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Katholischer Verlag : Das kirchliche Weltbild ist insolvent

Immer wenn Eigentümer sich wenig kümmern oder uneins sind, schlägt die Stunde der Machtanmaßung im Management. Carel Halff heißt der Mann, der seit Jahrzehnten den Verlag führt, ein charmanter Niederländer, der 1975 in die Geschäftsführung des Bücherdienstes eintrat und auch heute noch - er ist inzwischen 61 Jahre - als Chef der Geschäftsführung residiert. Mit der Devise „Sie sparen“ hat er Weltbild zu einer Art katholischem Aldi gemacht. Unter seiner Regie nahm der Verlag in den neunziger Jahren eine rasante Entwicklung, galt zwischenzeitlich als umsatzstärkstes Unternehmen der Branche. Das waren die Zeiten, als auch die Bischöfe stolz waren als erfolgreiche Unternehmer dazustehen. Mit der sprudelnden Dividende erfüllten sich die Kirchenfürsten den ein oder anderen Herzenswunsch.

Doch dann kam die Krise des Buchhandels und der Aufstieg des Onlinepackdienstes Amazon zum Giganten. 2007, viel zu spät, unternahm man erste tapsende Schritte in den Online-Handel. Ebenfalls viel zu spät sah man, dass Halff, der Mann des stationären Geschäfts, nicht zum Strategen des digitalen Wandels taugte. Danach überstürzten sich die Dinge planlos: Sanierer wurden in die Geschäftsführung geholt, Beratungsgesellschaften verdienten sich ihr Restrukturierungsgeld, aber das Eigenkapital schmolz und die Schulden wuchsen. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz Beobachtern zufolge allenfalls bei 650 Millionen Euro.

Entscheidung für die kapitalistische Option

Jetzt bekamen sich auch die bischöflichen Würdenträger richtig in die Wolle. Während der Münchner Kardinal über eine Stiftungslösung (die die unklare Stimm- und Eigentümerstruktur auch nicht geklärt hätte) den Verlag unter seine Fittiche nehmen wollte, schossen andere Kardinäle quer (darunter wohl auch stets der Kölner Kardinal Joachim Meisner). Vor lauter Zwistigkeiten hätte man fast übersehen, dass der Kapitalbedarf, den die Eigentümer zuschießen sollten, im Quartalstempo wuchs. Erst war von 20 Millionen, dann von 65, zuletzt von mindestens 130 Millionen Euro auf drei Jahre die Rede, die freilich die Schuldenlast von inzwischen 190 Millionen Euro um keinen Cent reduziert hätten.

Indirekt ist das abrupte Ende der Weltbildgruppe deshalb jetzt auch eine Folge des Finanzskandals im Bistum Limburg. Während Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst die 31 Millionen Euro, mit denen er sich seinen Bischofssitz architektonisch verschönerte, aus einer Art schwarzer Kasse holte, genannt „Bischöflicher Stuhl“, hätten die Weltbildeigner die 130 Millionen Euro ungefragt von den Kirchensteuerzahlern konfiszieren müssen.

Das Dilemma, vor dem die katholischen Bistümer standen, ist nicht trivial: Lassen sie Weltbild über die Isar gehen, steht die katholische Kirche als unsozial und kalt-kapitalistisch da. Verbrennen sie weiter Geld der Kirchensteuerzahler, ihrer eigentlichen Eigentümer, könnten diese sich in noch größerem Maße aus der Kirche zurückziehen als sie es nach Mißbrauchs- und Limburgskandal ohnehin schon tun.

Am Ende hat man sich für die kapitalistische Option entschieden und ist zum Insolvenzrichter gegangen. Aus den ursprünglich zur Kapitalerhöhung gedachten 65 Millionen Euro Kirchensteuermitteln wird nun der Sozialplan für die Beschäftigten gespeist.

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