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Entschädigungen von Kik : Fabrikbrand-Opfer bekommen endlich Geld

Die ausgebrannte Fabrik am 14. September 2012. Bild: EPA

Nach fünf Jahren fließen 5 Millionen Dollar des Textildiscounters Kik zu den Betroffenen nach Pakistan. Der Weg dorthin war lang. Doch wird das Geld gerecht verteilt?

          Gut fünf Jahre nach dem verheerenden Großbrand in der Textilfabrik in der pakistanischen Industriemetropole Karachi werden die Hinterbliebenen nun mit weiteren 5,15 Millionen Dollar entschädigt. Entlang der Berechnungsgrundlage, welche die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) erstellt hat, erhalten künftig bis zu zwei Kinder einer Witwe jeweils umgerechnet 16,20 Euro im Monat.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Am 12. September 2012 waren bei einem Brand bei Ali Enterprises 255 Menschen gestorben und 57 verletzt worden. Die Menschen konnten damals aus dem in Flammen stehenden Gebäude kaum fliehen, weil unter anderem die Fenster vergittert waren. Dies geschah auch deshalb, weil immer wieder Kleidung gestohlen und aus den Fenstern zu Hehlern geworfen worden sein soll. Die unhaltbaren Zustände führten dann zu der Katastrophe, deren Aufklärung sich lange hinschleppte. Auslöser war ein Brandanschlag.

          Kik, der Hersteller von Billigtextilien, lastete die Fabrik damals mit rund 75 Prozent aus, zwei amerikanische Hersteller füllten das restliche Kontingent. C&A soll bei Ali Enterprises Probeaufträge haben machen lassen. Keiner von ihnen beteiligte sich an einer ersten Entschädigung, die Kik in Höhe von einer Million Euro Soforthilfe leistete. Auch die freiwillige Leistung von weiteren gut 5 Millionen Dollar trägt Kik allein.

          „Wir sind nicht glücklich damit, dass die ILO nicht vorankommt.“

          Das Verfahren der finanziellen Hilfe für die Opfer war überaus kompliziert. Betraut wurde damit die ILO als neutrale Organisation, nicht zuletzt auf Betreiben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auch Kik drang darauf, denn der Textilhersteller war nicht glücklich mit der Verteilung der ersten Million Soforthilfe – Verwandtschaftsgrade wurden damals sehr großzügig ausgelegt, alle bekamen dieselbe Pauschalsumme, Männer wurden bevorzugt. Über die Verteilung hatte das Hohe Gericht der Provinz Sindh entschieden.

          Die ILO arbeitet vor Ort mit Gewerkschaften und dem Institut für Arbeitsangelegenheiten (Pilar) zusammen. Untereinander waren sie sich nicht grün. Schwieriger aber war es, sich auf die landesüblichen Gegebenheiten und die Erwartungen einzustellen. Die ILO arbeitete auf Grundlage einer Übereinkunft aus dem Jahr 1964 – die aber für ein Land wie Pakistan von den Betroffenen ausgelegt werden musste, wie auch die Landesregierung der Provinz Sindh forderte. Das Ziel war klar; doch unterschätzten alle Beteiligten die Schwierigkeiten. So verkündete die ILO schon Anfang September 2016: „Opfer sollen nunmehr ab 2017 regelmäßig Zahlungen erhalten.“ Dazu aber kam es nicht. Vor einem Jahr ruderte Ingrid Christensen, die Landesdirektorin der ILO, im Gespräch mit dieser Zeitung in Karachi zurück: „Es wird schwer, viele der Opfer haben nicht einmal ein Konto.“ Der Betrag soll über Jahre gestreckt werden, um nachhaltige Hilfe zu sichern. Christensen rechnete damit, dass es noch Monate dauern werde, bis die Opfer Geld erhielten. Bei Kik hieß es damals: „Wir sind nicht glücklich damit, dass die ILO nicht vorankommt.“

          Bei den Auseinandersetzungen ging es vor allem darum, wie die Eltern der toten Arbeiter gestellt werden. In Asien und in den islamischen Ländern ernähren die Kinder dank ihrer Arbeit oft ihre Eltern. Die Staatskasse hätte die hinterbliebenen Eltern nur über fünf Jahre bedacht, da ihre verstorbenen Kinder nur für einen kurzen Zeitraum eingezahlt hatten. So standen sie nach deren Tod praktisch ohne Absicherung da. Aus diesem Grund haben die Eltern von Verstorbenen gegen die von der ILO vorgenommene Berechnung protestiert. Sie bot dann zwei Szenarien an, aus denen die Hinterbliebenen wählen konnten.

          Prozess auf Schmerzensgeld in Dortmund

          Sie entschieden sich für ein Modell, das Eltern Witwen gleichstellt. „Weil aber das verfügbare Geld nicht mehr wird, hat man an der Berechnungsgrundlage Änderungen vorgenommen. Dank veränderter Referenzlöhne und Verschiebungen von Prozentanteilen in Bezug auf Lebenserwartung, Rentenanteile sowie Zins- und Zinseszinseffekte erhielten Eltern schneller mehr Geld, Witwen (die in der Regel jünger sind) hingegen länger Geld“, heißt es im Umfeld des Unternehmens. Der Textilkonzern als Geldgeber betont: „Kik hat sich in diese Diskussionen nicht eingemischt, hatte auch keine Präferenz für die eine oder andere Option.“ Mit der Zustimmung aller Seiten wurde nun der Weg zur Auszahlung frei. Sie soll im Februar beginnen. Der Blick auf den Referenzlohn, den die ILO verwendete, zeigt allerdings einmal mehr, unter welchen Bedingungen Billigkleidung in Südasien für Märkte im Westen gefertigt wird: Die ILO setzt den Lohn auf 20420 pakistanische Rupien (150,25 Euro) im Monat an. Die Rente liegt bei 75 Prozent davon. Von diesen erhält eine Witwe 60 Prozent – also umgerechnet 67,62 Euro im Monat. Abgezogen davon wird der Anteil, den die Rentenkasse übernimmt.

          Patrick Zahn, der Vorstandschef von Kik, erklärte der Frankfurter Allgemeine Zeitung gegenüber: „Wir begrüßen es sehr, dass sich die Vertreter der Betroffenen des Unglücks von Ali Enterprises endlich auf einen für alle Seiten akzeptablen Auszahlungsmodus geeinigt haben. Wir danken der ILO für ihre unermüdlichen Anstrengungen, eine Einigung zu erzielen, die die lokalen Gegebenheiten respektiert und zugleich die Grundsätze der im September 2016 mit den Vertretern der Betroffenen erzielten Einigung wahrt.“ Unberührt von der Auszahlung in Pakistan läuft in Dortmund der Prozess auf Schmerzensgeld gegen das Unternehmen aus Bönen weiter, den vier Opfer angestrengt haben. Sie allerdings könnten auf Granit beißen: Ein Gutachter des Landgerichtes prüft, ob der Anspruch nach fünf Jahren verjährt ist.

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