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Corona verschärft Notlage : Karstadt Kaufhof schrumpft stark

  • -Aktualisiert am

Das Logo der Warenhauskette Karstadt Kaufhof Bild: EPA

62 Warenhäuser schließen, Tausende Stellen werden gestrichen. Das Unternehmen bezeichnet die Kürzungen als alternativlos. Die Mitarbeiter sind schockiert.

          3 Min.

          Der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof will 62 seiner verbliebenen 172 Filialen schließen. „Für sie besteht keine wirtschaftliche Fortführungsperspektive“, teilte das Unternehmen am Freitag mit. Karstadt Kaufhof habe sich auf einen Sozialplan und Interessensausgleich mit dem Gesamtbetriebsrat und der Gewerkschaft Verdi geeinigt. 

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Abgebaut werden sollen bis zu 6000 Vollzeitstellen, was insgesamt gut 7500 Teilzeitkräfte betreffen könnte. Ebenfalls schließen sollen dem Vernehmen nach 20 Filialen von Karstadt Sports, auch gut 100 der 130 Reisebüros stehen vor dem Aus. „Die Auswirkungen der unvorhersehbaren Corona-Krise und der behördlich angeordneten wochenlangen Schließungen der Häuser zwingen uns alle zu diesem schmerzhaften Einschnitt“, sagte der Generalbevollmächtigte von Karstadt Kaufhof, Arndt Geiwitz. „Wir wissen, was dies für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet. Aber dieser Schritt ist ohne Alternative, weil diese Filialen den Gesamtbestand des Unternehmens gefährden. Letztlich geht es darum, das Unternehmen und damit viele tausend Arbeitsplätze zu sichern.“  

          Die Mitarbeiter in den Filialen wurden am Freitagmittag informiert, für die entlassenen Beschäftigten soll es eine sechsmonatige Transfergesellschaft geben. Für die verbleibenden 25.000 Mitarbeiter soll der zum Jahreswechsel ausgehandelte Tarifvertrag vom 1. Juli an wieder gelten. Er war mit Anmeldung des Schutzschirmverfahrens vorläufig ausgesetzt worden, was Verdi scharf kritisiert hatte. Statt Gehaltserhöhungen von 0,3 Prozent in diesem Jahr und eine weitere Erhöhung im kommenden Jahr gibt es für die Beschäftigten freie Tage.

          Verhandlungen mit Vermietern stehen noch aus

          In den tagelangen Verhandlungen haben sich die Streitparteien aufeinander zubewegt, in einem ersten Entwurf des Sanierungsplans war noch von 80 zu schließenden Warenhäusern die Rede. Für die Beschäftigten ist das ein schwacher Trost. „Die Entscheidung zu den Schließungshäusern trifft die Menschen hart, ihnen wird die Existenz unter den Füssen weggerissen“, sagt Stefanie Nutzenberger aus dem Verdi-Bundesvorstand. „Wir werden mit aller Kraft für den Erhalt der Standorte und die Zukunft der Beschäftigten kämpfen. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“ Nutzenberger appellierte abermals an die Politik, die Mitarbeiter zu unterstützen, damit „alle Möglichkeiten, Chancen und Wege, die es gibt, in dieser dramatischen Situation ausgeschöpft werden,“ sagte Nutzenberger.  

          Dem Sanierungsplan zustimmen muss allerdings noch der Gläubigerausschuss des Unternehmens, der sich am kommenden Montag berät. Außerdem hängt die Zukunft des Warenhauskonzerns noch an den Verhandlungen mit den Vermietern. „Die gefundene Einigung im Arbeitnehmerbereich begrüße ich ausdrücklich. Jetzt müssen wir noch zeitnah eine befriedigende Lösung mit den Vermietern finden“, sagte der Sachwalter Frank Kebekus.

          Eigentümer ist ein österreichischer Milliardär

          Galeria Karstadt Kaufhof hatte Anfang April ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung beantragt, nachdem eine Verhandlung über einen KfW-Kredit in Höhe von gut 700 Millionen Euro zuvor gescheitert war. Durch die Pandemie und den auch dadurch ausgelösten Konjunkturabschwung rechnet das Unternehmen mit Umsatzeinbußen von bis zu 1,4 Milliarden Euro bis Ende des Jahres 2022. Schon jetzt liege der Umsatzausfall bei mehr als 1 Milliarde Euro. In der vergangenen Woche war der Vorstandsvorsitzende Stephan Fanderl zurückgetreten, Finanzchef Miguel Müllenbach hat seinen Posten interimistisch übernommen. Es ist gut möglich, dass er weitermachen darf, die vom Gericht bestellten Sanierer jedenfalls lobten den Manager in einer Mitteilung ausdrücklich. 

          Galeria Karstadt Kaufhof gehört der Signa-Holding des Immobilien-Investors Réne Benko. Der österreichische Milliardär hatte zunächst Karstadt und später auch Kaufhof erworben, um aus den beiden Konzernen einen Warenhausriesen zu formen. Handelsfachleute hatten schon bei der Zusammenlegung bezweifelt, dass alle der sich meist in unmittelbarer Nähe befindlichen Warenhäuser eine Zukunft haben. Die Krise ermöglicht Karstadt Kaufhof nun etwa, sich von langfristigen Mietverträgen auch für unrentable Standorte zu lösen.  

          Im Sportgeschäft hatte Karstadt Kaufhof erst vor kurzem Sportscheck von der Otto-Gruppe übernommen, um sie mit Karstadt Sports zu verschmelzen – die Zukunft der Läden ist noch offen. Für die kurz vorher übernommenen 106 Reisebüros der insolventen Reiseanbieters Thomas Cook, die inzwischen unter Galeria Reisen firmieren, wurde schon im April ein Insolvenzverfahren beantragt. 

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