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Kino im Flugzeug : Erst der Actionfilm, dann die romantische Komödie

  • -Aktualisiert am

Was guckst du? Eine wichtige Frage, auch über den Wolken Bild: Bloomberg

Ein Unternehmen aus London wählt aus, was Flugreisende in aller Welt an Bord zu sehen bekommen. Mit den neuesten Blockbustern ist es nicht getan – und das private Internet macht es auch nicht einfacher.

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          Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und für Flugreisende gilt das offenbar besonders. Wer die Sicherheits- und Passkontrolle erfolgreich hinter sich gebracht und durch die verschlängelten Wege des Duty Free Shops tatsächlich den Weg zum Flugsteig gefunden hat, der will vor allem eines: entspannen. Beim Unterhaltungsprogramm an Bord ist Vertrautes gefragt. „Die meisten Leute schauen zuerst einen Actionfilm, dann eine Romantikkomödie – und dann versuchen sie zu schlafen“, sagt Niall McBain, der Vorstandschef von Spafax, einem der international führenden Unternehmen im Bereich „Inflight Entertainment“.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Ob Lufthansa oder British Airways, Cathay Pacific oder Delta, Air Canada oder Virgin – zahlreiche bekannte Fluggesellschaften lassen sich ihre Unterhaltungsprogramme von dem Dienstleister mit Sitz in einem unscheinbaren Hinterhofgebäude im Londoner Stadtteil Marylebone zuliefern. Einst ein Zulieferer für Bentley und Rolls-Royce, gehört Spafax seit dem Jahr 2000 zu WPP, dem Werbe-Imperium des britischen Unternehmers Martin Sorrell. Die 250 Mitarbeiter betreuen rund 20 Fluggesellschaften, wählen Filme, Musik und Spiele aus, beschaffen die Rechte und speisen die Programme in die Bordtechnik ein. Und sie suchen eine Antwort auf die Frage, was die Passagiere in Zukunft sehen wollen, wenn immer mehr Fluggesellschaften ihre Maschinen mit drahtlosem Internet ausrüsten.

          Bis zu 1200 Filme auf Abruf

          „In manchen älteren Flugzeugen arbeiten wir noch mit Filmrollen“, erzählt McBain im „Screening Room“ des Unternehmens, wo ausladende Sessel das Sitzgefühl in der Business Class simulieren. In den neueren Flugzeugen hat dagegen längst der Computer das Sagen, hält ein Server je nach Budget der Fluggesellschaft bis zu 1200 Filme zum Abruf bereit. Da seien die Passagiere dann schon mal eine Dreiviertelstunde damit beschäftigt, sich einen Überblick über das Programm zu verschaffen, schmunzelt McBain. Braucht es wirklich so viel Auswahl? Wie die Fluggesellschaften hat auch Spafax vor allem die Vielflieger im Blick. Für sie könne es sich schon lohnen, die komplette Star-Trek-Saga bereitzuhalten, sagt McBain. „Da kann man viermal um die Welt fliegen und hat immer noch etwas zu schauen.“

          Kinofilme kommen gewöhnlich 60 Tage nach der Erstaufführung ins Flugzeug. „Dieses Zeitfenster ist zwar nicht mehr das, was es einmal war“, sagt McBain mit Blick auf DVDs und Streamingdienste, „aber es ist immer noch ziemlich gut.“ Wer viel unterwegs ist, spart sich zuweilen den Gang ins Kino und wartet lieber den nächsten 16-Stunden-Flug von New York nach Hongkong ab, um die neuesten Hollywood-Blockbuster zu sehen.

          Erstaunlich beliebt seien aber auch Filme und Dokumentationen, die sonst allenfalls in Programmkinos liefen. „Das liegt daran, dass man an Bord keine Rücksicht auf seine Frau oder seinen Mann nehmen muss. Man ist aufgeschlossener für Neues“, sagt McBain, seines Zeichens ein Anhänger von Kung-Fu-Filmen. Bei British Airways hat Spafax zuletzt „Slow TV“ gezeigt, eine siebenstündige Zugfahrt durch Norwegen, aufgezeichnet von einer Kamera an der Lok. Eine schöne Einschlafhilfe sei das, sagt der Chef-Unterhalter.

          Die Facebook-süchtige Kundschaft bei Laune halten

          Besonders fortschrittlich in Sachen Bordprogramm sind seiner Beobachtung nach nicht etwa die sonst so für ihren Service gerühmten asiatischen und arabischen Fluggesellschaften, sondern die Amerikaner. Nach den Insolvenzen der vergangenen Jahrzehnte sind die Flotten relativ neu, was mit entsprechend viel Speicherplatz für das Unterhaltungsprogramm einhergeht. Zudem rüsten immer mehr Fluggesellschaften ihre Maschinen mit drahtlosem Internet aus, um ihre Facebook- und Whatsapp-süchtige Kundschaft bei Laune zu halten.

          Für Spafax ist das gleichwohl nicht ohne Risiko. So hat Jetblue, in den Vereinigten Staaten eigentlich als Billigfluglinie bekannt, kürzlich eine Kooperation mit Amazon Prime abgeschlossen, damit die Kunden auch in 10.000 Metern Höhe ihre Filme und Serien abrufen können. Wer noch kein Prime-Kunde ist, kann selbstverständlich mit wenigen Klicks einer werden. Virgin America wiederum hat Ende September den Streamingdienst Netflix an Bord geholt. Ebenso wie bei Jetblue können die Passagiere auch hier das Internet vorerst kostenlos nutzen.

          Spafax-Chef McBain hat dennoch keine Angst, dass ihm in Zukunft die Aufträge ausgehen könnten. Auf inneramerikanischen Verbindungen sei das mit dem Internet zwar tatsächlich kein Problem mehr, auf Langstreckenflügen über einen der Ozeane aber schon. Die Kapazitäten der Satelliten seien begrenzt, die Kosten für die nötige Bandbreite entsprechend hoch. Auch die geringe Akkulaufzeit moderner Smartphones und die fehlenden Auflademöglichkeiten an Bord sieht McBain auf seiner Seite. Nicht zu vergessen: der Komfort. „Hier“, sagt er und deutet auf das iPhone auf dem Tisch, wer wolle schon damit herumhantieren, wenn er gerade mit der Pasta in der Aluschale vor sich kämpft? „Man nimmt immer den besten Bildschirm, den es gerade gibt.“ Und das sei meistens eben nach wie vor der in der Sitzlehne des Vordermanns.

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