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Karstadt streicht 2000 Stellen : „Wir müssen an die alten Strukturen heran“

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Andrew Jennings Bild: dpa

Bei Karstadt läuft der Sanierungstarifvertrag aus. Dann sind höhere Löhne zu zahlen. Es endet auch die Schonfrist, was Eingriffe in die Organisation angeht. Rund 2000 Stellen sollen gestrichen werden, wie Karstadt-Chef Jennings im F.A.Z.-Interview sagt.

          Herr Jennings, am 1. September kehrt bei Karstadt endgültig der Alltag ein. Der einst mit den Gewerkschaften geschlossene Sanierungstarifvertrag läuft aus. Das Unternehmen ist mit einem deutlich höheren Lohnniveau konfrontiert und verliert Wettbewerbsvorteile.

          Wir werden zum Flächentarifvertrag des Einzelhandels zurückkehren. Wir sind uns der Opfer bewusst, die unsere Mitarbeiter gebracht haben. Sie werden zum 1. September wieder ihr volles Entgelt wie vor dem zeitlich befristeten Verzicht erhalten. Erstmals seit sechs Jahren werden sie wieder volle tarifliche Sonderzuwendungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld bekommen. Das entspricht für jeden Mitarbeiter einer Entgeltsteigerung um 8 Prozent.

          Sie haben allerdings auch sehr schlechte Nachrichten parat.

          Wir werden unsere Organisation auf die richtige Größe und in Einklang mit der Strategie „Karstadt 2015“ bringen. Konkret heißt das, dass Karstadt bis Ende 2014 nach Zustimmung des Aufsichtsrates und unter Einbeziehung der Sozialpartner 2000 von derzeit insgesamt rund 25000 Stellen abbaut. Das ist schmerzhaft. Aber wir leiden nicht nur unter komplexen und ineffizienten Altstrukturen, sondern befinden uns auch im wirtschaftlich schwierigen Umfeld der Eurokrise.

          Wo wird es im Einzelnen zu Einsparungen kommen?

          Der Stellenabbau erfolgt mit dem Ziel, Strukturen und Prozesse weiter zu straffen und zu vereinfachen, und zwar in der gesamten Organisation. Einzelheiten werden in enger Abstimmung und Beratung mit den Betriebsräten festgelegt. Diese werden wir voraussichtlich im Oktober bekanntgeben können. Für mich ist wichtig, dass der Abbau so verantwortungsvoll und sozialverträglich wie möglich erfolgt. Wir fokussieren uns auf Frühpensionierungen, Nichtverlängerung von befristeten Verträgen und freiwillige Austritte. Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, und wir haben intensiv alle Optionen geprüft. Unsere Mitarbeiter können sich jetzt aber auf wieder höhere Gehälter freuen.

          Sie haben in früheren Gesprächen moniert, Karstadt sei zu komplex. Ist der geplante Personalabbau demnach nicht allein den höheren Löhnen geschuldet?

          Nein, das ist er nicht. Die strategische Neuausrichtung, also das Programm „Karstadt 2015“, basiert auf den vier Säulen Modernisierung, Differenzierung, Schärfung des Profils und Simplifizierung, also Vereinfachung des Geschäftsmodells. Um in der Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben und uns auf künftiges Wachstum konzentrieren zu können, müssen wir jetzt auch an die alten Strukturen heran. Sie waren durch den Fortführungstarifvertrag sozusagen eingefroren.

          Durch diese Sondervereinbarung mit den Arbeitnehmern waren Ihnen auch die Hände gebunden, was die Schließung nicht rentabler Häuser angeht. Droht jetzt eine Schließungswelle?

          Es gibt derzeit dazu keine Pläne. Ich habe immer gesagt, am Ende entscheidet der Kunde, ob wir erfolgreich sind oder nicht.

          Arbeiten alle Häuser profitabel?

          Als Privatunternehmen nennen wir keine Zahlen. Alle Häuser liefern gegenwärtig einen positiven Ergebnisbeitrag. Es gehört zu den Aufgaben eines Wirtschaftsunternehmens, das Portfolio einer permanenten Überprüfung zu unterziehen und wirtschaftlich sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

          Es könnte jetzt aber auch der Zeitpunkt gekommen sein, dass der Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen Kasse macht und sich von Teilen seines Engagements trennt, beispielsweise den Premiumhäusern ...

          Dazu gibt es keine Pläne. Nicolas Berggruen hat immer gesagt, dass er ein langfristig orientierter Investor ist.

          Sie haben schon im Frühjahr gesagt, dass es bei der Transformation von Karstadt zu einem modernen, kundenfokussierten Unternehmen heftigen konjunkturellen Gegenwind gibt. Wie man speziell in der Modebranche hört, ist die Frühjahrs- und Sommersaison katastrophal gelaufen.

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