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Karstadt : Nur noch ein Schatten seiner selbst

  • -Aktualisiert am

Ein neuer Investor steigt ein: Nicolas Berggruen in Essen Bild: dpa

Diesen Mittwoch jährt sich die Insolvenz der Handelsgruppe Arcandor. Um das Tochterunternehmen Karstadt wurde bis zuletzt gerungen - nun hat Privatinvestor Berggruen den Zuschlag erhalten. Der Niedergang des Konzerns in Etappen.

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          Es war ein trüber, regnerischer Frühsommernachmittag, als Karl-Gerhard Eick – flankiert von den beiden Insolvenzexperten Klaus Hubert Görg und Horst Piepenburg – vor der Essener Hauptverwaltung das Ende der Handelsgruppe Arcandor in die zahlreich aufgebauten Mikrofone verkündete. An diesem Mittwoch jährt sich das Datum, an dem der damalige Vorstandsvorsitzende nach nur wenigen Monaten an der Spitze des Unternehmens den Kampf um die Rettung des seit langem angeschlagenen Handelsriesen aufgeben musste.

          Bis zuletzt hatte er versucht, die Großaktionäre Oppenheim und Schickedanz, die Banken und die Vermieter zu weiteren Zugeständnissen zu bewegen, um doch noch an Rettungshilfen des Staates zu kommen. Vergeblich: Vier Insolvenzverfahren wurden eröffnet: für Arcandor sowie die Tochterunternehmen Primondo, Quelle und Karstadt Warenhaus. Die ersten drei Namen sind bereits Historie oder Makulatur. Um Karstadt wurde hingegen bis zuletzt gerungen. An diesem Mittwoch muss ein Kaufvertrag für das insolvente Unternehmen unterzeichnet sein. Dann läuft die allerletzte Frist ab.

          Mit der Hertie-Gruppe kamen weitere Problemfilialen hinzu

          Karstadt ist ein Stück deutsche Warenhausgeschichte. Als „Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft Karstadt“ hat Rudolph Karstadt 1881 sein erstes Geschäft in Wismar gegründet. Fast zeitgleich gingen zwei weitere spätere Kaufhausdynastien an den Start: Leonhard Tietz legte den Grundstein für den Kaufhof. Mit dem Kapital von Hermann Tietz wurde die spätere Hertie-Gruppe gegründet.

          Ein Stück deutscher Warenhausgeschichte: Drei Komplexe verursachten den Niedergang von Karstadt

          Der lange als Synonym für das Geschäftsmodell Warenhaus stehende Werbeslogan „Alles unter einem Dach“ wurde seinerzeit zwar vom Kaufhof erfunden. Karstadt war in Größe, Kapitalkraft und Stolz über Jahrzehnte gleichwohl die Nummer eins. Aus heutiger Sicht fast unvorstellbare 15 Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes flossen in den siebziger Jahren in die Kassen der Warenhauskonzerne. Heute bleiben für die Branche gerade noch 3 Prozent.

          Der Niedergang Karstadts ist von vielen einschneidenden Etappen gekennzeichnet. Schon mit dem Engagement bei der damals nahezu insolventen Neckermann-Gruppe handelte sich das Unternehmen in den siebziger Jahren erhebliche finanzielle Belastungen und ein Netz unattraktiver Filialen ein. Und mit der Übernahme der Hertie-Gruppe Mitte der neunziger Jahre kam eine Fülle weiterer Problemfilialen mit erheblichem Investitionsstau hinzu. Auch die Ausflüge in das Segment der Fachgeschäftketten erwiesen sich überwiegend als verlustbringend. Wettbewerbsfähige Konzepte für das Warenhausgeschäft umzusetzen, gelang schon in den neunziger Jahren nicht mehr, wie Insolvenzverwalter Görg konstatierte. Da damals aber noch die Immobilien überwiegend in Eigentum lagen und mit günstigen Mieten kalkuliert wurde, konnten die Probleme im operativen Geschäft übertüncht werden.

          Drei Komplexe als Verursacher

          Der Einstieg der neuen Großaktionärin Schickedanz, der damals eine Lösung für ihre schlecht florierende Quelle-Gruppe bringen sollte, wurde zunächst von vielen Beobachtern als Rettung angesehen. Die im Bericht zur Verschmelzung zu Karstadt-Quelle vorgesehenen ehrgeizigen Ergebnisziele blieben aber Wünsche. Der langen Ära Walter Deuss als Unternehmenschef folgte ein schneller Wechsel in der Vorstandsetage, ein teures Verzetteln mit neuen Geschäftsideen und Beteiligungen, ständig neue phantasievoll benannte Strategie- und Restrukturierungsprogramme und eine immer stärkere Erosion des eigentlichen operativen Geschäftes. Der Schickedanz-Vertraute Thomas Middelhoff hatte zuletzt zwar Großes mit der Konzernmutter Arcandor vor. Der Branchenfremde scheiterte mit seiner Finanzakrobatik aber kläglich. Mit dem Verkauf der Warenhausimmobilien an den Highstreet-Fonds verschaffte er dem Unternehmen zwar kurzfristig Luft. Doch seither kratzten auch noch gepfefferte Mieten an der ohnehin mageren Spanne.

          Die Karstadt-Krise sei im Wesentlichen durch drei Komplexe verursacht worden, so das Fazit Görgs: Strategische Defizite wie die Beibehaltung des Universalkonzeptes trotz vorhandenen Branchen-Spezial-Know-how, operative Defizite wie nicht wettbewerbsfähige Sortimente sowie ein sehr teures Geschäftssystem und schließlich die in der Firmengeschichte erfolgte Rettung und Übernahme zu vieler Unternehmen.

          Der letzte Geschäftsbericht zeigte noch andere Dimensionen

          Im letzten vollen Geschäftsjahr vor der Insolvenz setzte Karstadt 4,1 Milliarden Euro um bei einem Verlust vor Zinsen und Steuern von 272 Millionen Euro. Beim ersten Gläubigertreffen war von Gesamtverbindlichkeiten gegenüber Banken von rund einer Milliarde Euro die Rede. Seit einem Jahr gelingt es Görg, den Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten und – wenn auch mit Schnäppchenaktionen – Geld in die Kassen zu bringen. Im Dezember konnte er sogar erstmals wieder schwarze Zahlen vermelden.

          Zuletzt konnten die potentiellen Investoren noch um 120 Waren- und Sporthäuser mit noch knapp 25.000 Mitarbeitern buhlen. Das ist alles, was von Karstadt geblieben ist. Der letzte Geschäftsbericht des damals noch börsennotierten Karstadt AG (vor der Fusion mit Quelle) zeigte da noch andere Dimensionen: 1998 wurden in noch 180 Häusern mit knapp 60.000 Mitarbeitern mehr als 13 Milliarden DM Umsatz gemacht.

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