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Thyssen-Krupp und Tata Steel : Hiesingers Befreiungsschlag

  • Aktualisiert am

Wirkt befreit: Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger Bild: dpa

Joint-Venture mit Indien: Die Stahlsparte von Thyssen-Krupp fusioniert mit Tata Steel. Läuft Vorstandschef Heinrich Hiesinger trotzdem die Zeit davon?

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          Heinrich Hiesinger hat zwei Eigenschaften, die in der auf Quartalszahlen fokussierten Börsenwelt nicht immer positiv besetzt sind: Beharrlichkeit und Geduld. Schritt für Schritt arbeitet er einen Plan ab. Auch wenn es länger dauert, als er selbst erwartet hat, und Investoren ihm vorwerfen, zu zögern und zu zaudern. Jetzt aber kommt Hiesinger beim Umbau von Thyssen-Krupp einem entscheidenden Zwischenziel näher.

          Heute Nachmittag hat der Konzern bekanntgeben, dass die Stahlsparte in ein Joint-Venture mit Tata Steel überführt wird. Der neue Konzern soll als Thyssen-Krupp Tata Steel an den Start gehen und wird seine Zentrale in der Region Amsterdam ansiedeln. Das neue Unternehmen vereint drei große Produktionsstätten: Duisburg, Ijmuiden in den Niederlanden und Port Talbot in Großbritannien.

          Das Joint-Venture soll rund 48.000 Menschen beschäftigen, von denen bis zu 4000 gestrichen werden könnten. Addiert man die Umsätze der verschiedenen Bereiche auf, dürfte das Unternehmen auf einen Umsatz von 17 Milliarden Euro kommen. Mit 22 Millionen Tonnen jährlicher Stahlproduktion wird das Joint-Venture nach ArcelorMittal der zweitgrößte Produzent in Europa. Schätzungen zufolge liegen die Synergien bei bis zu 600 Millionen Euro.

          Wurzeln kappen für die Zukunft

          Hiesinger ist vor sieben Jahren als Vorstandschef angetreten. Mit der Fusion schreibt der Elektroingenieur aus Schwaben ein Stück deutsche Industriegeschichte. Er kappt die stählernen Wurzeln, damit sich der Ruhrkonzern ganz auf eine Zukunft als internationaler Anbieter von Industriegütern und Technologie konzentrieren kann.

          Mehr als zwei Jahre hat der frühere Siemens-Manager mit dem indischen Wunschpartner verhandelt. Erst legte der Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union dem Projekt unerwartete Steine in den Weg, dann der Führungswechsel im Tata-Konzern.

          Hiesinger hat sich allem Anschein nach nicht aus der Ruhe bringen lassen. Während seiner seltener gewordenen öffentlichen Auftritte ist ihm davon jedenfalls nichts anzumerken. Er gibt sich genauso umgänglich, geradlinig und schnörkellos wie immer. Eitles Managergehabe ist dem Mann mit dem grauen Bürstenhaarschnitt ohnehin fremd. Auch die anfänglichen Anfeindungen der Arbeitnehmer, die einen Jobkahlschlag befürchteten, hat er mit seiner gelassenen Art weggesteckt und am Ende ihre Zustimmung für den umstrittenen Deal gewonnen.

          Das Glück des tüchtigen Heinrich

          Zum Schluss war es ein Luxusproblem, das die Verhandlungen bremste: Thyssen-Krupp verdiente am Stahl zuletzt so prächtig, dass er bei der Bewertung des Gemeinschaftsunternehmens einen Nachschlag einfordern konnte.

          Es ist der Lohn für Hiesingers Aufräumarbeiten in den deutschen Werken, die es ihm erlaubt haben, aus einer Position der Stärke in die Verhandlungen zu gehen. Das Glück des Tüchtigen kam hinzu: Der Höhenflug der Stahlpreise beschert Thyssen-Krupps Hochöfen eine so nicht eingeplante Sonderkonjunktur.

          Doch Hiesinger kennt das Auf und Ab des Stahlgeschäfts zur Genüge, auf seine Strategie hat das Zwischenhoch keinen Einfluss. Im Stahlgeschäft „kann man in einem halben Jahr alles gewinnen und alles verlieren“, hat der 58 Jahre alte Vorstandschef die Unwägbarkeiten dieses Marktes einmal beschrieben.

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