https://www.faz.net/-gqe-afznv

„Gruppe Wagner“ : Das Söldner-Unternehmen, das es nicht gibt

Der Kreml streitet jede Verbindung zur „Wagner-Gruppe“ ab. Bild: EPA

Wer steckt hinter den russischen Kämpfern, von denen nun im Zusammenhang mit dem Mali-Einsatz auch der Bundeswehr die Rede ist? Alles deutet auf einen Geschäftsmann, den sie „Putins Koch“ nennen.

          3 Min.

          Die russische Söldnertruppe „Gruppe Wagner“, von der im Zusammenhang mit dem Mali-Einsatz unter anderem der Bundeswehr gerade die Rede ist, ist eigentlich kein Unternehmen. Es dürfte zumindest keines sein, denn in Russland sind private Militärfirmen offiziell verboten.

          Katharina Wagner
          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.
          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Dennoch kämpften und kämpfen „Wagner“-Söldner in verschiedenen Ländern, in denen Russland Krieg führt oder Interessen hat – etwa in der Ukraine, in Syrien und Libyen, Sudan, in der Zentralafrikanischen Republik und in Moçambique. Der Kreml weist jede Verbindung zu den Söldnern von sich, aber vieles deutet darauf hin, dass die „Wagner“-Truppe im Interesse Moskaus handelt und in Abstimmung mit dem Militär aktiv ist, und war immer dort, wo Russland offiziell nichts mit einem Konflikt zu tun haben oder nicht über getötete Soldaten berichten will.

          Bis zu 3000 Euro im Monat

          Wie zum Beispiel in Syrien, wo Russland im Jahr 2015 offiziell nur mit der Luftwaffe an der Seite von Diktators Baschar al Assad in den Krieg eintrat. Später wurden Todesfälle regulärer Soldaten am Boden zugegeben. Unklar ist hingegen, wie viele „Wagner“-Söldner in Syrien gefallen sind. Es dürften Hunderte sein, zahlreiche allein bei dem Versuch, im Februar 2018 eine von Assad-Gegnern gehaltene Ölanlage unter Kontrolle zu bringen. Sie wurden von der amerikanischen Luftwaffe zurückgeschlagen.

          Ein früherer „Wagner“-Kämpfer klagte später über das russische Militär, das dem amerikanischen Kontaktmann versichert habe, an dem Angriff seien keine Russen beteiligt, um die offizielle Legende aufrechtzuerhalten. Zwar erhalten „Wagner“-Söldner laut zahlreichen Berichten russische Staatsorden und werden auf einem Gelände des Militärgeheimdienstes GRU im südwestrussischen Gebiet Krasnodar ausgebildet. Doch der Vorfall in Syrien zeigt die Grenzen der Verbindungen zum Militär: Freischärler bleiben Freischärler.

          3 Monate F+ für nur 3 €

          Zum Geburtstag von F+ lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET für nur 3 Euro im Monat.

          JETZT F+ LESEN

          „Wagner“ rekrutiert besonders Männer mit Erfahrung in Militär und Sicherheitskräften. Sie sollen in Gefechtseinsätzen bis zu 3000 Euro im Monat verdienen können. Das ist in Russland enorm viel Geld. Und dennoch wurde mehrfach über Nachschubprobleme berichtet, wohl wegen der Gefährlichkeit der Einsätze. Diese dürften sich besonders für ihre Hintermänner lohnen: Sie sollen von den lokalen Auftraggebern mit Zugang zu Rohstoffen belohnt werden, etwa mit Diamanten- und Goldschürfrechten in Sudan und der Zentralafrikanischen Republik. Dort wurden bei Recherchen zu „Wagner“ im Jahr 2018 drei russische Journalisten ermordet.

          Offiziell ist nicht klar, wem die „Gruppe Wagner“ gehört. Ihr Name geht zurück auf den Spitznamen eines ihrer Kommandeure, des früheren GRU-Offiziers Dmitrij Utkin, der in seiner Zeit bei „Wagner“ im Kreml empfangen worden ist: Präsident Wladimir Putin ehrte Utkin, der eine Vorliebe für den Komponisten Richard Wagner haben soll, Ende des Jahres 2016 als „Held der Vaterslands“.

          „Putins Koch“

          Die Söldner werden aufgrund von Recherchen russischer Journalisten dem Putin-Weggefährten und Milliardär Jewgenij Prigoschin zugeschrieben. Er wird  auch „Putins Koch“ genannt, weil sein Aufstieg mit einem Luxusrestaurant begann, das der Präsident gerne besuchte. Im Jahr 2002 brachte Putin den damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush mit in Prigoschins Sankt Petersburger Restaurant. Später gründete Prigoschin die Catering-Firma „Concord“. Bald bekam er große Staatsaufträge, belieferte Kindergärten, Schulen und die gesamte russische Armee, und richtete bei Inaugurationsfeiern nach Präsidentenwahlen Festbankette im Kreml aus.

          Über viele weitere Projekte und Unternehmen, mit denen Prigoschin außerdem in Verbindung gebracht wird, gibt es keine offiziellen Angaben, nur glaubhafte Recherchen unabhängiger Medien. So zeigten Journalisten im Jahr 2019, wie etliche Firmen, die mit Prigoschin zusammenhingen, aber als unabhängige Konkurrenten auftraten, Aufträge  des Verteidigungsministeriums gewannen. Auch die Nachrichtenagentur Ria Fan wird Prigoschin zugeschrieben, die russische Propaganda verbreitet, sowie politische Berater, die ebenfalls in Afrika aktiv sind.

          Junge Männer, die Oppositionellen auflauern und sie verfolgen, werden ebenfalls mit Prigoschin verbunden. Zudem soll er der Organisator jener „Troll-Fabrik“ in Sankt Petersburg sein, die soziale Netzwerke in Russland, Westeuropa und den Vereinigten Staaten mit Kreml-Propaganda und Fake News überschwemmt. Das amerikanische Finanzministerium hält Prigoschin jedenfalls für den Finanzier dieser „Troll-Fabrik“, die während des Präsidentenwahlkampfs von im Jahr 2016 versucht habe, die amerikanische Öffentlichkeit zu beeinflussen. Es hat Prigoschin deshalb und weil er der „Financier hinter dem privaten Militärunternehmen „Wagner“ sei mit Sanktionen belegt. Prigoschin – der selbst  jede Verbindung zu „Wagner“ bestreitet – nutze ein „komplexes Netzwerk“ von Scheinfirmen, um die Sanktionen zu umgehen und seine Besitzverhältnisse zu verschleiern, erklärte das Finanzministerium in Washington im April dieses Jahres, und weitete die Sanktionen gegen mit ihm verbundene Geschäftspartner aus – was in Russland ein Ritterschlag ist.

          Dass Prigoschin zu großem Reichtum gekommen ist, zeigen Fotos seiner erwachsenen Kinder auf Instagram, welche die Antikorruptionsstiftung von Alexej Nawalnyj vor dem Löschen sichern konnte: Darauf war eine 37 Meter lange Jacht mit goldenen Bettbezügen zu sehen, ein Privatflugzeug sowie Ausblicke aus einer palastartigen Villa am Schwarzen Meer.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erste Rede von Bärbel Bas : Respekt für die Bürger

          Der Bundestag wählt Bärbel Bas zu seiner Präsidentin. Sie wirbt für mehr Bürgernähe – und fordert, endlich eine Wahlrechtsreform anzugehen, „die den Namen verdient“. Bei der Wahl ihrer Stellvertreter fällt der AfD-Kandidat durch.

          Neue Häuser : Ein Hoch auf das Schachtelprinzip!

          Einst Gemüselager, heute Loft: Nach dem Umbau zeigt sich eine Halle in Aschaffenburg von ihrer wohnlichen Seite. Und das ganz ohne Wände.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.