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Jürgen Fitschen : Ausgerechnet der Geradlinigste

  • -Aktualisiert am

Jürgen Fitschen will einen Kulturwandel in der Bankenbranche Bild: dpa

Jürgen Fitschens Glaubwürdigkeit muss nicht dauerhaft unter den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen leiden. Fitschen steht wie kein anderer für den Neuanfang der Deutschen Bank.

          Wahrscheinlich hat Jürgen Fitschen einfach Pech. Nachdem die Jahresumsatzsteuererklärung 2009 für den Konzern Deutsche Bank im vierten Quartal 2010 von Steuerfachleuten erstellt worden war, unterschrieb sie der Hauptverantwortliche für Steuern, Finanzvorstand Stefan Krause. Nach dem Vier-Augen-Prinzip musste noch ein weiteres der damals sieben Vorstandsmitglieder unterschreiben, und es traf ausgerechnet den damals für das Geschäft in den Weltregionen verantwortlichen Fitschen. Der inzwischen zum Co-Vorstandsvorsitzende aufgestiegene Fitschen sei gerade in der Zentrale verfügbar gewesen, heißt es.

          Es hätte also auch ganz anders laufen können: Anstatt Fitschen hätte eigentlich der damalige Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann die Unterschrift unter die Steuererklärung leisten sollen; doch der war anscheinend nicht anwesend. Als nächste wären auch der für das Investmentbanking verantwortliche Anshu Jain oder der damals für Risikomanagement verantwortliche Hugo Bänziger in Betracht gekommen. Sie hätte es wohl zumindest ebenso treffen können wie Fitschen, jetzt wegen der Unterschrift unter eine angeblich falsche Steuererklärung der schweren Steuerhinterziehung verdächtigt zu werden.

          Bemerkenswert ist, dass Fitschen offenbar die Steuererklärung nicht „einfach so“ unterschrieben, sondern Krause durchaus Fragen gestellt hat. Vermutlich beschäftigte Fitschen damals schon, ob die 310 Millionen Euro an geltend gemachten Umsatzsteuerrückansprüchen tatsächlich ihre Berechtigung haben. Insofern hätte Fitschen guten Grund, seinen Ruf nun sehr offensiv zu verteidigen, was er auch tun will. Dies ist wohl zudem fast seine einzige Chance, sich der öffentlichen Vorverurteilung zu erwehren, die auch seine persönliche Glaubwürdigkeit jedenfalls zu erschüttern droht.

          Die Notwendigkeit eines Kulturwandels permanent im Munde

          Denn Fitschen hilft es wenig, dass die angeblichen Umsatzsteuerbetrügereien in Jains Investmentbanking-Einheit angefallen sind, worauf ausgerechnet Vertraute von Ackermann jetzt hinweisen. Und es ist nur ein Randaspekt, dass Bänzigers Abteilung für Risikomanagement dank angeblich sehr guter Kontakte zu den staatsanwaltlichen Ermittlern nachgesagt wird, vor einer ersten Hausdurchsuchung in der Steuersache im Frühjahr 2011 gewarnt worden zu sein. Auch ist der Rufschaden für die Bank nur schwer gut zu machen. Der Einsatz von 500 Ermittlern, die Bilder über die Durchsuchung der Geschäftsräume, die Inhaftierung von fünf Mitarbeitern und die von der Staatsanwaltschaft nach jahrelangen Ermittlungen erhobenen Vorwürfe der schweren Steuerhinterziehung, der Geldwäsche und der Strafvereitelung lassen schlimme Zustände in der Bank befürchten. Fitschen aber kommt zugute, dass er wie kein anderer im Vorstand der Deutschen Bank mit der Ära Ackermann und ihren vielen ungeklärten Rechtsfällen brechen will.

          Seit Fitschen gemeinsam mit Jain im Juni gegen Ackermanns Wunsch dessen Nachfolger wurde, führt Fitschen die Notwendigkeit eines Kulturwandels in der Bankbranche permanent im Munde. Schon im ersten Interview nach dem Wechsel an die Vorstandsspitze markierte der 64 Jahre alte Fitschen, immerhin seit 1987 für die Deutsche Bank tätig, den Neuanfang: „Wir müssen die richtige Mischung aus Gewinnstreben und gesellschaftlicher Verantwortung finden“, sagte Fitschen dieser Zeitung, wohl auch als Kritik an Ackermanns alter Zielrendite von 25 Prozent. Nicht alle legalen Geschäfte seien auch legitim. Auf der ersten Pressekonferenz des neuen Führungsduos im September hieß es dann, wer nur bei der Deutschen Bank arbeiten wolle, um reich zu werden, sei dort fehl am Platze.

          Weg vom schnellen Gewinn hin zu dauerhaften Ertragssäulen

          Wenn Fitschen derartig Sätze sagt, klingen sie glaubwürdiger als bei anderen. Es gibt nur wenige Bankvorstände, die derart geschliffen frei formulieren können und dabei derart energisch, fast militärisch korrekt und geradlinig wirken wie der nicht sonderlich hoch gewachsene, aber drahtige Fitschen. Man könnte ihn sich gut in einer Talkshow vorstellen, nicht den Typ des modernen Bankers verkörpernd, sondern als knorriger norddeutscher Banker von altem Schrot und Korn.

          Fitschens Worte klingen aber nicht nur gut, er hat auch bei seinen Kunden einen tadellosen Ruf, die ihn an seinen Taten, also im wesentlichen an der Kreditvergabe messen. Schließlich war Fitschen jahrelang das Gesicht der Deutschen Bank für die deutschen Großunternehmen. Nicht nur aus dem Verband der Maschinenbaugesellschaften VDMA erhielt er am Donnerstag Rückendeckung. Verbandspräsident Thomas Lindner sagte: „Ich kenne Herrn Fitschen seit 25 Jahren und habe ihn immer als honorigen Menschen kennen und wertschätzen gelernt. Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse fügte hinzu: „Herr Fitschen stand auch in schwierigen Zeiten wie der letzten Krise immer dafür, die deutsche Industrie zu stützen.“

          Somit steht Fitschen trotz der Ermittlungen wegen schwerer Steuerhinterziehung und seiner schon durch den Verdacht angegriffenen Glaubwürdigkeit wie kein anderer für den Neuanfang der Deutschen Bank, weg vom schnellen Gewinn im Investmentbanking hin zu mehreren und dauerhaften Ertragssäulen. Gelingt Fitschen diese Neuausrichtung in seiner mit drei Jahren kurz bemessenen Amtszeit, wird er den jüngsten Glaubwürdigkeitsverlust leicht ausbügeln können. Vielleicht klingt ihm dies aber schon in den nächsten Tagen, falls er sich gegen die an ihn gerichteten Vorwürfe wehrt.

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