https://www.faz.net/-gqe-80a91

Nespresso & Co. : Der Krieg um die Kaffeekapseln

Schön teuer: Nespresso inszeniert seine Kaffee-Kapseln. Bild: Wolfgang Eilmes

Früher wurden Kaffeekapseln anderer Firmen von Nespresso zerquetscht. In den Maschinen und vor Gericht. Doch die Situation hat sich geändert.

          Für Jean-Paul Gaillard ist die Sache klar: „Nestlé wollte uns erledigen.“ Mit einer ganzen Flut von Klagen habe der Nahrungsmittelkonzern versucht, ihn und sein Unternehmen ins Aus zu befördern. „Doch man hat uns unterschätzt. Unsere Anwaltskosten summieren sich auf 10 Millionen Euro. Aber wir sind immer noch da. Und jetzt drehen wir den Spieß und verklagen Nestlé auf Schadenersatz.“ Gaillard ist eigentlich ein Marketing-Fachmann. Aber seit er die Seiten gewechselt hat, ist er zu einem Krieger mutiert, einem Kaffeekrieger.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Der Schweizer war früher einmal der Chef von Nespresso, jener Tochtergesellschaft von Nestlé, die unter eben diesem Namen seit vielen Jahren sehr erfolgreich Kaffee in Aluminiumkapseln verkauft. Doch vor sieben Jahren ging er seine eigenen Wege und beschloss, Nespresso frontal anzugreifen. Er gründete die Ethical Coffee Company (ECC) und brachte eigene Kapseln auf den Markt, die in die Nespresso-Maschinen hineinpassen.

          Das jedoch wollte sich Nestlé nicht gefallen lassen. Unter Verweis auf den Patentschutz überzog der Konzern den Emporkömmling mit einer Fülle von Klagen. Schließlich galt es, ein höchst lukratives Geschäft vor Nachahmern zu schützen. In den besten Zeiten sollen die Nespresso-Kapseln, die zu hohen Preisen in einem geschlossenen System am klassischen Einzelhandel vorbei verkauft werden, Gewinnmargen von mehr als 40 Prozent beschert haben. Der Jahresumsatz wird auf rund 5 Milliarden Euro geschätzt. Nestlé selbst veröffentlicht keine Zahlen zu Nespresso.

          Das Nespresso-Patent ist nichtig

          Die juristischen Scharmützel hätten ECC schon geschadet, man habe länger als geplant Verlust gemacht, sagt Gaillard im Gespräch mit dieser Zeitung, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Aber letztlich sei Nestlé mit seiner Verhinderungstaktik gescheitert. Als Beleg für diese Aussage führt er den jüngsten Beschluss des 2. Senat des Bundespatentgerichts in München an. Das Gericht hat ein europäisches Patent für das Nespresso-Kaffeekapselsystem für nichtig erklärt. Dieses Patent gehöre zu einer Reihe von Patenten, die Nespresso überhaupt erst angemeldet habe, um hernach juristisch gegen seine Wettbewerber vorzugehen, behauptet Gaillard.

          Viel wichtiger ist aus seiner Sicht das Urteil, welches die Wettbewerbshüter in Frankreich im September vergangenen Jahres gefällt haben. Sie verdonnerten Nespresso als marktbeherrschendes Unternehmen (geschätzter Marktanteil: 85 Prozent) dazu, neue Kaffeemaschinen schon Monate vor dem Marktstart allen übrigen Kapselherstellern zu Testzwecken zur Verfügung zu stellen.

          So soll verhindert werden, dass Nespresso technische Vorkehrungen trifft, die das „Auspressen“ einer firmenfremden Kaffeekapsel erschweren. Genau dies hatten die Schweizer in der Vergangenheit immer wieder geschafft. So bauten sie einen sogenannten Piratenhaken ein, der im Ergebnis dazu führte, dass Nachahmerkapseln zerquetscht wurden. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Konkurrenten, die zu günstigeren Preisen Kapseln anbieten, welche problemlos in Nespresso-Maschinen passen. Und das nicht nur in Frankreich. In Deutschland ist unter anderem Dallmayr in das Geschäft eingestiegen.

          150 andere Kapseln passen in die Kaffeemaschinen

          Nespresso reagiert nach außen hin gelassen auf die veränderte juristische Lage. „Das Urteil des Bundespatentgerichts hat uns nicht überrascht“, sagte eine Sprecherin des Unternehmens. Es liege auf einer Linie mit einer Reihe anderer Gerichtsentscheidungen und habe keinerlei Einfluss auf die derzeitige Konkurrenzsituation. Im Weltmarkt für Kaffeekapseln stehe Nespresso im Wettbewerb mit mehr als 150 anderen Portionsdöschen, die kompatibel mit Nespresso-Maschinen seien. Nach dem Ende dieses jahrelangen Patentstreits werde man sich nun darauf konzentrieren, den Kunden weiterhin innovative und qualitativ hochwertige Produkte anzubieten.

          Laut Jean-Paul Gaillard sind von Seiten Nestlés in der Tat allenfalls noch kleinere Klagen anhängig. Er sagt für sein Unternehmen nun ein starkes Umsatzwachstum voraus. Seine Aktionäre, darunter die Familie Benetton, seien willens und bereit, dieses Wachstum nötigenfalls mit frischem Kapital zu unterlegen.

          Seinen früheren Arbeitgeber sieht Gaillard hingegen auf dem absteigenden Ast: „Nespresso wird Marktanteile verlieren und auch bei der Marge Federn lassen.“ Nach Ansicht von Analysten könnte Gaillard mit dieser Prognose schon allein deshalb Recht behalten, weil Nestlé die Nespresso-Kapseln bisher ausschließlich in der Schweiz produziert und anschließend exportiert. Und dieser Heimatstandort ist durch die jüngste Aufwertung des Schweizer Franken schlagartig noch teurer geworden.

          Weitere Themen

          Automat tauscht alte Handys ein

          Media Markt : Automat tauscht alte Handys ein

          Millionen Handys verstauben in Schubladen. Dabei gibt’s für funktionierende Altgeräte gutes Geld - im Laden, im Internet und jetzt sogar am Automaten. Und aus den restlichen holen die Experten noch tonnenweise Kupfer, Kobalt und sogar Gold.

          Topmeldungen

          Series 5 im Test : Wie gut ist die neue Apple Watch?

          Am Freitag kommt die neue Smartwatch von Apple in den Handel. Die dunkle Anzeige im Ruhemodus ist damit Vergangenheit. Das Display der Series 5 ist immer eingeschaltet. Aber es gibt ein Problem.
          Hefte raus, wir schreiben Abitur: Gymnasium im oberbayerischen Kirchseeon

          Bildungspolitik : Das Abi ist ungerecht

          Jedes Land hat seine eigenen Aufgaben für die Prüfungen. Aber für alle Schüler gilt an der Uni der gleiche NC. Da muss sich was ändern.
          Der Softwarehersteller SAP ist zunehmend mit der Kritik von Kunden konfrontiert.

          Konzern in der Kritik : „SAP muss gewaltig aufpassen“

          Der Verband der SAP-Nutzer bemängelt Lücken in der Software und die schlechte Integration der Programme. Zudem verliert der Konzern viele qualifizierte Mitarbeiter – die Kunden äußern Kritik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.