https://www.faz.net/-gqe-7ilib

Kirchenfinanzen : Wie reich Deutschlands Kirchen wirklich sind

In der Folgezeit rangen die Geistlichen mit den neuen Territorialstaaten um eine angemessene Entschädigung. Über die Abschaffung der Fürstbistümer hinaus lösten die Staaten auch Klöster auf und enteigneten kirchliche Grundstücke, aus deren Erträgen die Geistlichen zuvor ihren Lebensunterhalt bestritten. Im Gegenzug verpflichtete sich nun der Staat, etwa die Gehälter von Bischöfen oder Angehörigen des Domkapitels zu übernehmen. Bis heute zahlen die Bundesländer als Rechtsnachfolger dafür insgesamt 459 Millionen Euro im Jahr. Die Kirchen sagen, sie seien bereit, darauf zu verzichten, verlangen dafür aber satte Einmalzahlungen. Vom 18- bis 25-Fachen der Jahressumme ist die Rede. Darauf hat sich noch kein deutscher Politiker eingelassen.

Erst noch gründlich rechnen

Allerdings gingen der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert längst nicht alle Vermögenswerte verloren. Der verbliebene Besitz bildet den Grundstock jener eigentümlichen Institution namens „Bischöflicher Stuhl“, die jetzt in Limburg erstmals das Interesse der Öffentlichkeit auf sich zog. Stiftungen und Vermächtnisse kamen über die Zeit hinzu; ein beträchtlicher Reichtum hat sich über die Jahre zusammengeläppert. Weil hier keine Staatsgelder im Spiel sind, sahen sich die meisten Bistümer bisher zu keinerlei Rechenschaft verpflichtet – nicht einmal gegenüber den eigenen Mitgliedern.

Die Kirchen werden leerer, die Einnahmen steigen trotzdem

Auch jetzt noch ist die Auskunftsfreude der Bistümer unterschiedlich ausgeprägt. Die Erzdiözese Berlin gab bereitwillig bekannt, dass sie über keinerlei Besitztümer verfügt. Köln als mutmaßlich reichste Diözese bezifferte die Vermögenswerte des Erzbischöflichen Stuhls auf 166,2 Millionen Euro. Manche Bischöfe wollten auf Medienanfragen nur den laufenden Jahresumsatz nennen oder das reine Geldvermögen ohne Immobilien. Andere teilten mit, sie müssten erst noch gründlich rechnen. Paderborn und Passau wissen schon jetzt, dass sie sich überhaupt nicht äußern wollen. Die Sache ist also ziemlich unübersichtlich; das soll sie wohl aus Sicht der Bischöfe auch sein.

Niedrigere Kirchensteuern für Reiche

Nicht für alle Ausfälle, die den Kirchen im 19. Jahrhundert durch den Verlust alter Pfründen entstanden, wollten die deutschen Einzelstaaten aufkommen. So entstand die Kirchensteuer als eigene Einnahmequelle der Kirche, zuerst 1827 in Lippe, zuletzt Anfang des 20. Jahrhunderts in ganz Preußen. Alle Gläubigen waren fortan gezwungen, diese Steuer zu entrichten, wollten sie ihrer Kirche angehören. Das Anwachsen der Städte verursachte zusätzlichen Finanzbedarf, denn die entstehenden Metropolen benötigten neue Kirchen und zusätzliche Geistliche. Die Weimarer Verfassung schuf für die neue Abgabe 1919 einen gesamtstaatlichen Rahmen, den die Autoren des Grundgesetzes 1949 nach langem Streit wortgleich übernahmen. Daran änderte auch die Wiedervereinigung nichts.

Länder wie Frankreich oder die Vereinigten Staaten, in denen die strikte organisatorische Trennung zwischen dem Staat und den einzelnen Religionsgemeinschaften eine lange Tradition hat, kennen einen solchen automatisierten Einzug kirchlicher Mitgliedsbeiträge durch staatliche Behörden überhaupt nicht. Die Geistlichen sind dort auf Spenden oder auf Entgelte für ihre Dienstleistungen angewiesen. Die hohe Anzahl förmlicher Kirchenaustritte in Deutschland ist vor allem auf diese Abgabe zurückzuführen, die je nach Bundesland zwischen 8 und 9 Prozent der Einkommensteuer beträgt, von der sie wiederum steuermindernd abgesetzt werden kann. Der Höchstbetrag ist meist auf drei Prozent des Einkommens gedeckelt. Damit wollen Kirchenvertreter, die sonst gern nach höheren Steuern für Reiche rufen, die Betuchteren vom Austritt abhalten.

Weitere Themen

Topmeldungen

Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.
Unser Sprinter-Autor: Timo Steppat

F.A.Z.-Sprinter : Teurere Flugtickets – fürs Klima?

Die Bundesregierung berät über Klimaschutzmaßnahmen, die EU-Innenminister streiten über die Flüchtlingsverteilung – und in Königswinter beginnt der Petersburger Dialog. Was heute sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z.-Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.