https://www.faz.net/-gqe-9049m

Daimler vs. BMW : Der Autoindustrie droht eine Schlammschlacht

Alles sauber? BMW-Produktion in Regensburg Bild: dpa

Nach dem Aufkommen des Kartellverdachts in der Autoindustrie beschuldigen und verdächtigen sich die Beteiligten gegenseitig. Vor allem BMW ist jetzt zornig auf Daimler. Und Verschwörungstheorien kursieren auch noch.

          Die Nervosität ist groß in den Konzernzentralen in Wolfsburg, Stuttgart und München. Seitdem die Autohersteller Volkswagen mit den Tochtergesellschaften Audi und Porsche sowie Daimler und BMW unter Kartellverdacht stehen, wachsen zwischen den Unternehmen die Spannungen. Jahrelang sollen sich die Entwicklungsvorstände regelmäßig in sogenannten Fünfer-Kreisen getroffen und dabei mit Absprachen auf Arbeitsebene womöglich gegen Wettbewerbsrecht verstoßen haben. Jetzt herrsche zwischen den Chefetagen tiefes Misstrauen, heißt es in Deutschlands einstiger Vorzeigebranche.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Und mit dem Misstrauen wachsen die Mutmaßungen, Verdächtigungen und Anschuldigungen. Kaum anders ist zu erklären, dass sich am Dienstag Spekulationen sogar wieder um zwei altvertraute Namen der Branche rankten, die kurz vor und unmittelbar nach Bekanntwerden des VW-Abgasskandals um manipulierte Dieselautos von der Bühne abgetreten waren: Volkswagen-Konzernpatriarch Ferdinand Piëch und sein langjähriger Vorstandschef Martin Winterkorn.

          Alles möglichst weit von sich schieben

          Dass die beiden nun auch mit den Enthüllungen rund um heimliche Verabredungen und den Selbstanzeigen von VW und Daimler bei den Wettbewerbsbehörden in Verbindung gebracht werden, erklärt sich für Beobachter allein aus der Tatsache, dass bei Piëch und Winterkorn in den fraglichen Jahren alle Fäden zusammenliefen und sie heute im Dieselskandal von einem Dutzend Anwaltskanzleien vertreten werden. In der Schlacht der Juristen geht es schließlich darum, Verantwortung und Schuld möglichst von sich selbst wegzuschieben.

          Solange die Unternehmen keine Fakten zu den Vorgängen auf den Tisch legen, sind die Zeiten ideal für Verschwörungstheoretiker. Piëch und Winterkorn wüssten Brisantes aus dem Konzern, und wer wisse schon, was die im Abgasskandal von deutschen oder amerikanischen Ermittlern beschuldigten früheren VW-Mitarbeiter zu berichten hätten? War die Selbstanzeige von VW also nur eine präventive Vorsichtsmaßnahme? Nachdem amerikanische Behörden aufgedeckt haben, dass die Dieselmotoren bei VW- und Audi-Modellen mit Hilfe einer illegalen Software systematisch manipuliert wurden, um zu hohe Schadstoffemissionen zu vertuschen, wurden im Konzern sämtliche Regeln und Kontrollsysteme auf den Prüfstand gestellt. VW hat zu den Medienberichten über die Selbstanzeigen bislang nicht offiziell Stellung genommen. Auch nicht zu den jüngsten Spekulationen. Wer sich in Wolfsburg dazu umhört, erntet allerdings nur ein mildes Lächeln oder Kopfschütteln.

          Das Unternehmen aus dem Fünfer-Kreis, das den größten Schaden zu befürchten hat, ist BMW. Der Münchner Autohersteller hat keine Selbstanzeige gestellt. Und in der Konzernzentrale am Petuelring wundert man sich, warum trotz der offenbar schon seit gut einem Jahr vorliegenden Selbstanzeigen aus Wolfsburg und Stuttgart bisher weder das Bundeskartellamt noch eine europäische Behörde in München vorstellig geworden ist. Dass es die Treffen der Entwicklungsvorstände im Fünfer-Kreis über viele Jahre gab, wird auch von BMW nicht bestritten. Im Gegenteil: Nur zu gern hätten die Münchner die Fünfer-Runde in die Arbeitsgruppen beim Verband der Automobilindustrie (VDA) integriert. Aber Mitglied eines Kartells zur Vertuschung eines Abgasbetrugs wollen sie nicht gewesen sein. Unverdrossen wird beteuert: „Fahrzeuge der BMW Group werden nicht manipuliert.“ Auch unterscheide sich die eigene Schadstoffreinigung von der Technologie der anderen vier: „Im Gegensatz zu anderen Herstellern kommt in Dieselfahrzeugen der BMW Group eine Kombination von mehreren Komponenten zur Abgasreinigung zum Einsatz. Soweit die Abgasreinigung durch Harnstoffeinspritzung mit AdBlue (SCR) erfolgt, ist in diesen Fahrzeugen zusätzlich ein NOx-Speicher-Katalysator verbaut.“

          Konzernchef Harald Krüger und Einkaufsvorstand Markus Duesmann versicherten der Belegschaft auf einer Betriebsversammlung in der vergangenen Woche, in der Dieselfrage „sauber“ zu sein. Auf einer Führungskräftetagung am Montag sei obendrein der Kartellverdacht angesprochen worden, hieß es aus Konzernkreisen. All das schützt die Münchner Manager nicht davor, jetzt eigene Ermittlungen anstellen zu müssen – wohl wissend, dass VW und Daimler seit ihren Selbstanzeigen mindestens ein Jahr Vorsprung haben. Eine Anwaltskanzlei soll BMW schon mit der Sichtung von E-Mails, Gesprächsprotokollen und anderen Unterlagen beauftragt haben. Es dürfte sich um zig Millionen Datenträger handeln.

          BMW zornig auf Daimler

          BMW hat laut einem Pressebericht Kooperationsgespräche zu neuen Projekten mit dem Rivalen Daimler vorläufig ausgesetzt. Die Münchener seien empört über das Vorgehen der Stuttgarter Konkurrenz in Bezug auf die Vorwürfe möglicher Kartellabsprachen, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Konzernkreise hätten entsprechende Angaben aus Branchenkreisen zur Einstellung von Gesprächen bestätigt, so das Blatt. Das Vertrauen sei total beschädigt, man  befinde sich „mitten in einem Tsuanami“, hieße es aus Industriekreisen. Einen Vorstandsbeschluss bei BMW gebe es zwar nicht, das BMW-Management wolle aber die Zusammenarbeit mit Daimler kritisch hinterfragen. Betroffen sind demnach mehrere Bereiche, unter anderem der gemeinsame Einkauf von Autoteilen bei Zulieferfirmen. Ein geplantes Tankstellennetz für Elektroautos könne sich verzögern.

          Bei VW beschäftigt sich an diesem Mittwoch der Aufsichtsrat mit dem Kartellverdacht. Einen Tag später legt der Konzern seine Halbjahresbilanz vor. Deutliche Zuwächse beim Umsatz und beim operativen Gewinn werden erwartet. Finanzchef Frank Witter darf sich auf viele Fragen zu den jüngsten Vorwürfen gefasst machen – solange sich VW nicht konkret zu den Vorwürfen und der Frage der Selbstanzeige äußert.

          Weitere Themen

          Stellensuche per Google Video-Seite öffnen

          Digitale Jobsuche : Stellensuche per Google

          Auch in Deutschland sollen Arbeitsuchende jetzt auch auf Google zurückgreifen können: Der Internetgigant hat in Berlin seine neue Stellensuche-Funktion vorgestellt. In vielen anderen Ländern gibt es das Angebot bereits.

          Atempause im Huawei-Streit Video-Seite öffnen

          Wall Street : Atempause im Huawei-Streit

          Die Wall Street in New York schloss am Dienstag Ortszeit im Plus. Grund dafür war auch, dass Amerika sein Geschäftsverbot für Huawei am Dienstag für 90 Tage aussetzte.

          Topmeldungen

          Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

          Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.