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Kernkraftindustrie : Siemens vor schwierigen Verhandlungen mit Areva

Französischer Kernkraftwerksbauer Areva: Ausstieg Siemens frühestens 2012 Bild: AFP

An diesem Montag will der Siemens-Aufsichtsrat die Trennung vom französischen Kernkraftwerksbauer Areva beschließen. Laut Vertrag kann der Ausstieg aber frühestens 2012 erfolgen. Um weiterhin als „Vollsortimenter“ zu gelten, strebt Siemens nun eine Allianz mit der russischen Atomenergoprom an.

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          An diesem Montag tritt der Siemens-Aufsichtsrat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen, um den Ausstieg aus dem Gemeinschaftsunternehmen mit dem französischen Kernkraftwerksbauer Areva zu beschließen. Danach beginnen schwierige Verhandlungen: Wenn der Ausstieg bis zum 31. Januar angekündigt wird, kann er laut bestehender Verträge frühestens 2012 erfolgen. Zudem darf Siemens entsprechend der Vereinbarungen Areva acht Jahre lang keine Konkurrenz machen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Ein Sprecher der Bundesregierung dementierte am Freitag französische Presseberichte, nach denen Bundeskanzlerin Merkel in diesen Fragen mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy Kontakt hatte. Der deutsche Elektronik- und Industriekonzern soll wegen der politischen Dimension des Nukleargeschäfts mit der Bundesregierung aber schon Verbindung aufgenommen haben, heißt es im Unternehmensumfeld. Siemens strebt eine Allianz mit der russischen Staatsholding Atomenergoprom an, um ein Bein in der Nuklearindustrie zu behalten. Angeblich schwebt dem Münchener Unternehmen ein Gemeinschaftsunternehmen mit gleichen Anteilen der Partner vor. Dadurch verspricht sich der Siemens-Konzern umfassendere Mitspracherechte, als er mit seiner Beteiligung von 34 Prozent an der Areva-Tochtergesellschaft Areva NP heute hat.

          Stellung des „Vollsortimenters“

          Atomenergoprom wurde im April 2007 vom damaligen Staatspräsidenten Wladimir Putin gegründet. In der Holding wurden alle russischen Aktivitäten eingebracht, um das gesamte Spektrum der nuklearen Stromerzeugung von der Kernforschung über den Abbau von Bodenschätzen, die Urananreicherung, den Kernkraftwerksbau und -betrieb bis hin zur Lagerung von Atommüll abzudecken. Siemens würde das Programm durch die Lieferung von konventionellen Kraftwerkskomponenten wie Generatoren, Turbinen oder Betriebsleittechnik ergänzen. Aus dem Brennelementegeschäft wäre der Konzern zwar endgültig raus, könnte sich auf dem Weltmarkt so aber dennoch als „Vollsortimenter“ präsentieren. Auch andere große Anbieter wie Toshiba Westinghouse aus Japan sowie die Allianz von amerikanischer General Electric und japanischer Hitachi bieten neben dem Nuklearprogramm konventionelle Komponenten an. Weltmarktführer Areva hat sich mit dem Mitsubishi-Konzern im Brennstäbe-Geschäft verbündet. Bei konventionellen Komponenten wie Turbinen arbeitet das französische Unternehmen mit verschiedenen Lieferanten zusammen, darunter Siemens und Alstom.

          Siemens-Manager bewerten die Geschäftsaussichten im Reaktorbau skeptisch

          Vor einer Zusammenarbeit zwischen Siemens und Atomenergoprom stehen indes noch viele Hindernisse. Zuerst muss das Gemeinschaftsunternehmen mit Areva aufgelöst werden. Außerdem stellt sich die Frage, was aus dem Joint Venture von Atomenergoprom und Toshiba wird. Die Unternehmen vereinbarten im März 2008 eine Allianz, welche die Russen nicht zuletzt deshalb suchten, um sich durch internationale Zusammenarbeit vom Stigma des Tschernobyl-Unfalls zu befreien.

          Manager sehen Geschäftsaussichten im Reaktorbau skeptisch

          Aufgrund ihres hohen Finanzierungsbedarfs – ein Kernkraftwerk kostet ungefähr dreimal soviel wie ein Gaskraftwerk – ist die Nuklearindustrie von langfristigen Verträgen geprägt. Areva-Manager vergleichen ihr Geschäftsmodell gerne mit dem Kaffee-Lieferanten Nespresso. Dieser erziele seinen Gewinn nicht bei der Lieferung der Kaffeemaschine, sondern bei der späteren Versorgung der Kunden mit Kaffee. So sei es auch bei Areva. Damit versucht der Konzern auch die Verluste zu relativieren, die derzeit beim verspäteten Bau des Reaktors EPR im finnischen Olkiluoto entstehen. Man könne das Minus durch die Lieferung von Brennstäben ausgleichen, argumentieren die Franzosen. An diesen Einnahmen aus der Brennstäbe-Lieferung ist Siemens freilich nicht beteiligt; daher stammt auch die Frustration der Deutschen. Die Forderung von Siemens nach einem Einstieg bei der Brennelemente-Gesellschaft Areva NC lehnte die französische Regierung ab.

          Siemens-Manager bewerten die Geschäftsaussichten im Reaktorbau und in der Brennelemente-Lieferung ohnehin skeptisch. Optimisten rechnen in den kommenden zehn Jahren mit jährlich maximal zwölf neuen Kraftwerksbauten – bei vier oder fünf Anbietern kein großer Auftragsbestand. Wer etwa für Großbritannien vier neue Kraftwerke bauen wolle, müsse einen Kredit von rund 20 Milliarden Euro aufnehmen, der unter Umständen erst zehn Jahre später getilgt werden könne. Dazu seien in der Krise wenige Banken bereit. Siemens strebt nun ein schnelles Ende der Zusammenarbeit an. Der Preis, so heißt es, wird sich voraussichtlich um den Buchwert des Anteils von 34 Prozent an der Minderheitsbeteiligung ranken. Von den insgesamt 17.000 Areva-Mitarbeitern arbeiten rund 5000 in Deutschland an den Standorten Erlangen, Offenbach, Lingen, Duisburg und Karlstein. Für sie soll sich trotz der Scheidung nichts ändern, heißt es bei Siemens und Areva.

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