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Kommentar : Bemerkenswertes zu Toshiba

  • -Aktualisiert am

Nach zweieinhalb Krisenjahren steht Toshiba nun am Rande des Abgrunds. Bild: dpa

Japan verzichtet im Fall des strauchelnden Konzerns auf eine rein japanische Lösung. Der Umgang mit Toshiba illustriert den Wandel der Japan AG.

          3 Min.

          Der japanische Konzern Toshiba verkauft das Geschäft mit Speicherbausteinen für Handys oder Computer. Die Entscheidung folgt der blanken Not. Die Tochtergesellschaft Toshiba Memory soll mehr als 2 Billionen Yen (16 Milliarden Euro) bringen. Toshiba braucht das Geld dringend, um die Finanzlöcher zu stopfen, die der nach zehn Jahren sehr verlustreiche Ausstieg aus dem Kernkraftwerksgeschäft in den Vereinigten Staaten gerissen hat. Gelingt das nicht, droht im kommenden Jahr der Rauswurf von der Börse.

          Im Kern ist das die Geschichte eines inkompetenten Managements. Erst gab es 2015 den Bilanzskandal, in dem Toshiba aufflog, weil es über Jahre die Gewinne zu hoch ausgewiesen hatte. Die Spur führte bis in die Spitze des stolzen Unternehmens, das seinen Ursprung auf 1875 datiert und das Japan die Glühbirne gebracht hatte. Dann folgten die Kostenüberschreitungen bei Westinghouse Electric, von denen immer noch nicht ganz klar ist, wann Toshiba die Belastungen hätte buchen müssen. Auf jeden Fall hatte die Zentrale in Tokio die amerikanische Tochtergesellschaft nicht unter Kontrolle. Nach zweieinhalb Krisenjahren laboriert Toshiba nun am Rande des Abgrunds.

          Keine rein japanische Lösung

          Das Bemerkenswerte an dem Verkauf der Tochtergesellschaft Toshiba Memory ist dabei nicht, was geschieht. Das Bemerkenswerte ist, was nicht geschieht. Vorbehaltlich des Rechtsstreits von Toshiba mit Western Digital wird das Geschäft mit den Halbleitern wohl an eine Kombination aus japanischem Steuergeld und amerikanischem sowie südkoreanischem Kapital gehen, die unter Anleitung der japanischen Regierung geschmiedet wurde. Was nicht geschieht, ist eine in der Tradition der „Japan AG“ rein japanische Lösung, um das in Schwierigkeiten geratene Unternehmen zu retten.

          So war es noch 2004, als die Unternehmen des Mitsubishi-Netzwerks nach einem Skandal um verschwiegene Produktmängel den Autobauer Mitsubishi Motors herauspaukten. So war es noch 2005, als Mitsubishi Tokyo Financial Group das Finanzhaus UFJ übernahm. Nach dem alten Modell hätte Toshiba Hilfe des Mitsui-Netzwerks erhalten müssen, dem es früher verbunden war. Und nach dem alten Modell hätte der Notruf des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti) japanische Sponsoren für den Kauf von Toshiba Memory aktiviert, zumal der mächtige Wirtschaftsverband Keidanren wünscht, die Kerntechnologie im Land zu halten. Tatsächlich aber holte das Meti sich bei japanischen Investoren eine Abfuhr.

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          Netzwerke lösen sich auf

          Der Fall zeigt, dass von der alten Japan AG nicht mehr viel übrig geblieben ist. 2016 verzichtete das Mitsubishi-Netzwerk darauf, den gleichnamigen Autobauer im Skandal um falsche Verbrauchswerte herauszupauken, und überließ Nissan und Renault das Feld. Das Zerbröseln der Firmennetzwerke findet seine wirtschaftliche Logik darin, dass die Überkreuzbeteiligungen der Unternehmen und mit den Banken seit Ende der achtziger Jahre von rund 50 Prozent der Marktkapitalisierung auf 10 Prozent oder weniger gesunken sind.

          Das Interesse des Managements richtet sich langsam mehr auf die eigenen Aktionäre als auf die Japan AG. Rund 15 Jahre später zahlt sich nun aus, dass Ministerpräsident Junichiro Koizumi die Großbanken zwang, sich von Aktien japanischer Unternehmen zu lösen. Das ist für Japan positiv, weil es das Überleben von Zombie-Unternehmen erschwert. Der jetzige Ministerpräsident Shinzo Abe haut mit seinen Anleitungen zur guten Unternehmensführung in die gleiche Kerbe.

          Toshiba bleibt im Geschäft der Speicherchips

          Im Fall von Toshiba führt das dazu, dass die Unternehmen der Logik des Markts folgen. Japans große Elektronikhersteller haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten aus dem Geschäft mit Speicherchips verabschiedet, von NEC über Hitachi bis zu Fujitsu, Mitsubishi Electric und Panasonic. Gegen Korea, Taiwan und zunehmend China ist in der internationalen Arbeitsteilung schwer anzukommen.

          Die große Ausnahme ist Toshiba, das mit seinen Flash-Speicherchips nach Samsung Electronics Rang zwei in der Welt einnimmt. Das Geschäft ist sehr kapitalintensiv und erfordert mit seinen zyklischen Schwankungen einen langen Atem. Nicht ganz zu Unrecht scheuen Japans Elektronikunternehmen, die sich lange neuen Geschäftsmodellen zugewendet haben, davor zurück – zumal auch diese Speicherbausteine sich auf Dauer zur simplen Massenware entwickeln werden.

          Staat mischt sich nur willkürlich ein

          Was bleibt von der einst gefürchteten Japan AG? Ein Reparaturbetrieb der letzten Instanz, mit zweifelhaftem Erfolg, in dem das Meti sich jetzt schon mit ausländischem Kapital zusammentun muss, um die eigene Hand noch im Spiel zu halten. Der staatliche Rettungsfonds Innovation Network Corporation of Japan (INCJ), in Tokio auch als Viagra-Fonds verspottet, arbeitet dabei wie jede Industriepolitik willkürlich.

          Elpida Memory wurde 2012 ohne jeden Rettungsversuch an die amerikanische Micron Technology verkauft. 2016 scheiterte der INCJ, und der Elektronikhersteller Sharp ging an die taiwanische Foxconn-Gruppe. Bei Toshiba Memory aber darf Foxconn nicht zum Zuge kommen aus Angst vor Technologietransfers nach China. Wer will das noch verstehen? Anders gesagt: Die Japan AG wird gewöhnlich.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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