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Keine korrupten Länder mehr : Heckler & Koch mistet seine Kundschaft aus

  • -Aktualisiert am

Die Bundeswehr nutzt weiter das Maschinengewehr MG4 von Heckler & Koch. Bild: dpa

Der Waffenhersteller will künftig nur noch demokratische Länder beliefern. Auf der Kippe stehen soll auch das Nato-Land Türkei.

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          Die Schlagzeilen der vergangenen Jahre haben beim baden-württembergischen Waffenhersteller Heckler & Koch offenbar zu einem radikalen Umdenken geführt. Das in Oberndorf am Neckar ansässige Unternehmen will künftig keine Geschäfte mehr mit Staaten außerhalb des Einflussbereichs der Nato machen. Man wolle nur noch „grüne“ Länder beliefern, die also demokratisch, nicht korrupt sowie Nato-Mitglieder oder deren Partner seien, wie die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf Unternehmenskreise berichtete.

          Damit fielen etwa Staaten wie Saudi-Arabien, Mexiko, Brasilien oder Indien künftig weg. Die Türkei – ein nach Unternehmenseinschätzung „gelbes“ Land – werde demnach ebenfalls von der Kundenliste gestrichen. Begründet wird dieser Strategiewechsel unter anderem damit, dass Exportgenehmigungen in solche Staaten nur schwierig oder gar nicht mehr zu bekommen seien. Das Unternehmen selbst war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

          Was der Hersteller von Pistolen, Maschinenpistolen, Sturmgewehren und auch von Granatwerfersystemen nun ankündigte, ist die Konsequenz aus der jüngsten Vergangenheit. Wegen mutmaßlich illegaler Lieferungen nach Mexiko hatte die Staatsanwaltschaft Stuttgart jahrelang ermittelt und schließlich Anklage erhoben. Ein Termin zur Verhandlung vor dem Landgericht steht noch nicht fest.

          Nutzlose Gewehrfabrik in Saudi-Arabien

          In gut einem Dutzend Fällen wartet Heckler & Koch aktuell auf die Genehmigung deutscher Behörden zur Ausfuhr von Waffen. Kleinwaffen wie Sturmgewehre zählen zu den tödlichsten Waffen der Welt: Sie sind meist einfach verfügbar, leicht zu bedienen und zu schmuggeln und werden häufig in Bürgerkriegen eingesetzt.

          So benötigt Saudi-Arabien von Heckler & Koch Bauteile, um eine längst fertiggestellte Gewehrfabrik – die das Unternehmen dort einst legal gebaut hatte – nutzen zu können. Von 100 Bauteilen für das Gewehr können 94 vor Ort in Saudi-Arabien fabriziert werden, nur sechs fehlen.

          Weil genau die aber nicht kommen, ist die ganze Fabrik nutzlos. Vor ein paar Monaten klagte das Unternehmen erfolgreich vor dem Verwaltungsgericht in Frankfurt, dass die Bundesregierung entscheiden muss – egal, wie. Sollte die Ausfuhr nicht erlaubt werden, gingen hohe finanzielle Sicherheiten verloren, die man in Saudi-Arabien hinterlegt habe, heißt es seitens des Unternehmens, das auch sein Amerika-Geschäft forcieren will.

          Der Mittelständler profitiert auch von der gestiegenen Terrorgefahr. So gewann er kürzlich eine Ausschreibung der baden-württembergischen Polizei für die Lieferung von 3000 neuen Maschinenpistolen. Im vergangenen Jahr wurde ein Fünftel des Umsatzes auf dem Heimatmarkt, knapp 80 Prozent der Erlöse im Ausland erzielt. Der größte Einzelmarkt war Nordamerika.

          Finanzielle Lage hat sich deutlich verbessert

          Heckler & Koch wurde 2002 von Andreas Heeschen zusammen mit anderen Privatinvestoren übernommen. Heeschen ist Mehrheitseigentümer. Er plazierte einen Minianteil des Mittelständlers an der Börse Euronext in Paris. Um die Verschuldung zu senken, hatte er im November 2015 60 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

          Die finanzielle Lage hat sich inzwischen deutlich verbessert. In den ersten neun Monaten stieg der Umsatz um 19 Prozent auf 144,8 Millionen Euro bei einem Gewinn von 3,8 Millionen Euro. Vor einem Jahr wurde noch ein Verlust von 10,3 Millionen Euro ausgewiesen. In der Kasse waren 30 Millionen Euro, nach 12,9 Millionen Euro vor einem Jahr. Das Unternehmen beschäftigt insgesamt rund 850 Mitarbeiter, davon rund 700 Personen am Stammsitz in Oberndorf.

          Die Gewerkschaft IG Metall erwartet durch die nun verkündete Strategieänderung keine schnellen Auswirkungen für die Beschäftigten. Es sei schon seit Jahren schwierig gewesen, in die Länder zu liefern, in die man nun nicht mehr exportieren wolle. Wie aus Unternehmenskreisen verlautete, wartet man noch in mehr als einem Dutzend Fällen auf grünes Licht der Behörden für Exporte – etwa in den Oman und nach Singapur. Den alten Verpflichtungen will man nachkommen.

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