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Abschied von einem Werk : Zorn und Empörung in Varel

  • Aktualisiert am

Unmut am Werkstor Bild: AP

Ehemals galt das Airbus-Werk in Varel als Vorzeigeobjekt - nun soll es verkauft werden. Die Mitarbeiter fühlen sich verkannt und verletzt von den „Herren aus Toulouse“. Vom Werkstor in Varel berichtet Robert von Lucius.

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          Zorn, Kampfbereitschaft, Empörung und vor allem Enttäuschung: Am Werkstor in Varel nennen die Arbeiter der Frühschicht immer wieder diese Gefühle. Noch vor einem Jahr galten sie als Vorzeigewerk im Airbus-Konzern, und nun sollen sie verkauft werden.

          Das wäre der Beginn eines Gleitflugs für den größten Arbeitgeber der Region, ein Sterben auf Raten, sagen sie – selbst wenn in den nächsten vier, fünf Jahren kaum jemand entlassen würde. Eine Begründung für einen Verkauf habe bisher niemand nennen können, sagt der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD), dessen Familie seit dem zwölften Jahrhundert in Varel und dem eingemeindeten Küstenort Dangast lebt.

          Schon die Großväter arbeiteten im Werk

          Wie er kommt fast die gesamte Belegschaft von 1300 Mitarbeitern aus dem Ort oder dessen Umland. Einige berichten, schon ihre Großväter hätten im Werk gearbeitet. Die Flugzeugindustrie gab es, mit wechselnden Eignern von Focke über MBB bis zu Aerospace, seit den dreißiger Jahren. Direkt nach 1945 zeigten die Vareler Erfindungskraft mit der Herstellung des Flinck-Rades, eines Fahrrades mit kleinem Zweitaktmotor und einem Antrieb am Vorderrad, das auf deutschen Straßen mit bis zu 25 Stundenkilometern fuhr. Kein Airbus fliege am Himmel, auch kein Tornado, ohne Teile aus Varel, berichtet ein Schlosser. Wohl kein anderes Werk in Deutschland hat so viele moderne Geräte und Fertigkeiten bei der Verspanung – dem Fräsen von Großteilen, die millimetergenau sein müssen.

          Enttäuschte Beschäftigte
          Enttäuschte Beschäftigte : Bild: ddp

          Varel hatte sich auf Aluminium spezialisiert. Da Airbus dort in den neuen Werkstoff Kohlefaser nicht investieren will, befürchten die Mitarbeiter, dass sie mittelfristig abgehängt werden. Vom frühen Morgen an kommen Politiker und die Betriebsräte und sagen mit zornigem Unterton, dass sie nicht aufgeben werden. Aus Varel kamen stets, dem Menschenschlag der Nordoldenburger entsprechend, starke Betriebsräte – nicht zuletzt mit Thomas Busch der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrates des gesamten Airbus-Konzerns. Er schaut vorbei auf dem Weg von Toulouse nach Hamburg.

          Ohne Bestandsgarantie

          Beraten wird derzeit überall und heftig, auch in der Landesregierung. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) will nicht aufgeben und sagt, er habe großes Verständnis für die Proteste und die Empörung der Mitarbeiter in Varel und Nordenham. Den Betriebsrat lud er für kommende Woche nach Hannover in den Landtag zum Gespräch mit allen vier Fraktionsvorsitzenden. In vier Wochen kommt er wieder nach Varel, sobald eine von ihm eingesetzte Lenkungsgruppe ihre Arbeit abgeschlossen hat.

          Dort suchen Staatskanzlei und Wirtschaftsministerium, Betriebsräte, Gewerkschaften und Luftverkehrsfachleute nach einer Lösung und nach einer neuen Rolle mit einem Verbleib im Airbus-Verbund. Airbus-Chef Louis Gallois dagegen will Varel „an einen Partner“ verkaufen und als Zulieferer für Airbus behalten, aber ohne Bestandsgarantie.

          Neueinstellungen noch vor wenigen Wochen

          Seit drei, vier Wochen beherrscht der Airbus alle Debatten am Frühstückstisch oder beim Billard. Immer wieder kommt das Wort vom Damoklesschwert. Dabei war die Belegschaft vor wenigen Monaten noch zuversichtlich, und es gab Neueinstellungen. Dank der langen Betriebszugehörigkeit und der bodenständigen Heimatverbundenheit des oldenburgschen Menschenschlages identifizieren sie sich stark mit dem Werk und der Arbeit. Wenn es Krisen gab, war man bei der Arbeitszeit und dem Lohn zu Zugeständnissen bereit. Deshalb fühlen sich die Menschen vor dem Werkstor, die dennoch ihren Streik vermutlich schon an diesem Freitag beenden, von den Arbeitgebern verraten; sie sprachen gar von „Desaster“ und „Blasphemie“. Sie müssten einstehen für die Fehler des Managements, so die Verspätungen bei der Produktion des Großraumflugzeuges A380. Was jetzt komme, sei ungewiss.

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