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John Cryan : Der neue Chef will in der Deutschen Bank aufräumen

„Soll und Haben“, die Türme der Deutschen Bank in Frankfurt. Bild: Max Kesberger

John Cryan rechnet in seiner Botschaft an die Mitarbeiter mit dem Vermächtnis seines Vorgängers Anshu Jain ab. Der Ruf sei beschädigt und die Bank ineffzient.

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          Gleich an seinem ersten Arbeitstag hat der neue Ko-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, John Cryan, mit der Arbeit seines Vorgängers Anshu Jain abgerechnet. In seiner Botschaft an die Mitarbeiter zählte Cryan am Mittwoch die zahlreichen Herausforderungen auf, die sich zugleich wie eine Mängelliste der vergangenen Jahre liest.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die wichtigste Botschaft war die Verschiebung der Details zu der neuen Strategie, die nun nicht Ende Juli, sondern erst Ende Oktober den Investoren vorgestellt werden sollen. Dabei steht im Mittelpunkt, wie die Deutsche Bank 3,5 Milliarden Euro im Jahr an Kosten einsparen will. Ein Stellenabbau, der im fünfstelligen Bereich liegen dürfte, gilt dabei als unvermeidbar.

          An der Börse wurde die Verschiebung nicht bestraft – im Gegenteil: Der Aktienkurs der Deutschen Bank, der in den vergangenen Tagen aufgrund der Griechenland-Krise deutlich verloren hatte, sprang zeitweise um 5 Prozent nach oben. Mit 28,40 Euro konnten die Verluste der beiden vorangegangenen Handelstage bis auf 0,40 Euro wettgemacht werden. Cryan kann zumindest als Erfolg werten, dass seine erste Botschaft an der Börse mit einem deutlichen Kursaufschlag honoriert wurde, obwohl er die Investoren bezüglich der Einzelheiten zur neuen Strategie vertrösten musste.

          Empfindliche Einschnitte kündigte Cryan im Investmentbanking an, also in dem Bereich, den Jain bis Juni 2012 geleitet hatte. Vor allem das große Handelsgeschäft mit Wertpapieren und Derivaten nimmt er ins Visier. Seiner Ansicht nach darf es nicht mehr so bilanzintensiv sein. „Diesen Luxus können wir uns nicht erlauben“, schrieb Cryan, der damit das Vermächtnis von Jain in Frage stellt. Denn dieser ist im Anleihehandel groß geworden und wollte daran festhalten, obwohl sich Konkurrenten wie Barclays oder UBS aus diesem Bereich zurückgezogen haben.

          Allerdings erfordert der Handel mit Wertpapieren aufgrund der strengeren aufsichtsrechtlichen Vorgaben mehr Kapitalpuffer, wodurch das Geschäft weniger profitabel ist. Cryan sieht in einem Rückzug keinen Wettbewerbsnachteil. Der Markt bewege sich schon in diese Richtung. „Wir können Kapazitäten für Wachstum freisetzen“, ist er überzeugt.

          John Cryan, damals noch bei der UBS.
          John Cryan, damals noch bei der UBS. : Bild: Reuters

          Seine Bestandsaufnahme über die aktuelle Lage der Deutschen Bank fiel ernüchternd aus: Das Haus stehe vor sehr großen Herausforderungen. Die Reputation sei durch Fälle von schwerwiegendem Fehlverhalten beschädigt worden. In der Folge hätten hohe Strafzahlungen die Kapitalressourcen belastet und werden wahrscheinlich noch einige Zeit eine Belastung darstellen.

          Diese Vergehen betreffen vor allem das Investmentbanking, weshalb Jain nicht mehr das Vertrauen der Aufseher, Anteilseigner und der Öffentlichkeit hatte und zurücktreten musste. Vor allem die Rekordstrafe wegen Zinsmanipulationen über 2,5 Milliarden Dollar und die Vorwürfe amerikanischer und britischer Aufsichtsbehörden, wonach die Bank falsche Angaben gemacht und die Ermittlungen verzögert habe, hatten den Druck auf Jain in den vergangenen Monaten erhöht.

          Der Chef findet die Bank nicht effizient genug

          Mit dem von Jain und Fitschen, der bis Mai 2016 Ko-Vorstandsvorsitzender bleibt, ausgerufenen Kulturwandel geht Cryan auch ins Gericht. „Unsere jüngsten Bemühungen, höchste Verhaltensstandards innerhalb der Bank zu etablieren, hatten den ungewollten Effekt, dass unsere Entscheidungsprozesse langsamer und umständlicher geworden sind.“ Die Bank habe sich zu sehr nach innen ausgerichtet und sei dadurch bürokratischer geworden. „Darunter hat unser Selbstvertrauen, mit der Außenwelt den Dialog zu führen, gelitten.“ Überhaupt ist dem Briten, der schon 2013 in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank einzog, das Institut zu ineffizient aufgestellt. „Unsere gegenwärtige finanzielle Performance spiegelt nicht unser enormes Potential wider.“ Dabei zählt Cryan mangelhafte und ineffektive Prozesse, veraltete und nicht angemessene Technologien, zu viele manuell ausgeführte Tätigkeiten und oftmals nicht zielführende Investitionen in die Infrastruktur als zentrale Schwachstellen auf.

          Das Geschäftsmodell sei zu komplex und müsse einfacher werden. Schließlich müssten die internen Prozesse neu ausgerichtet werden. „Wir müssen dem Überhandnehmen von Ausschüssen und Komitees entgegenwirken.“ Diese dürften nicht die persönliche Verantwortung des Einzelnen ersetzen. Eines seiner persönlichen Ziele stellt für Cryan die Verbesserung der internen Kommunikation dar. Der Vorstand soll den Mitarbeitern seine Ansichten direkt sagen. Umgekehrt soll der Vorstand von den Mitarbeitern erfahren, was richtig laufe und wo Verbesserungen notwendig seien.

          Auf den Briten, der sich als Finanzvorstand der UBS von 2008 bis 2011 einen guten Ruf erworben hat, wartet noch viel Arbeit. Mit einem Börsenwert von 39 Milliarden Euro ist die Deutsche Bank nicht unter den ersten 50 Banken der Welt zu finden. Eine ähnlich im Investmentbanking und im Privatkundengeschäft aufgestellte Bank wie die amerikanische JP Morgan ist dagegen 220 Milliarden Euro schwer. Die spanische Santander hat mit fast 90 Milliarden Euro eine mehr als doppelt so hohe Marktkapitalisierung. Für eine international ausgerichtete Bank, so wie sie sich die deutsche Politik und Wirtschaft wünscht, ist das zu wenig.

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