https://www.faz.net/-gqe-7jyiq

Kapitalerhöhung : Thyssen-Krupps langer Weg aus den Problemen

  • -Aktualisiert am

Stahlproduktion bei Thyssen Krupp Bild: dpa

Der Traditionskonzern aus Essen holt sich frisches Kapital von den Aktionären. So verschafft er sich etwas Luft - aber er ist aber noch lange nicht über den Berg.

          3 Min.

          Thyssen-Krupp braucht mehr Kapital. Lange war darüber spekuliert worden, jetzt hat es Vorstandschef Heinrich Hiesinger offiziell verkündet. Um bis zu zehn Prozent soll das Eigenkapital erhöht werden, sagte er am Samstag, als er die Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr präsentierte. Tendenziell büßt die Krupp-Stiftung, die mit Sonderrechten ausgestattete Großaktionärin, damit an Einfluss ein, es hilft aber alles nichts: Ohne frisches Geld hilft die schönste Tradition nicht weiter, wenn ein Unternehmen nur lange genug Verlust einfährt. Die Finanzsituation war „erheblich bedroht“, gestand Hiesinger, der für seine klare Sprache bekannte Konzernchef: „Es dauert Jahre, das Unternehmen wieder auf tragfähige Beine zu stellen.“

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Milliardenverluste, Schienenkartell, Compliance-Skandal, jetzt auch noch die teilweise Rückabwicklung des Verkaufs der Edelstahl-Sparte an Finnen - die Misere findet kein Ende bei Thyssen-Krupp. Und Heinrich Hiesinger muss zerknirscht feststellen: Den - von ihm allseits erwarteten - „großen Befreiungsschlag gibt es in der Realität selten.“ Der Mann muss sich damit begnügen, Schritt für Schritt sein Programm abzuarbeiten.

          Mit der Kapitalerhöhung, deren genaue Terminierung noch aussteht, habe man eine „tragfähige Lösung“ gefunden, eine „Balance für alle Stakeholder“, für alle Eigentümer, die alten, wie die verstreuten neuen, sagte Hiesinger, der für 2012/2013 einen Verlust von 1,5 Milliarden Euro zu berichten hatte, die Dividende fällt wieder aus.

          Geendet hatte das Geschäftsjahr Ende September, die Veröffentlichung der Zahlen hat der Konzern so lange verschoben, bis Hiesinger auf seiner größten Baustelle, den desaströsen Stahlwerken in Amerika, Fortschritte melden konnte. In der Nacht zum Samstag war die Sache endlich fest gezurrt: Das Walz- und Beschichtungswerk in Alabama wird an ein Konsortium aus dem Weltmarktführer Arcelor Mittal und Nippon Steel & Sumitomo Metal Corporation verkauft. Als Preis werden 1,55 Milliarden Dollar (rund 1,14 Milliarden Euro) erzielt.

          Die Transaktion sieht zudem einen langfristigen Liefervertrag mit dem Thyssen-Krupp-Stahlwerk in Brasilien vor - der zweiten großen Sorge Hiesingers, der die gefundene Konstruktion nun als „werthaltige Lösung“ preist: Bis zum Jahr 2019 wird das Konsortium jährlich zwei Millionen Tonnen Brammen von Thyssen in Brasilien abnehmen - da die Anlage über eine Kapazität von rund fünf Millionen Tonnen verfügt, ist es nun zumindest zu 40 Prozent „verlässlich über mehrere Jahre“ ausgelastet. Dass Hiesinger auf mehr hofft, versteht sich von selbst. Das Wichtigste für ihn: „Mit dem Liefervertrag reduzieren wir unser Risiko“. Das macht Hiesinger leise Hoffnung, „mittelfristig schwarze Zahlen“ in Brasilien zu erreichen. Das ist nicht wirklich befriedigend, schon gar nicht toll, das weiß er selbst, aber es „ist die beste Lösung, die es derzeit für Steel Americas gibt. Alle anderen Optionen waren wirtschaftlich nicht tragfähig.“

          Zwölf Milliarden Euro hat das Abenteuer in Amerika den Konzern bisher gekostet. Wie es zu einem Fehlgriff solchen Ausmaßes kommen konnte, das einen Traditionskonzern in eine Existenzkrise gestoßen hat, verdient dereinst eine eigenes Kapitel in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Eine ganze Riege an Managern, inklusive des langjährigen, designierten Ruhrbarons Gerhard Cromme im Range des Aufsichtsratsvorsitzenden hat daraufhin ihre Posten verloren.

          Eine neue Strategie musste her

          Neue Köpfe, eine neue Strategie mussten her: Die Suche nach einem Abnehmer für die Stahlwerke aber blieb extrem schwierig, die Verhandlungsposition denkbar schwach, da die Not mit Händen zu greifen war: Was jeden Tag nur Verluste abwirft, wird man nur schwer los. Das weiß der stumpfeste Kleinkrämer, der jeden Abend in seiner Kasse weniger Geld liegen hat: Wer tut sich so einen Laden an? Den Betrieb in Eigenregie weiter zu führen, war für Hiesinger nicht wirklich eine Option - an einen profitablen Betrieb war nicht zu denken, auch wenn das manche im Konzern anders sahen. Die Zeit aber drängte, die Schulden türmten sich auf, Untergangsängste machten sich breit.

          Im vorigen Jahr wurde der operative Verlust in Amerika halbiert, das Ergebnis blieb grausam genug: Eine knappe halbe Milliarde Euro Verlust (vor Zins und Steuer) sind ein herber Schlag bei nicht mal zwei Milliarden Euro Umsatz in dem Bereich. Mit jeder weiteren Abschreibung auf die Werke in Alabama und Brasilien war das Kapital dahin geschmolzen. Und was bleibt von einem Konzern, wenn das Eigenkapital verzehrt ist? Nicht viel.

          Höchste Zeit für den Amerika-Deal, den Hiesinger nun zumindest als Teilerfolg verkauft. Die Nettofinanzschulden senkt er damit um rund 800 Millionen Euro.

          Abgesehen von den „Sondereffekten“, wie die Altlasten von den Wirtschaftsprüfern genannt werden, habe der Konzern seine Ziele erreicht, sagt Hiesinger und verweist auf die Erfolge seines Sanierungsprogramms: 600 Millionen wurden eingespart, 20 Prozent mehr als erwartet.

          Nur bleibt der Weg in die Zukunft beschwerlich, er dauert - und er führt weiter weg vom Stahl, hin zu einem „diversifizierten Industriekonzern“, wie das bei Hiesinger ganz unsentimental heißt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thomas Cook macht Bankrott in einer Zeit, in der das Fliegen als unnötige, im Grunde schon unlautere Handlung gilt. Worüber aber wird berichtet? Über die Streichung von Flügen und steckengebliebene Urlauber.

          Politische Willensbildung : Wer hat noch Mut zum Zweifeln?

          Politik ist die Vertretung von Interessen. Aber die werden kaum noch ausgesprochen. Statt Streit zuzulassen, erstickt man ihn meistens schon im Keim. Über einen immer enger werdenden Spielraum.
          Die Gesundheit des Babys ist für Eltern das höchste Gebot – nicht erst ab der Geburt.

          Verfrühter Mutterschutz : Kaum schwanger, schon weg

          Immer häufiger werden Erzieherinnen und Lehrerinnen lange vor der Geburt des Kindes krankgeschrieben. In vielen Kitas und Grundschulen führt das zu Schwierigkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.