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Kampf ums Zeitschriftenregal : Bauer attackiert, Springer steht zum Presse-Grosso

  • -Aktualisiert am

Das Presse-Grosso-System: Wie kommt die Zeitschrift ins Regal? Bild: Helmut Fricke

Die Plätze im Zeitschriftenregal sind begehrt, der Weg dahin auch: Der Bauer-Verlag greift die Presse-Grossisten an - und gefährdet das Vertriebssystem. Andere Verlage verhandeln derweil über Handelsspannen und Bonuszahlungen in Millionenhöhe.

          Im Kampf um das Pressevertriebssystem schlagen Verlage ganz unterschiedliche Wege ein: Während der Heinrich Bauer Verlag das gesamte Grosso-System heftig attackiert und vor Gericht knacken will, hat sich die Axel Springer AG schon mit den Grossisten geeinigt – auf Millionenausschüttungen für Deutschlands Verlage.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Grossisten, die als neutrale Dienstleister der Verleger Zeitungen und Zeitschriften an die Kioske liefern, könnten demnach vom kommenden Jahr an Millionenbeträge an die Verlage zahlen: 2012 zunächst 10 Millionen Euro, in den Jahren darauf jeweils 15 Millionen Euro, 25 Millionen Euro, 35 Millionen Euro und 45 Millionen Euro, bevor es 2017 um 60 Millionen Euro geht – theoretisch, wenn der Umsatz jeder Zeitschrift im Einzelhandel unverändert bliebe. Das geht nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus der Vereinbarung „Bonus Plus“ zwischen dem Axel Springer Verlag und dem Bundesverband Presse-Grosso hervor.

          Die Zahlungen sind stark variabel und hängen vom Umsatz einzelner Titel ab: Bleibt der Umsatz einer Zeitschrift unverändert, erhält das Unternehmen von der Millionensumme einen prozentualen Anteil, der so hoch ist wie der Umsatzmarktanteil der Publikation. Steigt der Umsatz, gibt es mehr; sinkt er, gibt es weniger – oder ab einem Minus von mehr als 4 Prozent gar nichts. Von 2012 bis 2017 geht es maximal um 250 Millionen Euro. Doch damit die Millionensummen überhaupt gezahlt werden können, müssen dem noch andere Verlage zustimmen. Der Grund dafür, dass diese das Geld – bisher – nicht wollen: Sie fordern mehr. Die Umsätze im Presse-Einzelhandel sinken – von 4,1 Milliarden Euro im Jahr 2002 auf bis zu 3,6 Milliarden Euro im Jahr 2009. Die Verlage wollen den Anteil der Grossisten am Geschäft verringern, die 120 000 Verkaufsstellen in Deutschland beliefern.

          Yvonne Bauer, die Verlegerin des Bauer-Verlages, mit ihrem Vater Heinz Bauer

          „Man kann durchaus von einem Generalangriff sprechen“

          Die schärfsten Geschütze in der Auseinandersetzung fährt wieder der Bauer-Verlag in Hamburg auf: Dieser klagt vor dem Landgericht Köln gegen den Bundesverband Presse-Grosso, dem Bauer ein Preis- und Konditionenkartell sowie kartellrechtswidrige und wettbewerbswidrige Behinderung vorwirft. Der Verband solle verurteilt werden, es zu unterlassen, für Grossisten einheitliche Konditionen mit den Verlagen zu verhandeln sowie Grossisten aufzufordern, individuelle Verhandlungen mit der Bauer Vertriebs KG zu verweigern.

          Dabei macht das der Verband seit Jahrzehnten, ohne dass es Bauer in all den Jahren gestört hätte. „Man kann durchaus von einem Generalangriff sprechen“, sagt Kai-Christian Albrecht, Geschäftsführer des Bundesverbands Presse-Grosso. Die Gleichbehandlung ist unverzichtbare Voraussetzung für Pressevielfalt überall in der Republik, teilt der Verband mit. Die Klage müsse als Versuch gewertet werden, zur Erlangung einseitiger Vorteile das neutrale Pressevertriebssystem ernsthaft zu gefährden. Es geht um mehr als um Geld: Das jetzige Grosso-System könnte fallen.

          Bauer will eine spürbare Absenkung der Spannen

          Zuletzt hat der Bundesverband Presse-Grosso mit dem Bauer-Verlag am 29. November verhandelt, mit der Neu-Verlegerin Yvonne Bauer, Geschäftsführer Andreas Schoo und Heribert Bertram, dem Geschäftsführer der Vertriebstochtergesellschaft. Wie aus Branchenkreisen zu hören ist, bringt das Wort „verhandelt“ das Treffen in Hamburg nicht auf den Punkt. Vielmehr habe Bauer versucht, seine Vorstellungen zu diktieren: Die fast 58 Millionen Euro im Jahr, die die Presse-Grossisten in Deutschland vom Verlag für ihre Dienste erhalten, will das Hamburger Unternehmen demnach um 16 Millionen Euro reduzieren. Die Handelsspanne der Grossisten, die sie für jede verkaufte Zeitschrift erhalten, soll dafür um etwa 3 Prozent sinken. Bauer setzte dem Verband ein Ultimatum von drei Wochen, seine Bedingungen anzunehmen. Schon bei diesem Treffen habe Bauer mit der Kartellklage gedroht, die Anfang Februar eingereicht wurde.

          Wenige Tage vor Ende der Bauer-Frist gaben Springer und der Grosso-Verband im Dezember die neue Bonusvereinbarung bekannt, die von 2012 bis 2017 gilt. Diese lehnt Bauer als „langfristig existenzgefährdend“ ab. Erforderlich sei eine spürbare Absenkung der Spannen für alle Zeitschriften und eine Überarbeitung der Spannensystematik hin zu einem zeitgemäßen Abrechnungssystem, teilt der Verlag mit. „Wir warten ab, was mit der Klage passiert“, sagt ein Sprecher.

          „Der Bauer-Verlag wird sich am Ende keinen Gefallen tun“

          Bisher hat ein weiteres Unternehmen das Abkommen unterschrieben: der IPS Pressevertrieb. Das bestätigte Gesellschafter Hans-Georg Füllenbach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Wir halten die Vereinbarung für gerecht“, sagt er. „Für uns steht an erster Stelle, dass das Grosso-System erhalten bleibt.“ Das Unternehmen gehört dem Arbeitskreis Mittelständischer Verlage an und kommt mit vielen Fachmagazinen sowie „taz“, „Neue Zürcher Zeitung“ und „The Economist“ auf einen Marktanteil von 3 Prozent. Sie sind vom Vertriebssystem überzeugt und wollen, dass die Gleichberechtigung gesichert ist.

          Die Entwicklung sieht Füllenbach jedoch mit Sorge: „Es eskaliert weiter, es kommt keine Ruhe hinein. Das ist schlecht für das Gesamtsystem.“ Ein Mediator wäre eine gute Idee. Aber es sei schwer möglich, alle Verlage mit einem Grosso-Vertrag zufriedenzustellen. „Es gibt immer Grenzzonen, in denen einer übervorteilt wird und ein anderer Nachteile hat“, sagt Füllenbach. Das Verhalten Bauers kann er nicht nachvollziehen. „Wenn ein Verlag es darauf anlegt, ein eigenes System aufzubauen, hat Bauer die besten Chancen das zu tun, aber nur zu höheren Kosten“, sagt Füllenbach. „Der Bauer-Verlag wird sich am Ende keinen Gefallen tun.“

          Andere Verlage wollen das Grosso-System erhalten – und andere Konditionen. Darüber verhandeln die Grossisten mit der Vertriebsgesellschaft von Gruner+Jahr, DPV, und dem Modernen Zeitschriften Vertrieb MZV, zu dessen Gesellschaftern der Burda-Verlag und die WAZ-Gruppe gehören. Zum Stand der Gespräche wollen sich beide nicht äußern, die mit Springer und Bauer zu den vier wichtigen Spielern auf Verlagsseite gehören. Diese Woche sollen die parallelen Verhandlungen weiterlaufen. Ein Ergebnis stände unter dem Vorbehalt der Hauptversammlung der Grossisten, die sich Mitte April in Köln treffen. Käme es zur Einigung, wäre Bauer in der Branche isoliert.

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