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Kauf von TNK-BP : Der Kreml kauft sein Öl zurück

  • -Aktualisiert am

Beim Erdöl will der Kreml auf Unternehmensebene so mächtig sein wie beim Gas. Nach der Übernahme von TNK-BP kommt Rosneft auf 39 Prozent Marktanteil Bild: dpa

Der Kauf von TNK-BP durch Rosneft stärkt eine Vermutung: Der Kreml will im Erdölsektor eine zweite Gazprom aufbauen, aber besser als die alte.

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          Am russischen Erdölmarkt kommt es zur größten Konsolidierung seit der Zerschlagung des Yukos-Konzerns vor rund acht Jahren. Wieder ist es der Kreml, der dabei seinen Einfluss ausweitet: Rosneft, der größte Erdölkonzern des Landes, übernimmt den inländischen Konkurrenten TNK-BP.

          Durch das Zusammengehen mit dem drittgrößten und im Privatbesitz befindlichen Produzenten wird die staatlich kontrollierte Rosneft bald für mehr als jedes dritte in Russland geförderte Fass Rohöl verantwortlich sein. Mit einer Produktion von rund 10 Millionen Fass pro Tag streitet sich Russland mit Saudi-Arabien um die Rolle des weltgrößten Produzenten.

          Hohe Bewertung

          BP, einer der beiden Anteilseigner von TNK-BP, tritt seine Hälfte an dem Joint-Venture für eine Mischung aus Bargeld und Aktien an Rosneft ab. BP steigt zum zweitgrößten Aktionär von Rosneft auf und legt so die Basis für künftige Kooperationen. Wie außerdem Rosneft am Montag ankündigte, hat es sich mit dem russischen Konsortium AAR grundsätzlich auf den Kauf der übrigen 50 Prozent an TNK-BP für 28 Milliarden Dollar geeinigt. Die vier in AAR organisierten Milliardäre hatten das Joint-Venture mit BP 2003 gegründet, aber sich mit den Briten immer wieder über die Unternehmensführung gestritten. Im Frühsommer provozierten sie die jüngste Eskalation, als der Magnat Michail Fridman seinen Rücktritt als Geschäftsführer von TNK-BP verkündete. Kurz darauf bekundete BP seine Verkaufsabsicht, und AAR ließ erkennen, für das Konsortium sei letztlich nur der Preis über den Verbleib in dem Joint-Venture entscheidend.

          Dieser Preis ist verlockend hoch: Der Wert der beiden Angebote von Rosneft an BP und AAR summiert sich auf 54,8 Milliarden Dollar. Das ist ein Aufschlag von rund 38 Prozent auf die gegenwärtige Marktkapitalisierung von TNK-BP und entspricht 57 Prozent des für 2012 erwarteten Umsatzes von Rosneft. Doch Rosneft vergrößert nun seine Rohölproduktion gemessen an Werten von 2011 von 2,4 Millionen auf 3,9 Millionen Fass pro Tag. Rechnet man die Gasproduktion hinzu, ergibt sich ein Niveau von 4,5 Millionen Fass Erdöläquivalenten. Rosneft wird der weltgrößte börsennotierte Erdölkonzern.

          Rosneft expandiert unter seinem Chef und ehemaligem Regierungsmitglied Igor Setschin nicht nur mit Billigung, sondern mit offener Unterstützung von Präsident Wladimir Putin. In den neunziger Jahren waren russische Rohstoffkonzerne unter zwielichtigen Umständen privatisiert worden, um die Geldnot des Staates zu lindern – was dem für Staatsdominanz im Energiesektor eintretenden Putin bis heute aufstößt. Putin und Steschin hatten 2004 auf die Zerschlagung des privaten Erdölkonzerns Marktführer Yukos hingearbeitet, den ehemals größten Förderer russischen Erdöls. Mit dessen Unternehmensteilen wurde Rosneft gepäppelt. Dennoch waren die Gewichte im russischen Erdölmarkt bis danhin gleichmäßiger verteilt als im Gasmarkt, wo die ebenfalls staatlich kontrollierte Gazprom für geschätzt 73 Prozent der Förderung verantwortlich ist. Rosneft kommt beim Erdöl auf einen Marktanteil von „nur“ 25 Prozent; mit dem Kauf von TNK-BP werden es 39 Prozent sein.

          Behörde Gazprom

          Gazprom war mit einem Reingewinn von 45 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr eines der einträglichsten Unternehmen der Welt. Sein Ruf hinsichtlich Effizienz und Flexibilität ist allerdings verheerend. Für ausländische Käufer sind Gespräche mit der Unternehmensführung kein Vergnügen. Gazprom, eher eine Behörde als ein Konzern, führt ein lethargisches Eigenleben – ein Grund, warum der Kreml auch private Anbieter wie Novatek ungestört wachsen lässt, um dem eigenen Riesen trotz aller Einschränkungen etwas Wettbewerbsdruck auszusetzen.

          Rosneft hingegen ist als Partner relativ begehrt bei internationalen Unternehmen; nicht nur weil ihm der Kreml das Förderprivileg für schwer zugängliche Vorkommen in der Arktis gewährt hat, sondern auch weil es mit größerer betriebswirtschaftlicher Logik agiert und Kooperationen sucht. Auch BP wollte bereits mit Rosneft zusammenspannen. Dem Kreml bietet sich die seltene Gelegenheit, das Streben nach nationaler Größe mit einem Vehikel zu betreiben, das keinen abschreckenden Ruf besitzt.

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