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Kaufhäuser : Karstadt nimmt Abschied vom Luxus

  • Aktualisiert am

Es steht nicht Karstadt drauf... Bild: AP

Kadewe, Oberpollinger und Alsterhaus haben keinen Platz mehr bei Karstadt. Darüber ist in Berlin, München oder Hamburg nicht jeder traurig - die meisten Mitarbeiter entkommen der kriselnden Muttergesellschaft Arcandor nur zu gerne.

          Im Berliner Kadewe sieht man an diesem sonnigen Montag keine betrübten Gesichter. Für die meisten der 2000 Mitarbeiter ist es offenbar eine gute Nachricht, der kriselnden Karstadt-Muttergesellschaft Arcandor zu entkommen. Schon lange vor der jetzigen Krise hörten es die Marketingleute im „Kaufhaus des Westens“ nicht gerne, wenn zu oft der Name Karstadt fiel, dem das Haus seit 1994 gehört.

          Schließlich wollte das Kadewe immer mehr sein als ein gewöhnliches Warenhaus. Man wetteiferte nicht mit deutschen Konkurrenten, sondern wollte in der Weltliga mitspielen, sich also etwa mit den Galeries Lafayette in Paris oder mit Harrods in London messen. Dieser hohe Anspruch wird schon im Erdgeschoss dieses 60.000 Quadratmeter großen Luxuskinos des Konsums dokumentiert, wo man nicht weniger als 1500 Parfüm-Düfte riechen kann.

          Rentable Touristenattraktion

          Das 102 Jahre alte Kadewe, das in seiner Geschichte mehrere Inhaberwechsel hatte, ist längst eine Institution - und zwar eine kommerziell erfolgreiche. Wie man hört, macht das Haus einen jährlichen Umsatz von 330 Millionen Euro. Der Gewinn ist nicht bekannt, doch das Geschäft gilt als profitabel. Selbst wenn es keinen Gewinn machte, dürften Investoren Schlange stehen, denn die Marke Kadewe hat einen hohen Wert und einen beneidenswert großen Bekanntheitsgrad im Ausland.

          ...ist aber Karstadt drin...

          Fast jeder zweite Kunde ist ein Ausländer, und wenn Berlin-Besucher vor der Wahl stehen, sich entweder für die Museumsinsel oder das Kadewe entscheiden zu müssen, dann ist es keineswegs ausgeschlossen, dass selbst kulturell Interessierte sich für diesen Konsumtempel entscheiden. Denn auch hier gibt es schließlich so manches kulturell Interessante zu entdecken - und das gilt für die Nobel-Standorte von Karstadt in Hamburg und München ebenso.

          Ein teures Schmuckstück

          So ist der „Premium-Raum“ im fünften Stock des Hamburger Alsterhauses eine Umkleidekabine ganz eigenen Stils. Umgeben von warmen Rot- und Holztönen, ruht der Warenhausbesucher bei leiser Musik und edlen Pralinen auf schwarzem Leder und prüft die Qualität der vom „Personal Shopper“ dargereichten Anzugstoffe. Die können in maßgeschneiderter Form schon mal den Gegenwert von 10.000 Euro betragen. Dafür ist der umwerfende Blick über Hamburgs Binnenalster inklusive, wenn die schwarze „Centurion“-Kreditkarte durchs Lesegerät schwingt.

          Ins Hamburger Alsterhaus strömen die Schönen und Reichen seit nunmehr fast 100 Jahren. Zur Eröffnung im Jahr 1912 waren die Hamburger geblendet von der marmornen Pracht auf fünf Stockwerken. 1987 wurden die Kristalllüster hingegen von Lady Di überstrahlt, die an der Seite ihres Mannes über den roten Teppich zum royalen Einkaufsbummel schritt. Da gehörte der Konsumtempel noch zum Hertie-Konzern, den sich 1994 die Karstadt AG einverleibte und damit auch das Alsterhaus erwarb. Seitdem dachte Europas größter Warenhausbetreiber immer mal wieder über die Schließung des teuren Schmuckstücks nach. Vor dreieinhalb Jahren ging es dann in die entgegengesetzte Richtung: Für 35 Millionen Euro baute Karstadt die Räume nach dem Konzept „Klasse statt Masse“ um. In der Kofferabteilung findet sich nun bevorzugt Polycarbonat der Marke Rimowa, bei den Schreibwaren dominiert Montblanc.

          Die Rezession macht vor dem Luxus keinen Halt mehr

          Auch in München taucht der Besucher im völligen Kontrast zum Erscheinungsbild von Münchens Einkaufsfußgängerzone Kaufingerstraße in die Welt des Luxus ein, wie er sonst auf der Prachteinkaufsmeile Maximilianstraße zu finden ist und wo sich das Publikum kaufkräftiger Kunden findet. Das aber macht sich auf dem „Design Boulevard“ des Oberpollinger eher rar. Die Verkäuferinnen warten in den separat und entsprechend dem eigenen Markenauftritt eingerichteten Kleinläden von Louis Vuitton, Gucci, Prada oder Swarovski auf Kundschaft. Anders als frühere Wirtschaftskrisen ist auch der Luxus von dieser Rezession hart getroffen.

          Mit der Neupositionierung zum Premiumhaus im Arcandor-Konzern verschwand der Name Karstadt endgültig. Erst im Spätherbst des vergangenen Jahres war der Umbau des Luxustempels mit seinem „Shop-In-Shop“-Konzept abgeschlossen. Dieser Umbau war nicht der erste dieses 1905 gegründeten Kaufhauses. 2003 wurde es von Grund auf überholt. Seit 2006 sind schätzungsweise 80 Millionen Euro investiert worden. Erst Ende 2007 fiel die Entscheidung, analog zum Alsterhaus im Norden und zum Kadewe im Osten nun ein Edeltempel im Süden Deutschlands nach gleichem Muster zu errichten. Umsatzzahlen werden nicht genannt. Die letzte genannte Zahl bezieht sich auf das Jahr 2007, als ein Umsatz von rund 130 Millionen Euro genannt wurde. Das war vor der Neuausrichtung des Hauses mit seinen 600 Mitarbeitern.

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