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Neuer Deutsche-Bank-Chef : Heilsbringer im Sündenpfuhl

Chef ohne Hausmacht: John Cryan übernimmt die Geschäfte bei der Deutschen Bank. Bild: AFP

Am Mittwoch rückt John Cryan an die Vorstandsspitze der Deutschen Bank. Der Brite soll das Haus aus seiner schwersten Krise führen. Die Erwartungen an ihn sind hoch. Zu hoch?

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          Auf Vorschusslorbeer kann sich John Cryan nicht ausruhen, wenn er am Mittwoch sein Amt als Ko-Vorstandssprecher der Deutschen Bank antritt. Über den Rücktritt von Anshu Jain, dem die vielen Rechtsrisiken in seinem früheren Bereich, dem Investmentbanking, zum Verhängnis wurden, hatte die Börse noch gejubelt.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Aktienkurs der Deutschen Bank schoss vor drei Wochen in der Spitze um mehr als 8 Prozent nach oben. Doch am Montag gab der Anteilschein um fast 6 Prozent nach und notierte am Schluss mit 27,14 Euro unter dem Niveau, bevor Jain seinen Rücktritt angekündigt hatte.

          Es ist davon auszugehen, dass der Brite Cryan auf Vorschusslorbeer verzichten kann. Er gilt als fleißiger und gewissenhafter Manager, der durch Leistung überzeugen will. So war es bei der Schweizer Großbank UBS, die er als Finanzvorstand durch die schwere Zeit nach der Finanzkrise begleitet hatte. Dort hat sich Cryan nach Ansicht von Stuart Graham, Chef des unabhängigen Analysehauses Autonomous, einen exzellenten Ruf erworben.

          Verdächtigungen der Falschaussage

          Darüber hinaus gilt Cryan auch als einer, der mit den Investoren gut kann. Nicht umsonst war er bis Sommer 2014 Europa-Chef des Singapurer Staatsfonds Temasek. Doch nun steht er vor seiner schwierigsten Aufgabe: Er muss die Deutsche Bank aus der größten Krise in ihrer Geschichte führen.

          Sie befindet sich mit einem zu sehr vom Handel abhängigen Kapitalmarktgeschäft in einer strategischen Sackgasse. Ihr Geschäft im deutschen Heimatmarkt gestaltet sich aufgrund des intensiven Wettbewerbs als wenig profitabel. Schließlich haben die vielen Rechtsstreitigkeiten und Milliardenstrafen den Ruf der Bank so schwer beschädigt, dass es noch Jahre braucht, bis das Vertrauen in der Öffentlichkeit und unter Kunden wiederhergestellt wird.

          Dass der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner Cryan zutraut, diese Herkulesaufgabe zu meistern, dahinter mag auch der Wunsch Vater des Gedankens sein. Denn Achleitner muss sich den Vorwurf gefallen lassen, zu lange an Jain festgehalten zu haben. Erst recht, wenn nun bekannt wird, wie kritisch die deutsche Finanzaufsicht Bafin die Aufarbeitung des Skandals um Zinsmanipulationen bewertet und sogar Jain der Falschaussage verdächtigt. Möglicherweise gibt es in der Zinsaffäre für einzelne Mitarbeiter auch ein juristisches Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt soll Vorermittlungen eingeleitet haben.

          Ein schwieriger Spagat

          Cryan, der seit 2013 im Aufsichtsrat der Deutschen Bank sitzt, muss also auch für Achleitner die Kartoffeln aus dem Feuer holen. Da kann man sich schnell die Finger verbrennen, insbesondere dann, wenn man über keine Hausmacht verfügt. Die hatte Jain, insbesondere am Standort des Investmentbankings, in London.

          Dort verabschiedet sich nun Henrik Aslaksen, der das prestigeträchtige Beratungsgeschäft bei Unternehmensübernahmen und -fusionen geleitet hatte. Auch Colin Fan, als Ko-Chef im Investmentbanking für den Wertpapierhandel zuständig, werden als Vertrautem von Jain Abwanderungsgedanken nachgesagt. Cryan muss im Investmentbanking den schwierigen Spagat vollbringen, tiefe Einschnitte vorzunehmen und gleichzeitig wichtige Leistungsträger zu halten. Das Investmentbanking mag als Sündenpfuhl gelten, bleibt aber die wichtigste Ergebnissäule der Bank und trägt die Hälfte zum Gewinn bei.

          Schließlich sind die Rechtsrisiken der Bank noch längst nicht abgearbeitet. In den Vereinigten Staaten drohen weitere Ermittlungen. So arbeiten die Aufsichtsbehörden an einem Vergleich zu den verlustreichen Hypothekenanleihen, die an Investoren verkauft wurden, ohne dass die Banken diese auf die hohen Risiken hingewiesen haben.

          Bank im Brennpunkt

          Die Ausfälle amerikanischer Immobilienkredite hatten die Finanzkrise ausgelöst. Darüber hinaus werden nun auch mögliche Manipulationen beim Isdafix, einem Referenzzins für Zinstauschgeschäfte, untersucht. Die Deutsche Bank steht hier im Brennpunkt, denn aus dem Bafin-Bericht geht hervor, dass ein Händler den Isdafix zu Lasten des Kunden Pimco manipuliert haben soll.

          Die auf Anleihen spezialisierte Fondsgesellschaft der Allianz soll sich nach Verlusten bei der Bank beschwert haben. Auf eine empfindliche Strafe muss sich die Bank auch wegen Verstößen gegen amerikanische Embargovorschriften einstellen. Darüber hinaus können auch die Manipulationen am Devisenmarkt noch Ärger bereiten, denn einige Händler der Deutschen Bank mussten deshalb gehen.

          Da wundert es nicht, wenn Cryan, der sich bis zur Hauptversammlung im Mai 2016 die Vorstandsspitze mit Jürgen Fitschen teilen wird, sich erst mal Zeit lassen will. Denn es ist nicht damit zu rechnen, dass die Details zur neuen Strategie schon Ende Juli vorgestellt werden können, wie es Jain und Fitschen noch angekündigt hatten.

          Keine Hausmacht für den Chef

          Zum einen geht es hier um einen Stellenabbau, der im fünfstelligen Bereich liegen dürfte. Zum anderen betrifft es die Postbank, die Jain und Fitschen über die Börse verkaufen wollten, aber an der die spanische Bank Santander großes Interesse haben soll. Schließlich muss auch das Investmentbanking gestutzt werden.

          Hier wären Kürzungen ratsam, wo die Bank eine starke Position hat: im Anleihehandel. Doch der erfordert viel Eigenkapital, was wiederum die Rendite drückt. Konkurrenten wie Barclays oder UBS haben sich deshalb aus dem Bereich zurückgezogen.

          Die Lösung der schwerwiegenden Probleme der Deutschen Bank ist nach Ansicht von Graham alles andere als leicht. Seiner Ansicht nach fehlt Cryan die Erfahrung als Vorstandschef einer Bank, auch mit Silodenken innerhalb der Sparten der Deutschen Bank dürfte er wenig vertraut sein. Jedoch kann Cryan im Investmentbanking unbefangener Kürzungen vornehmen, als es Jain möglich gewesen wäre. Denn von den Querelen zwischen Investmentbanking und Privatkundengeschäft, also zwischen London und Frankfurt, ist Cryan noch unbelastet. Doch dem neuen Vorstandschef fehlt noch die Hausmacht. Ohne die wird er seine schwierigen Aufgaben nicht erfüllen können.

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