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Jürgen Großmann im Gespräch : „Ich bin kein verbitterter alter Mann“

  • Aktualisiert am

Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender der RWE AG (bis 30. Juni 2012), bei der Arbeit Bild: Pilar, Daniel

RWE-Chef Jürgen Großmann nimmt Ende Juni Abschied. Im Interview spricht er über Fukushima, sein krankes Herz, die Häme der Gegner und die wichtigen Frauen in seinem Leben.

          6 Min.

          Herr Großmann, das Schönste an Ihrem Abschied Ende Juni ist: nie wieder Energiegipfel, oder?

          Ich will das mal so sagen: Wenn meine Mutter früher rief „Das ist ja der Gipfel!“, dann war etwas Ungehöriges passiert. Deswegen war das Wort für mich immer negativ belegt. Und so ist es nach gefühlten 23 Energiegipfeln geblieben.

          Hat Frau Merkel beim letzten Energiegipfel jetzt im Mai etwas Nettes zum Abschied gesagt?

          Nein. Da wurde noch kein weißes Taschentuch herausgeholt. Ich verschwinde ja auch nicht komplett von der Bildfläche. Ich bleibe schließlich ein ums Vaterland besorgter Unternehmer, in dessen Firmen rund 14.000 Menschen arbeiten. Da sieht man sich schon noch einmal wieder.

          Also keine Jürgen-Großmann-Abschiedstournee?

          Es gäbe ja kaum etwas Peinlicheres. Eine Betriebsrätekonferenz, ein Abendessen mit dem Aufsichtsrat und ein Abschiedsfest in unserem Familienhotel in Arosa: das war es dann.

          War es in der Rückschau eine gute Entscheidung des Unternehmers Jürgen Großmann, zu RWE zu gehen?

          Ich habe mich das natürlich auch gefragt. Ich finde, dass die Aufgabe bei RWE mir als Unternehmer der Schwerindustrie neue Einsichten vermittelt hat und mich intellektuell gefordert hat. Das war schon gut für mich.

          Aber es war auch eine Zeit der Enttäuschungen?

          Ich sehe in Ihren Augen hoffentlich nicht aus wie ein verbitterter alter Mann?

          In Ihrer Amtszeit lagen nun einmal Fukushima, die Energiewende und der Niedergang der Versorgeraktien.

          Wir führen aber jetzt bitte kein Kernkraft-Interview! Diese Messe ist wirklich gesungen.

          Jürgen Großmann weist seinem Nachfolger Peter Terium den Weg
          Jürgen Großmann weist seinem Nachfolger Peter Terium den Weg : Bild: dpa

          Nein, das Thema möchte ich auch nicht mehr ausbreiten. Dennoch: Was waren die Enttäuschungen?

          Der Tiefpunkt war gar nicht Fukushima. Es war die Häme, mit der die Politik uns mit Sondersteuern belegte. Und es war die permanente Unterstellung, die großen Energieversorger würden nur auf den Eigennutz und den schnellen Profit aus sein, statt anzuerkennen, dass wir langfristige Ziele verfolgen.

          Sie wollen damit sagen, Sie hatten keinen Einfluss auf die Politik?

          Die Politik hat mehr auf Greenpeace und die Kirchen gehört als auf die Energieexperten und die betroffenen Unternehmen. Wir waren ja der Feind. Ich musste mich als Konzernchef zu oft vor Leuten verbeugen, die diese Hochachtung nicht verdient hatten.

          Sie meinen zum Beispiel Bundesumweltminister Norbert Röttgen?

          Ich nenne keine Namen.

          Einverstanden. Aber empfinden Sie Genugtuung, dass Norbert Röttgen nun als Umweltminister entlassen wurde?

          Nein, zu jeder Karriere gehören auch Niederlagen, an denen man wächst. Es gibt keine Karriere ohne Widerstände. Zur Führung gehört eben auch Demut. Aber wenn ich Verbeugungen bereue, so bezieht sich das nicht nur auf die Politik.

          Sondern?

          Ich bereue auch Verbeugungen vor den Kapitalmärkten. Börsennotierte Energie-Konzerne müssen sich fragen, wer ihr Impulsgeber ist: Zu häufig ist es der Kapitalmarkt und nicht der Energiemarkt. Mittelständler sind einfach näher an ihren Kunden, und nur darüber führt der Erfolg.

          Haben Sie RWE verändert?

          Ich glaube schon, dass ich RWE aufgerüttelt habe. Als ich kam, gab es keine Strategie für erneuerbare Energien, das Kostendenken war nicht ausgeprägt. Das ist jetzt anders.

          Buhmann der AKW-Gegner auf der RWE-Hauptversammlung 2011
          Buhmann der AKW-Gegner auf der RWE-Hauptversammlung 2011 : Bild: dpa

          Die Börsen scheinen das nicht anzuerkennen.

          Bei meinem Amtsantritt lag der Kurs bei 80 Euro, dann kletterte er auf 104, und alles schien möglich. Ich wurde sogar vom amerikanischen Finanzmagazin „Institutional Investor“, zum CEO des Jahres gewählt. Später sank der Kurs auf 21 und jetzt liegt er bei über 30.

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