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Jung von Matt : Das Leben nach dem Mercedes-Stern

Kreativschmiede: Für seine Mercedes-Werbung gewann Jung von Matt stets viele Preise. Bild: Mercedes-Benz/Jung von Matt

Jung von Matt gilt als die beste Werbeagentur Deutschlands. Doch kürzlich hat sie ihren wichtigsten Kunden verloren: Mercedes-Benz. Wie geht es jetzt weiter?

          3 Min.

          Die „Stimme aus dem Aquarium“ klang anders als sonst, sie klang zufrieden. Normalerweise ist Jean-Remy von Matt keiner, der mit Lob um sich wirft. Häufig ist der Kreativchef der Werbeagentur Jung von Matt in seinen wöchentlichen Rundmails - benannt nach dem Aquarium auf der Vorstandsetage - sogar ziemlich unzufrieden, doch an diesem Montag war das anders. Fachkundig, neugierig, intelligent: So pries er seine Mannschaft, nachdem diese einen Manager des sozialen Netzwerks Instagram ausgefragt hatte. Diese Thementiefe - einfach toll!

          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die Mitarbeiter der Agentur können derlei Aufmunterung gut gebrauchen. Viele Jahre heimsten sie Auftrag um Auftrag, Auszeichnung um Auszeichnung ein. Sie waren es, die sich den Slogan „Geiz ist geil“ für Saturn ausdachten und Angela Merkel in ein Sixt-Cabrio setzten. Doch im November bekam das über fast 25 Jahre aufgebaute Selbstbewusstsein einen empfindlichen Knacks, da kündigte der wichtigste Kunde der Agentur die Zusammenarbeit auf: Mercedes-Benz. Fast noch schlimmer als die Nachricht an sich war die Begründung: Nicht kraftvoll genug sei das gewesen, was Jung von Matt zuletzt präsentiert habe. Da mussten die erfolgsverwöhnten Kreativen erst mal schlucken.

          100 Mitarbeiter für eine Marke

          Auf dem alljährlichen Presseabend der Agentur in Hamburg erwähnte Vorstandschef Peter Figge Mercedes am Montag nur ein einziges Mal - als es darum ging, mit welchen Arbeiten die Agentur im vergangenen Jahr so viele Preise auf Werbefestivals gewonnen hatte wie keine andere. Davon abgesehen probte er bereits das Leben ohne den Stern. Anders als Agenturgründer und Aufsichtsrat Holger Jung, der sogleich seinen Mercedes verkaufte, hält Figge sich mit Emotionen zurück. „Es war ein herausforderndes, ein bewegtes Jahr“, mehr Enttäuschung ist von ihm nicht zu hören. Er wird seinen Mercedes so lange fahren, bis der Leasingvertrag endet. Jetzt müssen erst mal neue Aufträge für die rund 100 Mitarbeiter große Abteilung her, die sich bislang um den Autohersteller kümmert.

          Jean-Remy von Matt: Der Agenturgründer kann sich ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen.
          Jean-Remy von Matt: Der Agenturgründer kann sich ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen. : Bild: Picture-Alliance

          Viel lieber als über Mercedes redet Figge über die Fortschritte im digitalen Bereich. Als die Agenturgründer ihn vor fünf Jahren zum Chef und Teilhaber machten, stand der Name Jung von Matt vor allem für opulente Fernsehspots. Nun verkündet Figge stolz: Ein Viertel des Umsatzes kommt aus dem Online-Geschäft, und fünf der zwanzig meistgeklickten Werbevideos auf Youtube sind von Jung von Matt, darunter der Ohrwurm „Supergeil“ für die Supermarktkette Edeka. Selbst Grandseigneur Jean-Remy von Matt, der Blogs einst als die Klowände des Internets abtat, schwärmt dieser Tage auffällig oft von Facebook & Co. Hier werde Kreativität wenigstens belohnt und nicht wie sonst in der Marktforschung weichgespült. Finanziell könnte es freilich besser laufen: 2014 legte der Umsatz in Deutschland nur um 2,3 Prozent auf 81,2 Millionen Euro zu - im Branchendurchschnitt betrug das Wachstum laut Agenturverband GWA dagegen knapp 8 Prozent.

          Schwieriger Generationenwechsel

          Noch halten die Gründer Holger Jung und Jean-Remy von Matt die Mehrheit an der Agentur, doch wenn der Mercedes-Verlust verdaut ist, steht das nächste Großprojekt an: der Generationenwechsel. Im September stoßen Thomas Strerath und Larissa Pohl sowohl zum Vorstand als auch zum Gesellschafterkreis, beide kommen vom Wettbewerber Ogilvy und sind für ihr strategisches Geschick bekannt. Was dann noch fehlt, ist ein Nachfolger für den 62 Jahre alten Kreativchef. Schon seit Jahren baut Jean-Remy von Matt an einem Altersruhesitz in Berlin und macht dabei seinem Ruf als Perfektionist alle Ehre; das Dach des Hauses ist angeblich den Brüsten seiner Frau nachempfunden. In diesem Sommer soll der Bau tatsächlich fertig werden, „JR“ will dann etwas kürzertreten, wie er sagt. Langfristig schwebt ihm eine Aufgabe als Mentor in der Berliner Start-up-Szene vor. Nichtstun ist keine Option: „Man wird alt, wenn man nichts macht“, sagt von Matt.

          Trojanisches Pferd: Das Wappenzeichen der Agentur ist am Firmensitz in Hamburg allgegenwärtig.
          Trojanisches Pferd: Das Wappenzeichen der Agentur ist am Firmensitz in Hamburg allgegenwärtig. : Bild: Florian Sonntag

          Wenn sich die Gründer zurückgezogen haben, wird Vorstandsvorsitzender Figge den größten Anteil an der Agentur halten, so ist es zumindest geplant. Den Verkauf an einen internationalen Werbekonzern lehnt er ab, auch das Übernahmeangebot einer großen IT-Beratungsgesellschaft schlug er schon dankend aus. Lieber baut Figge die Agentur selbst zu einem „Lösungsanbieter“ um. Eine Tochtergesellschaft entwickelt gerade neue Apps für die Lufthansa, und auch sonst wird eifrig programmiert. Dennoch sagt Figge: „Auf einem 42-Kilometer-Marathon haben wir gerade mal die ersten 500 Meter geschafft.“

          Einige Kreative sehen die IT-Offensive mit gemischten Gefühlen, in ihrer Welt sind nach wie vor die Löwen, die auf dem Werbefestival in Cannes vergeben werden, das Maß der Dinge. Dass sich diese Kluft mitunter auch im Vorstand auftut, zeigte sich, als Figge am Montagabend eine Liste jener Berufe an die Wand warf, in denen Jung von Matt gerade Verstärkung sucht. „CGI Artist“, „UX Designer“ und „RIA Developer“ stand da. Kompagnon Jean-Remy von Matt sichtete derweil lieber die neuesten Nachrichten auf seinem Smartphone. Ob er wisse, was sich hinter den Kürzeln verberge? „Nö.“ Er hat Wichtigeres zu tun - zum Beispiel einen Ersatz für Mercedes ranschaffen.

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