teuerste und größte Instrument – und genau diese Aspekte fehlen bei einer digitalen Orgel. Nach Angaben von Kisselbach kosten digitale Orgeln im Durchschnitt ein Zehntel bis ein Zwanzigstel einer normalen Pfeifenorgel; sie seien außerdem wesentlich kompakter.

          Eine durchschnittliche digitale Orgel ist nach Vorgaben des Bundes Deutscher Orgelbauer 1,15 Meter lang, 1,30 Meter breit und 1,15 Meter hoch. Die Vorteile dieser Orgeln sind, dass ihnen Umgebungsbedingungen, zum Beispiel in der Kirche, nicht schaden, dass sie nicht gestimmt werden müssen und dass sie keine Pflege benötigen. Die Kosten liegen laut Kisselbach bei etwa 25 000 Euro und bei einer digitalen Hausorgel zwischen 5000 und 10 000 Euro.

          Zuerst wird ein Holzkörper gebaut, der dann zum Spieltisch wird, also dem, was später sichtbar ist. Dies findet in einer Schreinerei oder einem Möbelwerk statt. Dann wird die Technik – Computerboards, Verstärker, Komponenten und Audiotechnik – in das Gehäuse eingebaut. Die Endmontage dauert einen Tag, die Vorproduktion Wochen und die Entwicklung Jahre.

          Besserer Klang als früher

          Nach Kisselbachs Angaben gibt es zwei Techniken, die den Klang einer Pfeifenorgel wiedergeben. Die erste ist die sogenannte Digital-Sampling-Technik, die die Pfeife aufnimmt, das Aufgenommene digitalisiert und anschließend über Lautsprecher wiedergibt. Die zweite nennt sich Physis-Technik und ist eine digitale Simulation. Sie simuliert den Klang und gibt das, was physikalisch in der Pfeife passiert, wieder.

          Der Leiter der Musikschule des Kölner Domchores, Winfried Krane, sagt, er habe eine Johannus-Orgel mit zwei Manualen bei Kisselbach gekauft. Für die digitale Orgel entschied er sich, da diese einen viel besseren Klang habe als die Elektronikorgeln von früher.

          Kisselbach erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund vier Millionen Euro, wie der Geschäftsführer berichtet. „Wir verkaufen gut 500 Orgeln im Jahr in Deutschland und vermuten, einen Marktanteil von etwa 60 Prozent in Deutschland zu besitzen.“ Nach Kisselbachs Angaben ist das Familienunternehmen seit 1910 auf dem Markt und seit etwa 2008 im deutschsprachigen Europa Marktführer im Bereich der digitalen Orgeln.

          13 000 Instrumente werden betreut

          Oft werden die Instrumente von europäischen Lieferanten zum Hauptsitz in Baunatal bei Kassel geliefert. Die 18 Mitarbeiter ließen sich in zwei Teams aufteilen: ein Montageteam und ein Lieferteam. Der Montageaufwand ist relativ groß, da Lautsprecher aufgestellt und Kabel verlegt werden müssen. Außerdem werden die Orgeln in Betrieb genommen, eine Einweisung gemacht und eine Intonation durchgeführt; dabei wird der Klang an Größe und Akustik des Raums angepasst. Installationen in Kirchen, die etwa ein Drittel der Projekte ausmachen, dauern zwei bis fünf Tage.

          „Wir haben im Augenblick etwa 13 000 digitale Instrumente in Deutschland, die wir betreuen“, berichtet der Geschäftsführer. Außergewöhnliche Projekte seien das Beschallen des Olympiastadions in München für den internationalen Kirchentag 2014 gewesen und das Ausstatten eines Kreuzfahrtschiffs von TUI. Deutschland sei mit etwa 90 Prozent des Umsatzes der Kernmarkt.

          Kisselbach erzählt, seine Familie sei schon immer von Kirchenmusik fasziniert gewesen und begeistere sich für Elektronik und digitale Technik. In den 1960er Jahren gab es die ersten elektronischen Orgeln, und in den 1980er Jahren entstanden die ersten digitalen Orgeln in dem Unternehmen G. Kisselbach. „Die Herausforderung in der Vergangenheit war, Akzeptanz für das Produkt zu finden“, sagt Kisselbach.

          Preiswerte Alternative

          Die Kirchenmusiker seien auf Grund der damals noch nicht so hohen Qualität den Orgeln gegenüber sehr skeptisch gewesen. Auch heute stießen sie noch auf Ablehnung, sagt der Kirchenmusiker Michael Klein aus Rechtenbach bei Wetzlar. Früher gab es noch viel Konkurrenz. Heute habe Kisselbach nur zwanzig kleine Wettbewerber, die nicht auf digitale Orgeln spezialisiert seien, berichtet Kisselbach.

          Die Gloria-Orgeln von Kisselbach sind die meistgekauften digitalen Orgeln in Deutschland. Sie besitzen eine Menüsteuerung an der Orgel, mit der man auf die Registerbibliothek, in der sich viele Alternativstimmen befinden, zugreifen kann. Es sind vier Orgeln in Vorbereitung, die die Orgelliteratur aller Epochen enthalten sollen. Zusätzlich gibt es Speicherplatz für vier weitere Intonationen; und für eine unbegrenzte Vielfalt kann man den USB-Anschluss nutzen. Der Kirchenmusiker Klein, der eine Gloria-Orgel besitzt, sieht eine digitale Orgel als gute Variante. Sie sei aber die zweitbeste Lösung – und zugleich die praktischste und oft am besten realisierbare.

          Laut Kisselbach wächst der Markt der Kirchenkunden, da die Technik besser werde und somit kaum noch Unterschiede zwischen einer herkömmlichen Pfeifenorgel und einer digitalen Orgel bestünden. Vor dem Hintergrund der sinkenden Zahl an Christen stelle die digitale Orgel eine preiswerte Alternative dar.

          Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.

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