https://www.faz.net/-gqe-9e5fs

Karstadt-Eigentümer Benko : Ein Ausdauerkünstler kommt zum Zug

Verheiratet, vier Kinder und Milliarden schwer: Karstadt-Eigentümer René Benko Bild: dpa

Der österreichische Immobilienmilliardär René Benko stammt aus einfachen Verhältnissen. Im vierten Anlauf hat er jetzt sein Ziel erreicht: Die Fusion der Warenhausketten Karstadt und Kaufhof ist besiegelt.

          3 Min.

          Ausdauer ist für Investoren eine wichtige Voraussetzung. Manche werfen zu früh das Handtuch, aber René Benko hat durchgehalten. Seit mehreren Jahren ist der Tiroler Immobilienentwickler hinter der Warenhauskette Galeria Kaufhof her. Im vierten Anlauf hat der in wenigen Jahren zu sagenhaftem Reichtum gekommene Österreicher sein Ziel nun erreicht: Die Fusion der deutschen Warenhausketten Kaufhof und Karstadt ist jetzt perfekt, die Verträge sind offenbar auch schon unterzeichnet, lediglich die Kartellbehörden müssen noch zustimmen. Danach kann Benko das Traditionsunternehmen Kaufhof in sein Imperium integrieren.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der kanadische Kaufhof-Eigentümer Hudson’s Bay (HBC) hatte sich letztlich gezwungen gesehen, mit ihm zu verhandeln. Konkret stand Benko dabei einer Verhandlungspartnerin gegenüber, die ebenfalls etwas von Ausdauer versteht – und von Nervenkitzel. Helena Foulkes, die Vorstandsvorsitzende von HBC, hat mehrere Marathonläufe absolviert, und sie war einmal beim berüchtigten Stierrennen im spanischen Pamplona dabei.

          Das angestrebte Bündnis wird womöglich erhebliche Folgen für das Personal haben. Der von Benko kontrollierte Signa-Konzern will das zwar nicht bestätigen. Die jüngere Entwicklung von Signa zeigt aber, was auf die Beschäftigten der Warenhausketten zukommen könnte. In der vor kurzem erworbenen österreichischen Einrichtungskette Kika/Leiner verlieren mehr als tausend Mitarbeiter ihre Arbeit. Das entspricht einem Fünftel des Personals des vorher zum südafrikanischen Möbelimperium Steinhoff gehörenden Händlers.

          Benko hat auch den Karstadt-Standorten und dem Berliner Nobelkaufhaus KaDeWe ein straffes Sanierungsprogramm verpasst und sie wieder auf einen Gewinnpfad gebracht. Ebenso sind etwa hundert Online-Verkaufsportale Teil des Konglomerats. In der Handelssparte werden inzwischen 25.000 Mitarbeiter beschäftigt und ein Umsatz von 4,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Benko ist seit Jahren in Deutschland aktiv und gehört zu den wichtigsten Entwicklern in Europa.

          „Keine heiligen Kühe“ mehr

          Der 41 Jahre alte Benko stammt aus einfachen Verhältnissen, hatte aber schon in frühen Jahren einen Hang zum Unternehmer. Statt regelmäßig in die Schule zu gehen, begann er mit dem Ausbau von Dachböden und der Errichtung von Ärztezentren. Dank potenter Geldgeber und mit einem Gespür für Immobilien entwickelte der gebürtige Innsbrucker in der Signa-Holding ein Vermögen von nunmehr etwa 12 Milliarden Euro. In Deutschland, wo sich rund zwei Drittel seines Portfolios befinden, ist Signa einer der größten Branchenvertreter. Benko selbst ist zwar nicht mehr im operativen Geschäft tätig, aber der verheiratete Vater von vier Kindern ist noch immer der Strippenzieher im Hintergrund.

          Für Helena Foulkes ist das Bündnis mit Benko die mit Abstand wichtigste Weichenstellung, seit sie im Februar den Vorstandsvorsitz von HBC übernommen hat. Zu ihrer Berufung hatte sie noch gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beteuert, der Konzern bekenne sich „zu 100 Prozent“ zu Kaufhof. Aber schon recht bald schlug sie weniger verbindliche Töne an und sagte, unter ihr werde es „keine heiligen Kühe“ im Unternehmen geben. Seither hat sich der Handlungsdruck für sie erhöht. Im jüngsten Geschäftsquartal musste HBC einen Nettoverlust von 400 Millionen Dollar hinnehmen, der Umsatz war rückläufig, nicht zuletzt wegen der schwachen Entwicklung in Europa. Die Aktie hat in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 20 Prozent an Wert verloren.

          Bilderstrecke

          Vor der Fusion mit Karstadt hatte Foulkes schon einige kleinere Einschnitte angekündigt. Sie vereinbarte den Verkauf des erst vor zwei Jahren übernommenen Online-Händlers Gilt, sie will bis zu zehn Filialen der Warenhauskette Lord & Taylor schließen, und sie traf die symbolträchtige Entscheidung, das Flaggschiffgeschäft von Lord & Taylor an der New Yorker Fifth Avenue ganz aufzugeben. Schon vor ihrem Antritt hatte HBC vereinbart, den Standort an den Bürovermittler Wework zu verkaufen, allerdings war zunächst noch vorgesehen, eine verkleinerte Filiale weiterzubetreiben.

          Eine der wichtigsten Managerinnen in Amerika

          Dass auf HBC und auf Kaufhof größere Veränderungen zukommen könnten, war nach der Berufung von Foulkes zu erwarten. Die 54 Jahre alte Managerin beschrieb sich selbst unlängst als Freundin des „radikalen Denkens“. Das hatte sie bei ihrem vormaligen Arbeitgeber CVS Health auch unter Beweis gestellt, wo sie 25 Jahre beschäftigt war. CVS ist ein Gesundheitskonzern, zu dem unter anderem die größte amerikanische Drogerie- und Apothekenkette gehört.

          Foulkes spielte vor einigen Jahren eine zentrale Rolle bei der Entscheidung, in den Filialen keine Tabakwaren mehr zu verkaufen. CVS wurde damit zur ersten großen Drogeriekette des Landes, die Zigaretten aus den Regalen nahm. Für Foulkes hatte das auch eine persönliche Dimension, ihre Mutter war an Lungenkrebs gestorben. Sie schlug auch persönliche Töne an, als CVS zu Jahresbeginn verkündete, künftig in seiner Werbung Fotos nicht mehr zu retuschieren, um Models perfekter erscheinen zu lassen. Foulkes sagte, gerade als Frau und Mutter fühle sie sich verantwortlich für die Botschaften, die das Unternehmen an Kunden sende.

          Foulkes, die wie Benko vier Kinder hat, zählt seit Jahren zu den bekanntesten weiblichen Führungskräften in Amerika. Die Zeitschrift „Fortune“ setzte sie, als sie noch bei CVS war, auf Rang zwölf in ihrer Liste der mächtigsten Frauen in der Wirtschaft. Sie war für andere Top-Positionen im Gespräch, etwa für eine Führungsrolle beim Fahrdienstvermittler Uber. Stattdessen muss sie nun den traditionsreichen kanadischen Einzelhändler, der seine Wurzeln bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückverfolgt, durch turbulente Zeiten steuern. Das Bündnis mit Benko wird ihr ermöglichen, sich zumindest teilweise einer ihrer größten Sorgen zu entledigen.

          Weitere Themen

          Karstadt kauft sich Teile von Thomas Cook

          Nach Insolvenz : Karstadt kauft sich Teile von Thomas Cook

          Wie geht es weiter mit den Reisebüros des insolventen Touristikkonzerns? Sie gehen ausgerechnet in die Hände des Handelsunternehmens, zu dessen Vorgängerkonzern Thomas Cook schon in alten Zeiten gehörte. Alltours nutzt die Lücke.

          Topmeldungen

          Die israelische Siedlung Migron in der Westbank

          Israel und Palästina : Die Besetzung bleibt rechtswidrig

          Zumindest für den UN-Sicherheitsrat ist die Sache klar: Der Bau israelischer Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten bleibt völkerrechtswidrig – und Israel ist aufgefordert, alle Siedlungsaktivitäten einzustellen.
          Die Fähre, auf der 25 Migranten in einem Kühlcontainer gefunden wurden.

          Fähre Richtung England : 25 Migranten in Kühlcontainer entdeckt

          Unterkühlt harrt eine Gruppe Migranten im Inneren eines Kühlcontainers aus, um so vom europäischen Festland nach Großbritannien zu gelangen. Sie werden erst entdeckt, als sie ein Loch in den Container schlagen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.