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Karstadt : Millionen für Middelhoff vor der Pleite

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Kurzfristig gewährter „Long-Term-Incentive-Bonus”: Thomas Middelhoff war nach zehn Minuten knapp 2,3 Millionen Euro reicher Bild: dpa

Für seinen „Weitblick“ und seine „mutigen Entscheidungen“ gewährte ein Ausschuss des Karstadt-Aufsichtsrats Thomas Middelhoff im Dezember 2008 einen Bonus von knapp 2,3 Millionen Euro. Zehn Minuten dauerte die Sitzung, kurz darauf stand das Unternehmen vor der Pleite.

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          Der frühere Chef von Arcandor (Karstadt), Thomas Middelhoff, hat kurz vor seinem Ausscheiden aus dem insolvent gegangenen Konzern einen Bonus von knapp 2,3 Millionen Euro erhalten. Bewilligt wurde die Zahlung von einem Ausschuss des Aufsichtsrats in einer zehnminütigen Sitzung im Dezember 2008. Des Protokoll gehört zu den Unterlagen, die Staatsanwälte aus Bochum und Köln wegen des Verdachts auf Untreue auswerten (siehe Bundesweite Korruptionsrazzia: Arcandor und Oppenheim im Visier). Middelhoff-Verteidiger Sven Thomas bestätigte die Zahlung, bezeichnete sie aber als gerechtfertigt.

          Die Ermittlungen richten sich außerdem gegen einige Partner der Privatbank Sal. Oppenheim, die im Jahr 2005 privat mit einem dreistelligen Millionenbetrag für die Karstadt-Großaktionärin Madeleine Schickedanz gebürgt hatten. Die dafür nötige Finanzkraft verdanken sie offenbar einem Darlehen von insgesamt 680 Millionen Euro, das ihnen das Geldhaus zu ungewöhnlich günstigen Konditionen für Zinsen und Sicherheiten gewährt haben soll. Sal.-Oppenheim-Risikomanager Friedrich Carl Janssen war zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrats und dessen Ausschusses, der die Sonderzahlungen für Middelhoff beschloss.

          Weitere Mitglieder dieses Ausschusses waren Hellmuth Patzelt (Gesamtbetriebsratsvorsitzender), Leo Herl (Ehemann von Madeleine Schickedanz), Wilfried Reinhard (Arbeitnehmervertreter), Michael Stammler (Finanzinvestorenvertreter) und Hans Reischl (ehemaliger Rewe-Chef).

          „Mutige Entscheidungen“ und „strategischen Weitblick“ gewürdigt

          Der Düsseldorfer Strafverteidiger Thomas sagte, die Grundlagen für den „Long-Term-Incentive-Bonus“ an Middelhoff seien schon im Jahr 2005 vereinbart worden. Zwar habe der Konzernchef das darin festgelegte Ziel für den Kassenzufluss (Cashflow) nicht erreicht; beim „Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen“ sei ihm dies hingegen gelungen. Die Zielverfehlung beim Cashflow habe Middelhoff dadurch ausgeglichen, dass er das Reiseunternehmen Thomas Cook ausgebaut habe. Dem Protokoll zufolge wollte Janssen mit der Prämie die „mutigen Entscheidungen“ und den „strategischen Weitblick“ von Middelhoff würdigen.

          Der Bochumer Oberstaatsanwalt Bernd Bienioßek sagte der F.A.Z., ein Ende der Ermittlungen rund um den 2007 zu Arcandor umgewandelten Handelskonzern sei noch nicht abzusehen. Dazu zählt der Verdacht, Middelhoff habe auf Unternehmenskosten zahlreiche private Flugreisen absolviert. Außerdem soll er es versäumt haben, etwas gegen überhöhte Mieten zu unternehmen, die Karstadt für einige seiner Standorte an einen Fonds zahlen musste, den Sal. Oppenheim gemeinsam mit dem Immobilienentwickler Josef Esch aufgelegt hatte; zu dessen Investoren gehörten wiederum Middelhoff selbst und seine Ehefrau.

          Gegenstand der seit Jahren andauernden Untersuchungen der Anklagebehörden ist ferner ein Beratervertrag mit Oppenheim. Auch hat der Karstadt-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg ihn und andere Ex-Manager auf Schadensersatz über 175 Millionen Euro verklagt. Vor Gericht fordert überdies der Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“, Jan-Eric Peters, Entschädigung für Verluste, die er als Privatmann mit Arcandor-Aktien durch Falschangaben Middelhoffs erlitten haben will. Der heutige Mitinhaber einer Investmentfirma weist sämtliche Vorwürfe entschieden zurück.

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