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Neues Geschäftsmodell : Kalaschnikow will wieder angreifen

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Im Kalaschnikow-Laden am Moskauer Flughafen bietet der Konzern neben Kleidung und Accessoires auch originalgetreue Waffenattrappen an. Bild: dpa

Der Ausstoß der Kalaschnikow-Werke ist heute nur noch ein Schatten von dem, was zur Sowjetzeit gefertigt wurde. Aber es geht wieder aufwärts.

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          Es ist müßig, über die Gefühle von Wladimir Putin zu spekulieren, aber dieser Termin dürfte ihm gefallen haben. Vor Kurzem besuchte Russlands Präsident das Werk des Kalaschnikow-Konzerns in Ischewsk, einer Stadt rund 300 Kilometer westlich vom Ural. Dort ließ er sich nicht nur neue Gewehre des weltbekannten Waffenherstellers zeigen, sondern hielt eine Sitzung mit hochrangigen Militärs und Vertretern der Rüstungsindustrie ab und begutachtete einen Entwurf für das Denkmal von Michail Kalaschnikow, dem Erfinder der gleichnamigen Gewehre. Putins Agenda zeigt, was Kalaschnikow ist: ein Konzern, auf dessen Vergangenheit der Kreml stolz ist und der mit seinen Neuentwicklungen dem globalen Konkurrenzdruck widerstehen soll.

          Entgegen der Vermutung ist der Kalaschnikow-Konzern jung, sogar jünger als die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eingeführte Marktwirtschaft: Das Unternehmen existiert erst seit 2013. Damals wurde die auf das Jahr 1807 zurückgehende „Ischewsker Maschinenbaufabrik“ (Ischmasch), welche die Kalaschnikow-Gewehre herstellte, mit der „Ischewsker Mechanische Fabrik“ (Ischmech) und anderen kleineren staatlichen Herstellern fusioniert, um einen integrierten Kleinwaffenproduzenten zu schaffen und Synergien im Rüstungssektor zu heben. Der neue Konzern erhielt den Namen Kalaschnikow, denn wie der Chef der staatlichen Rüstungsholding Rostec damals sagte: „Ischmasch und Ischmech sind keine Marken, Kalaschnikow schon.“

          Das war nicht das einzige Zugeständnis an den Wettbewerbsgeist. Rostec verkaufte sogar 49 Prozent der Aktien für umgerechnet 75 Millionen Dollar an private Investoren und hält nun nur noch die Kontrollmehrheit von 51 Prozent. Einer dieser Investoren ist der erfahrene Manager Alexei Kriworutschko, der nach Zwischenstationen bei der Fluggesellschaft Aeroflot und der staatlichen Rüstungsexportagentur seit 2010 das Eisenbahnunternehmen Aeroexpress leitet.

          Seit 2014 ist Kriworutschko nun auch Chef von Kalaschnikow und soll den Konzern bis zum Jahr 2020 auf Effizienz und Profitabilität trimmen. Die Anlagen waren lange Zeit schlecht ausgelastet, das Geschäft verlustreich, und Ischmasch musste sogar kurz vor dem Umbau durch eine Insolvenz saniert werden. Probleme mit der Wirtschaftlichkeit blieben: Kurz nach seinem Antritt beschwerte sich Kriworutschko, nur 26 Prozent der rund 4600 Kalaschnikow-Mitarbeiter seien an der Herstellung der Waffen beteiligt.

          Über 100 Millionen Gewehre des Urmodells sollen produziert worden sein

          Einer jener Waffenkonstrukteure war lange Jahre Michail Kalaschnikow selbst. Der geborene Tüftler entwickelte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das Urmodell des bekannten automatischen Sturmgewehrs, das die Bezeichnung AK-47 („Awtomat Kalaschnikow“, Modell 1947) erhielt und in dieser und den nachfolgenden Ausführungen in schier unerreichtem Ausmaß verkauft, nachgebaut und immer noch eingesetzt wird - billig, einfach zu bedienen und unverwüstlich. Über 100 Millionen Kalaschnikows sollen produziert worden sein.

          Dass „seine“ Gewehre in so vielen Konflikten so viel Leid über die Menschen brachten, soll Kalaschnikow zwar betrübt haben, aber er war stolz auf seine Erfindung. Er wurde bis zum Generalleutnant befördert, mit hohen Orden der Sowjetunion und Russlands behängt und starb Ende 2013 im Alter von 94 Jahren. Verteidigungsminister Sergei Schoigu sprach von einer Legende, einem wahren Held und einem Symbol für das Vaterland. Volumenmäßig ist der Ausstoß der Kalaschnikow-Werke heute nur noch ein Schatten von dem, was zur Sowjetzeit gefertigt wurde.

          Aber es geht aufwärts: Im Jahr 2014 schrieb Kalaschnikow einen Reinverlust von 340 Millionen Rubel (4,7 Millionen Euro), im vergangenen Jahr gelang bei einem Umsatz von umgerechnet 113 Millionen Euro immerhin ein Gewinn von 29 Millionen Euro. Möglich machten das laut dem Konzern auch das Modernisierungs- und Effizienzprogramm. Kommendes Jahr sollen 165 000 Handwaffen verkauft werden und der Umsatz bis 2020 um mindestens das Sechsfache zulegen. Kalaschnikow offeriert in Russland drei Arten von Pistolen und Gewehren - für die Armee, für die Jagd und für Sportschützen - und exportiert neben den militärischen auch zivile Varianten der Kalaschnikow-Gewehre.

          Konzern setzt auch auf Gefechtsausrüstung und Panzerung von Soldaten

          Ein wichtiges Exportziel für diese Waffen waren die Vereinigten Staaten, doch seit dem Jahr 2014 ist es um diesen Absatzmarkt ebenso geschehen wie um jenen der EU: Der Kalaschnikow-Konzern landete auf der Sanktionsliste von Washington und Brüssel, um den Kreml für seine Aggression im Ukraine-Konflikt zu bestrafen. Auch deshalb will das Unternehmen sich breiter aufstellen. Nur mit Waffen allein soll die geplante Expansion nicht gestemmt werden: nicht nur in themenverwandte Bereiche wie Gefechtsausrüstung und Panzerung von Soldaten will sich Kalaschnikow ausdehnen, auch die Konstruktion von Militärbooten oder sogar von Jachten für den zivilen Gebrauch wurde in Angriff genommen.

          Ob diese Strategie funktioniert, muss sich zeigen. Manche Idee mutet kurios an: Im August hat Kalaschnikow ein erstes eigenes Geschäft eröffnet, in dem nicht nur Kleidung und Taschen mit Kalaschnikow-Markenlogo gekauft werden können, sondern auch Nachbildungen der Gewehre. Außergewöhnlicher als der Laden ist sein Standort im Eingangsbereich eines Moskauer Flughafens. Vielleicht ist es eine typisch russische Geschäftsidee, Fluggästen auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle Schusswaffen-Attrappen zu offerieren.

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