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Messerschleifer, Teezeremonienmeister und Sushi-Chef: All das ist Kinya Terada momentan gleichzeitig. Früher hatte er noch viele andere Berufe. Bild: Frank Röth

Japaner Kinya Terada : Wie man vom Fondsmanager zum Messerverkäufer wird

Er verkauft Tee, Sushi und Messer: Der Japaner Kinya Terada ist ein Wandler zwischen den Kulturen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hat er sich einen Traum erfüllt und lässt sie nun als Handwerker ausklingen.

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          Er wiegt das Messer in der Hand. Er ist unzufrieden. Es ist nicht ausbalanciert, das Messer kippt nach rechts und links. Es ist ein europäisches Messer: Hält man es zwischen Klinge und Schaft, kippt es Richtung Schaft. Japanische Messer kippen Richtung Klinge, erklärt Kinya Terada seiner Kundin. Das sei für den Arm und das Handgelenk besser. Er könne auch Ikea-Messer schärfen, doch denen fehle immer noch die Balance. Kinya – so nennen ihn Stammkunden, und so heißt sein Laden – steht hinter der Theke seines Standes in der Kleinmarkthalle in Frankfurt. Gemeinsam mit seiner Frau zelebriert er hier japanische Esskultur. Von mittwochs bis samstags gibt es Sushi, montags und dienstags schleift und verkauft er Messer und bietet grünen Tee an.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aus einer Schublade nimmt er eines seiner japanischen Messer – er hat seine eigene Marke. Die meisten kosten mehr als 300, manche auch an die 2000 Euro. Um der Kundin zu demonstrieren, wie scharf sie sind, hält er eine F.A.Z. des Vortages auf Bauchhöhe vor sich. Das Messer fährt durch die Zeitung wie durch Butter, Streifen fallen auf den Boden. Die Kundin, die Geburtstag hat, ist beeindruckt. Nächstes Jahr zum Geburtstag mache sie einen Schleifkurs bei ihm, scherzt sie. Auch das bietet Kinya an – für 100 Euro je Person. Ein bis zwei eigene Messer soll man mitbringen, heißt es auf einem Schild.

          Der Stand geht fast unter im Gedränge der Halle. Die Obststände, Cafés, Fleischereien und kleinen Restaurants sind bunter, moderner oder dominanter. Und wenn man Kinya so stehen sieht an seinem Schleifstein, unterscheidet er sich kaum von den vielen anderen Standbetreibern aus aller Welt, die das Leben hierhin gespült hat: ob aus Iran oder aus Italien. Für viele ist ein Restaurant oder Geschäft eine naheliegende Option, wenn sie nach Deutschland kommen: Solange sie nicht gut Deutsch sprechen, haben sie auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen.

          An Ambitionen mangelte es nicht

          Als Kinya nach Deutschland kam, trug er Anzug und Krawatte. Er hatte eine Sekretärin und war für viele Angestellte und noch mehr Geld zuständig. Er war Trainee der Deutschen Bank, arbeitete als Fondsmanager für große japanische, niederländische und deutsche Versicherer. Irgendwann wechselte er das Lager, wurde Marketingdirektor einer Oper – um schließlich einen Traum zu verwirklichen: von der Hände Arbeit zu leben. Im September wird er 68 Jahre alt.

          Viel erlebt: Kinya Terada blickt gerne auf die vielen Stationen seines bunten Berufslebens zurück.

          Seine Begeisterung für Europa hatte er früh entdeckt. Während seines Studiums – renommierte Universität, BWL – nimmt er Kurse in deutscher Literatur, liest Thomas Mann auf Deutsch. Ein Jahr länger habe er deshalb studiert, aber weil er ja an einer guten Uni gewesen sei, habe er sich keine Sorgen um einen Job gemacht. Tonio Kröger, Felix Krull, der Zauberberg, Tod in Venedig – er rattert durch die Werke. Immer gehe es um Persönlichkeiten zwischen Kunst, Bürgertum und Politik. So sei er auch ein bisschen, irgendwo dazwischen, mit vielen Interessen.

          In den neunziger Jahren war er Geschäftsführer des Getränkeherstellers Yakult Deutschland und kümmerte sich um die Markteinführung hierzulande. Damals hatte er große Pläne mit den kleinen Fläschchen mit probiotischer Milch, die dem Darm helfen soll. 700 Millionen Mark wollte er im Jahr umsetzen, eine Million Verbraucher für das Getränk gewinnen. Das war in den Neunzigern. Jetzt steht er in der Ecke seines Standes, wo er Messer schleift, und doziert darüber, was ihm wichtig ist: die Körnung seiner Schleifsteine, die richtige Schärfe von Messern und dass man drei Handwerksmeister für ein gutes Messer braucht – für das Eisen, für die Klinge, für den Schaft. Doch wenn das Messer bei ihm ankomme, sei es trotzdem nur zu 90 Prozent scharf. Den Feinschliff müsse man den Messern im Laden geben. Viele andere Läden, die japanische Messer verkauften, wüssten das nicht.

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