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Kernkraft : Siemens und das finnische Millionengrab

Im finnischen Olkiluoto entsteht das modernste Kernkraftwerk der Welt Bild: AFP

Das modernste und leistungsstärkste Kernkraftwerk der Welt im finnischen Olkiluoto könnte für Siemens zu einem großen Verlustbringer werden. Das Atomkraftwerk wird mit einer Verzögerung von mindestens zwei Jahren fertig gestellt. Daraus entstehen „nicht unerhebliche“ finanzielle Belastungen.

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          Das modernste und leistungsstärkste Kernkraftwerk der Welt entsteht im finnischen Olkiluoto. Die Frage ist nur, wann es fertig wird. Diese Frage stellt sich auch der deutsche Siemens-Konzern. Als Anteilseigner des Hauptkonstrukteurs Areva NP sowie als Lieferant des nichtnuklearen Kraftwerksbereichs ist Siemens in Finnland mit an Bord. Und der Konzern ist nicht glücklich mit den bisherigen Ergebnissen, wie der Siemens-Vorstandsvorsitzende Peter Löscher im Gespräch mit dieser Zeitung durchblicken ließ.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Bekannt ist, dass der Reaktor vom Typ EPR-3 nach heutigem Stand mit mindestens zwei Jahren Verspätung erst im Sommer 2011 fertig gestellt wird. Die daraus entstehenden finanziellen Belastungen infolge von Vertragsstrafen und Mehrkosten der Aufholjagd werden erheblich sein. Analysten schätzen die gesamten Zusatzkosten infolge der Verzögerungen auf 700 Millionen Euro bis 1,5 Milliarden Euro.

          Zusätzliche Belastungen von 500 Millionen Euro

          Siemens ist zweifach betroffen. Zum einen ist der deutsche Aktionär mit 34 Prozent Großaktionär von Areva NP, dem Lieferanten des nuklearen Reaktors. Zum anderen ist Siemens als Konstrukteur der Turbine und des Generators mit einer Beteiligung von rund einem Drittel Partner des Konsortiums, das in Finnland für den ganzen EPR-3 verantwortlich ist. Wie hoch könnte der Verlust für Siemens also sein? „Eine Schätzung der Belastung von etwa 500 Millionen Euro über die gesamte Laufzeit hinweg erscheint nicht unrealistisch“, sagt Bernd Laux, Analyst des Brokerhauses CAI Cheuvreux. Ein Siemens-Sprecher in München will nichts präzisieren, räumt aber ein, dass die Belastung „nicht unerheblich“ sei. Und er fügt hinzu: „Das ist sicherlich ärgerlich.“

          Areva hat Rückstellungen vorgenommen, ihre Höhe aber nie öffentlich beziffert. Im September 2006 gab der französische Staatskonzern einen Rückgang des Betriebsgewinns im zurückliegenden Halbjahr von 65 Prozent auf 115 Millionen Euro bekannt, der vor allem darauf zurückzuführen war; in der ersten Jahreshälfte 2007 fielen weitere Belastungen an.

          Hängt der Haussegen schief im Jointventure?

          Die Bauleiter versichern, dass es inzwischen vorangehe. Jeden Tag wüchsen die Betonmauern ein Stück weiter zu einem Reaktorgebäude zusammen. Rund 110.000 Kubikmeter, etwa die Hälfte des benötigten Betons, seien nun gegossen worden, meldete der finnische Betreiber und künftige Eigentümer TVO Ende Februar. 3 Milliarden Euro soll TVO dem Konsortium aus Areva und Siemens den Verträgen nach bezahlen. Das wird die Kosten der Lieferanten weit unterschreiten.

          Siemens fühlt sich machtlos, denn die Deutschen sind nach dem Jointventure-Vertrag nur Juniorpartner. „Es scheint so, dass Olkiluoto von Siemens wie eine Black Box angesehen wird. Sie werden nur kurzfristig informiert, ohne Einfluss zu haben“, sagt Analyst Laux. Der Siemens-Sprecher räumt ein, dass „wir auch in einer gewissen Abhängigkeit von Areva stehen“. Beim französischen Kraftwerksbauer will man von einem schiefen Haussegen im Jointventure jedoch nichts wissen. „Seit Beginn haben die beiden Partner koordiniert und in ihrem gegenseitigen Interesse zusammengearbeitet“, sagt ein Areva-Sprecher. Meinungsverschiedenheiten mit Siemens dementiert er. Die Unternehmen bemühen sich, nun an einem Strang zu ziehen, weil die technische Zusammenarbeit während der Aufholjagd funktionieren muss. In wenigen Wochen beginnt voraussichtlich die Installation der Siemens-Turbine.

          Finnen zeigen sich unnachgiebig

          Bei der Aufteilung der Sonderbelastungen ist das letzte Wort jedoch noch nicht gesprochen. Daher steht es mit dem Verhältnis von Areva zum Abnehmer TVO nicht zum Besten. Die Franzosen hoffen, dass die Finnen einen Teil der Mehrkosten tragen. Gegenseitige Schuldzuweisungen sind die Folge. TVO sei für administrative Verzögerungen verantwortlich, die mit der langsamen Genehmigungspraxis einzelner Bauschritte in Finnland zu tun hätten, kritisierte Areva-Chefin Anne Lauvergeon auf der Bilanzpressekonferenz Ende Februar. Die Genehmigungen erfolgten etwa „viel langsamer“ als im französischen Flamanville, wo Areva den jüngsten EPR-3 baut. Die finnische Genehmigungsbehörde STUK und der Abnehmer TVO winken jedoch ab. Areva habe eine Zeitlang etwa nicht genügend detaillierte Angaben vorgelegt, so dass sich die Genehmigungen zwangsläufig verzögerten, heißt es in Finnland.

          STUK hatte Areva und Siemens schon 2006 in einem öffentlichen Bericht vorgeworfen, Lieferanten ohne Erfahrung im Bau von Atomkraftwerken ausgewählt zu haben und sie nicht ausreichend eingewiesen sowie überwacht zu haben. Areva verteidigt sich mit dem Hinweis auf die Komplexität eines Pionier-Projektes, in das 1500 Zulieferer aus 28 Ländern eingebunden seien – auf Wunsch der Auftraggeber auch besonders viele aus Finnland.

          Die Finnen aber zeigen sich unnachgiebig. TVO-Projektmanager und -Vizepräsident Martin Landtmann sagt zu den geforderten Nachverhandlungen: „Da gibt es nicht viel zu verhandeln. Es ist ein Projekt mit schlüsselfertiger Abgabe zu einem festen Preis vereinbart worden.“

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